21.10.2012 03:00
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Unisex im Dunklen

Unisex-Tarife: Die wichtigste Überlegung ist, ob man eine bestimmte Versicherung tatsächlich braucht
Versicherungen
Versicherungen: Gleiche Prämien für Mann und Frau – die Branche klappert zum Schlussverkauf. Doch konkrete Angebote sind Mangelware.
€uro am Sonntag

von Martin Reim, Euro am Sonntag

Sex sells — Sex verkauft sich. Das hat auch die sonst als eher dröge verschriene Versicherungsbranche mittlerweile erkannt. Unter dem Stichwort „Unisex“ drängen viele Unternehmen ihre Kunden, rasch noch zusätzliche Policen abzuschließen.

Hintergrund: Ab dem 21. Dezember dürfen laut Gesetz für fast alle Versicherungsarten nur noch Verträge verkauft werden, bei denen die Prämien für Männer und Frauen gleich sind (Altverträge sind nicht betroffen). Noch fallen in manchen Bereichen die Werte extrem unterschiedlich aus. Und die Versicherer werben nun jeweils um jenes Geschlecht, für das es bald teurer werden soll.

Davon sollten sich Verbraucher nicht ins Bockshorn jagen lassen. Ein echter Vergleich zwischen alten und neuen Tarifen ist kaum möglich, weil die wenigsten Versicherer ihre künftigen Angebote schon vorgelegt haben. Vorsicht: Sogenannte Unisexrechner im Internet zeigen fast immer fiktive Tarife, auf die sich kein Kunde berufen kann.

Woher rührt diese Säumigkeit? Das liegt zum einen am enormen Aufwand für die Finanzmathematiker der Konzerne. Zum anderen, so sagen Insider, will kaum ein Unternehmen vorpreschen und später von billigeren Offerten der Konkurrenz übertrumpft werden. Das heißt: Kunden, die sich jetzt zu einem Abschluss drängen lassen, könnten hinterher möglicherweise feststellen, dass ihre Police billiger geworden ist. Warten wäre in diesem Fall besser gewesen. Eine Reihe von Unternehmen kontert diesen Einwand mit sogenannten Unisexrettern. Diese garantieren, dass der schnell entschlossene Kunde in jedem Fall den günstigeren Vertrag bekommt — entweder mit oder ohne Unisex. Jedoch hilft das nicht immer aus der Bredouille. Denn wenn der Unisexvertrag lediglich ein bisschen günstiger wird, war die Eile ebenfalls unangemessen.

Retter mit Schwächen
Außerdem lassen viele Unisexretter Lücken, wie das Analysehaus Franke und Bornberg festgestellt hat. Dies zeige das Beispiel der staatlich geförderten Rürup-Rentenpolicen. Oft schließen Selbstständige solche Verträge ab und vereinbaren einen niedrigen Sockelbetrag, den sie je nach Geschäftserfolg mit Zuzahlungen aufstocken. Zwar sorgen Unisexretter oftmals dafür, dass der Rumpfvertrag nach den günstigeren Regeln kalkuliert ist, die Zuzahlung aber erfolgt meist gemäß der nachteiligen Unisexkalkulation.

Was tun? Die wichtigste Überlegung ist, ob man eine bestimmte Versicherung tatsächlich braucht. Falls nein, ist der Fall erledigt. Falls ja, heißt es: Nerven bewahren. Nach Ansicht von Insidern werden die meisten Unternehmen noch vor dem Stichtag Angebote vorlegen. Wer blind kauft, sollte zumindest zu den Unisexrettern greifen und prüfen, in welchem Umfang sie gelten.

Wer trotz eines gewissen Bedarfs nichts tut, macht in der Mehrzahl der Fälle wohl keinen schweren Fehler. Bei den meisten Versicherungsarten werden, so die Schätzungen von Experten, keine massiven Verschiebungen eintreten.

Doch gibt es einige Ausnahmen. Für Frauen werden Risikolebensversicherungen aller Voraussicht nach erheblich teurer, weshalb ein Abschluss vor dem 21. Dezember ratsam erscheint. Marktführer CosmosDirekt hat bereits ein Unisexprodukt vorgestellt. Danach zahlen Frauen künftig 16 Prozent mehr.

Umgekehrt sollten Männer bei Pflegetagegeldpolicen wohl im Zweifelsfall jetzt zugreifen. Nach Schätzungen des Finanzdienstleisters MLP ist für sie mit Aufschlägen von knapp 40 Prozent zu rechnen. Diese Verträge garantieren ein vorab vereinbartes Tagegeld ab Beginn der Pflegebedürftigkeit.
Was hier konkret mit den Prämien passiert, ist allerdings unklar. Zwar hat die DKV bereits ein Pflegetagegeldangebot vorgelegt. Hier zahlen Männer mit einem Eintrittsalter von 25 Jahren sage und schreibe 79 Prozent mehr, mit 70 Jahren sind es immerhin 32 Prozent. Allerdings ist in den Zahlen ein zusätzlicher Effekt enthalten: die Absenkung des Rechnungszinses (siehe Kasten).
Ein Spezialproblem ist die private Krankenversicherung (PKV). Geht es um Vollversicherungen, wird es für Männer voraussichtlich teurer — laut MLP je nach Alter zwischen elf und 25 Prozent (niedrigerer Rechnungszins nicht einkalkuliert). Allerdings ist eine Entscheidung für die PKV mit gravierenden Konsequenzen verbunden. So ist eine Rückkehr in die gesetzliche Krankenversicherung kaum möglich. Auch deshalb sollte das Unisexargument nicht über Gebühr ins Gewicht fallen.

Sinkender Rechnungszins
Niedrige Renditen treiben die Beiträge
Männer sind besonders gekniffen, wenn es um private Krankenvollversicherungen oder Pflegetagegeldversicherungen geht. Wer solche Policen nach dem 21. Dezember abschließt, wird bei vielen Gesellschaften doppelt zur Kasse gebeten: zum einen durch den Unisexaufschlag (siehe Text), zum anderen durch die Senkung des sogenannten Rechnungszinses für die Alterungsrückstellung.
Grund für die Rückstellungen, die auch Frauen betreffen: Wenn Kunden ins Seniorenalter kommen, müssten die Prämien eigentlich extrem ansteigen, denn dann explodieren oft die Kosten. Um dieses Plus zu dämpfen, legen die Unternehmen bei jüngeren Versicherten Geld zurück und investieren es an den Finanzmärkten. Bislang kalkulieren viele Versicherer ihre Tarife so, als ob jährlich mindestens 3,5 Prozent erwirtschaftet würden. Die Guthaben werfen aber angesichts der weltweit niedrigen Zinsen immer weniger ab. Deshalb sinkt dieser Wert bei vielen Anbietern, etwa den Marktführern Debeka und DKV, für Neuverträge auf 2,75 Prozent.

Wichtig: Der Senkung des Rechnungszinses kann man auch durch einen raschen Abschluss nicht entgehen, zumindest nicht auf lange Sicht. Denn wenn die Kapitalanlagen zu wenig einbringen, werden auch bei laufenden Verträgen die Prämien steigen.

Bildquellen: istock/shippee
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