aktualisiert: 14.03.2012 17:21
Bewerten
 (0)

Allianz für Qualitätsberatung

Stephan Götzl, Genossenschaftsverband Bayern (GVB)
Verbraucherschutz
Die Bundesregierung kündigte jüngst die Einrichtung eines sogenannten Finanz-TÜVs an, die SPD forderte eine Stärkung der Honorarberatung. Worauf es bei der Finanzberatung für den Verbraucher ankommt.
€uro am Sonntag

von Stephan Götzl, Gastautor von Euro am Sonntag

Verbraucherschutz stärken — Honorarberatung etablieren“, fordert die SPD-Fraktion in einem kürzlich im Bundestag eingebrachten Antrag. In der Begründung heißt es sinngemäß, dass die vorherrschende Provisionsberatung große Schäden erzeugt habe. Sie sei mitverantwortlich dafür, dass Tausende Anleger in der Finanzkrise ihre Ersparnisse verloren haben. Deshalb sei die Honorarberatung als „echte Alternative“ politisch zu fördern.

Dieser Vorstoß ist nicht ganz neu. Bereits Mitte letzten Jahres hat das Bundesministerium für Verbraucherschutz ein Eckpunktepapier für eine gesetzliche Regelung der ­Honorarberatung vorgelegt. Die beiden Ini­tiativen vermitteln den Verbrauchern den Eindruck, dass die Provisionsberatung die Wurzel allen Übels sei. Zugleich wird ein neues Allheilmittel — die Honorarberatung —angepriesen.

Es ist einfach und sicherlich populär, auf der Hatz nach den Schuldigen an der Finanzkrise auf „die Banken“ zu zeigen. Noch ein­facher wird die Gleichung, wenn Provisionsberatung mit Falschberatung gleichgesetzt wird. Solche politischen Attitüden mögen dazu dienen, den Wahlkampf einzuläuten, sind jedoch keineswegs sachgerecht. Denn dadurch wird die Komplexität der Finanzberatung verkannt. Zwar sollte man die Dinge stets so einfach wie möglich sehen, aber eben auch nicht einfacher. Das hat bereits Albert Einstein erkannt.

Verbraucher haben einen
Anspruch auf gute Beratung

Jedenfalls gibt es keinen Kausalzusammenhang zwischen dem Ausbruch der Finanzkrise und etwa der Beratung der bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken und ihrer Mitarbeiter. Keiner ihrer Privatkundenberater ist verantwortlich für die fatalen Wetten der Investmentbanken, den Kursrutsch einzelner Staatsanleihen oder den Abwärtsstrudel an den Börsen, der auch Vermögen und Altersvorsorge von Privatanlegern erfasst hat. Anstatt falsche Feind- und Heilsbilder zu schaffen, sollte die Politik zusammen mit den Banken Wege suchen, etablierte Beratungsstrukturen weiterzuentwickeln, um auf diese Weise gemeinsam die beste Finanzberatung für Verbraucher zu gewährleisten. Doch dies wird nicht durch die Vorgabe und Regelung der Vergütungsart — Provision oder Honorar  —, sondern durch die Schaffung von Transparenz und Qualität erreicht. Darauf sollten Politik und Finanzinstitute ihre Anstrengungen konzentrieren.

Verbraucher haben einen Anspruch auf gute Beratung. Sie müssen den Banken und ihren Mitarbeitern vertrauen können. Deswegen ist es durchaus legitim, Wege zu suchen, den Verbraucher vor schlechten Produkten und mangelhafter Beratung zu schützen. Dafür bedarf es zunächst einer Vergegenwärtigung der grundlegenden Konfliktfelder der Finanzberatung. Das sind die Informations­asymmetrie und die entgegengesetzten Inter­essen der Vertragspartner. Bei der Finanz­beratung verfügen Verbraucher und Berater typischerweise über einen unterschiedlichen Informations- und Wissensstand. Dieser Unterschied ist hier ausgeprägter als bei anderen Geschäften. Denn Finanzprodukte sind keine materiellen Konsumgüter und somit für viele Verbraucher schwer „greifbar“. Zudem kennen sich viele Verbraucher nur wenig oder gar nicht mit Finanzthemen aus. Das ­sagen auch Umfragen. Danach hat mehr als die Hälfte der Deutschen wenig Ahnung von ­Finanzdingen.

Infomationsasymmetrie
sorgt für Interessenkonflikt

Diese Situation unterstreicht die volkswirtschaftliche Notwendigkeit von flächendeckender Finanzberatung. Ein unkundiger Verbraucher ist bei seiner Entscheidungsfindung regelmäßig auf eine Empfehlung seiner Bank angewiesen. Aufgrund der Informa­tions­asymmetrie kann es jedoch zu einem Konflikt zwischen dem Kundenbedürfnis und dem wirtschaftlichen Interesse des Beraters kommen. Dieser Interessenkonflikt besteht unabhängig von der Art der Vergütung. Er lässt sich auch durch ein Honorarmodell nicht auflösen.

Beim Provisionsmodell besteht grundsätzlich ein Anreiz, dem Kunden ein Produkt mit hoher Provision zu verkaufen. Genauso ist der Verdienst eines Honorarberaters von der Anzahl der Kundengespräche und der Beratungsdauer abhängig. Sein Anreiz besteht also darin, möglichst viele Beratungen durchzuführen und diese in die Länge zu ziehen. Schließlich muss er auf seine Kosten kommen. Denn Honorarberatung schließt den Anspruch ein, einen umfassenden Marktüberblick über eine Vielzahl von Produkten zu besitzen. Das wiederum setzt Rechercheleistungen und eine entsprechende Infrastruktur voraus. Beides kostet erheblich. Bezahlen müssen das die Kunden. Die wenigsten aber werden sich das leisten können.

Der unvermeidliche Interessenkonflikt zwischen Verbraucher und Berater kann aber durch Transparenz der Gebühren und die gleichzeitige Erhöhung der Qualitätsstandards minimiert werden. Seit Banken in Deutschland ihre vereinnahmten Provisionen gegenüber den Verbrauchern offenlegen und Ausnahmetatbestände weitgehend be­seitigt sind, wurde die Finanzberatung verbessert. Gleichzeitig hat sich während der ­Finanzkrise in der gesamten Bankenbranche eine Erkenntnis durchgesetzt: Der Verbraucher und seine Bedürfnisse müssen im Mittelpunkt der Anlageberatung stehen.

Daran sollte auch die europäische Politik konsequent anknüpfen. Im Rahmen des aktuellen Gesetzgebungsverfahrens von MiFID 2 (Markets in Financial Instruments Directive der EU-Kommission) sollte deshalb auf ein eindeutiges Transparenzgebot gesetzt werden. Denn es sorgt dafür, dass Verbraucher über die notwendigen Informationen verfügen, um selbstständig entscheiden zu können. Ihnen sollte es überlassen bleiben, ob sie lieber ein Beratungshonorar oder eine Vermittlungsprovision bezahlen möchten.

Banken verbessern Qualität
bereits durch Testkäufe

Daneben geht es darum, an der Verbesserung der Beratungsqualität zu arbeiten. Ein probates Mittel zur Qualitätssicherung können außerdem regelmäßige Testkäufe sein. Schon heute führen die Bankenverbände diese bei ihren Mitgliedsbanken durch. Um sicherzustellen, dass Belange des Verbraucherschutzes in den Tests methodisch umfassend berücksichtigt sind, könnten in Zukunft Vertreter des Bundesministeriums für Verbraucherschutz und der Verbraucherschutzverbände bereits bei der Konzeption der Testkäufe einbezogen werden. Die Ergebnisse würden auch den Aufsichtsbehörden zur Verfügung stehen.

Denn eine echte Verbesserung der Finanzversorgung in Deutschland und Europa kann nur durch konstruktive Zusammenarbeit und eine Allianz von Politik, Aufsichtsbehörden und Banken erreicht werden.
Beratungsdilemma (pdf)

Zur Person:

Stephan Götzl, Präsident des
Genossenschaftsverbands Bayern (GVB)

Professor Götzl begann seine berufliche Laufbahn nach dem Studium bei Siemens, war Staats­sekretär für Umwelt und Gesundheit in Rheinland-Pfalz, später Geschäftsführer der Pfleiderer AG, ab 1999 Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft und des Verbands der Metall- und Elektro­industrie. Seit 2005 ist er Vorstandsvorsitzender und Verbandspräsident des Genossenschaftsverbands Bayern GVB.
Der GVB vereint unter seinem Dach 1194 genossenschaftliche Unternehmen mit etwa 2,7 Millionen Mitgliedern. Dazu zählen 296 bayerische Volksbanken und Raiff­eisenbanken sowie 898 ländliche und ­gewerbliche Genossenschaften.

Artikel empfehlen?

Für den Live-Chat können Sie sich mit Ihrem finanzen.net-, Facebook- oder Twitter Account anmelden. Um immer die neusten Beiträge zu sehen, stellen Sie bitte "Neuesten" ein.

Private Krankenversicherung Tarifvergleich




Unsere siegreichen DFB-Kicker erhalten für ihren WM-Sieg die Rekord-Prämie von 300.000 Euro pro Mann. Halten sie dies für angenessen?
Abstimmen
Direkt zu den Ergebnissen

Anzeige