von Stephan Bauer, €uro am Sonntag
Schon die Beschreibung dieses Weins ist echter Genuss. „Außergewöhnliche Noten von Frühlingsblumen und Blaubeeren, Spuren weißer Schokolade, aber auch Erde gemischt mit Trüffelaromen“, schwelgte der bekannte Kritiker Robert Parker jüngst über den besten Tropfen des Jahrgangs 2010 aus dem Château Latour. Die Wertung des Weinpapstes: 98 bis 100 Punkte, Bestnote.
Noch reift die Kreation des französischen Weinguts, das zu den fünf „Premiers Crus Classés“ des Bordeaux zählt, in Kellergewölben. Erst im kommenden Frühjahr wird der Rote aus dem Eichenfass in der sogenannten Primeur-Verkostung einer breiteren Expertenschar präsentiert. Bis zur Abfüllung in die Flaschen mit den berühmten Schultern vergehen dann noch ein bis zwei Jahre – und frühestens in etwa fünf Jahren wird der Wein seine Trinkreife erreicht haben.
Auf der Londoner Weinhandelsplattform Liv-Ex, auf der die edelsten Tropfen der Welt taxiert werden, erreicht die Zwölferkiste dennoch bereits Preise von über 14.000 Euro. Schwerreiche Weinliebhaber aus ganz Europa haben es eben eilig, wenigstens einige der Kisten des 2010er zu ergattern. Schließlich schläft die Konkurrenz nicht – vor allem die aus Asien. Chinesen sind bekanntermaßen heiß auf Weine von Luxusadressen wie Latour. Rebensaft mit dem richtigen Etikett ist bei den Reichen Chinas inzwischen so beliebt wie Boliden von Bugatti oder Ledertaschen von Louis Vuitton.
Winzer verfeinern Portfolios
Das Bordelais ist eine liebliche Hügellandschaft an den Ufern des Flusses Gironde. Das Klima ist günstig, der Boden gehaltvoll. Seit Jahrhunderten keltern Winzer hier Weine von herausragender Qualität.
Inzwischen reifen hier auch die Prozente der Portfolios internationaler Investoren. Nüchterne Rendite haben Fondsmanager wie William Grey im Sinn, wenn sie über die Region reden. „Wir investieren ausschließlich in Top-Bordeaux“, sagt der Weinexperte des Londoner Wine Investment Fund. In den Fonds können private Anleger ab 10.000 Britischen Pfund einsteigen.
Trotz der erklecklichen Summen erfreut sich die flüssige Alternative zu Aktien oder Anleihen wachsender Beliebtheit. Das Kulturgetränk ist eben, ähnlich wie der Krisenhafen Gold, eine Sachanlage und somit begehrt. Spitzenweine haben indes noch andere Gemeinsamkeiten mit Gold. „Die Mengen, die von den besten Weingütern des Bordelais hergestellt werden, sind stark begrenzt“, sagt Weinexperte Grey.
Auf nur wenigen Prozent der rund 120.000 Hektar Anbaufläche gedeihen die Gewächse, die auch Investmentprofis schwärmen lassen. Zu den fünf Topgütern, deren beste Weine als „Premiers Crus Classés“ berühmt wurden, gehören neben Latour beispielsweise Lafite Rothschild, Mouton Rothschild, Château Margaux und Haut-Brion.
Diese Spitzenweine versprechen höchste Wertsteigerungen. Das liegt zunächst an den weltberühmten Marken, deren Geschichte teils Jahrhunderte zurückreicht. Zudem achten die Prestigewinzer auch peinlich genau auf die Qualität – und begrenzen deshalb ihre Produktionsmengen. „In die ersten Gewächse kommen nur die besten Trauben. Manchmal ist das nur ein Drittel der Ernte eines Jahrgangs“, sagt Werner Rieß, Berater des Lübecker Handelshauses Carl Tesdorpf, Tochter des Weinkonzerns Hawesko.
Jährlich verlassen keine 300.000 Flaschen des besten Weins die Keller von Mouton Rothschild aus dem Médoc. Beim noch exklusiveren Nachbarn Lafite Rothschild sind es etwa 220.000 Flaschen pro Jahr. Und Güter wie das Château Petrus aus dem Pomerol bringen pro Jahr lediglich 30.000 Flaschen auf den Markt.
Die Exklusivität schlägt sich in einer recht stabilen Preisentwicklung nieder. „Früher galt die Regel: Zwei Kisten kaufen, nach zehn Jahren eine umsonst trinken“, sagt Weinexperte Valentin Brodbecker. Inzwischen sei die Wertentwicklung meist größer, so der bekannte Buchautor.
Das Plus bei den Prozenten lässt sich am Londoner Index ablesen. Der Liv-Ex 100, Gefäß für 100 Spitzenweine, gewann seit 2006 währungsbereinigt im Schnitt sieben Prozent pro Jahr. Gold legte zwar in der Hausse rund 20 Prozent zu. Das Aktienbarometer DAX verlor in diesem Zeitraum jedoch an Wert.
Zur handelbaren Ware werden die exquisiten Franzosen nicht zuletzt durch ihre Haltbarkeit. Spitzen-Bordeaux sind – bei entsprechender Lagerung – in der Regel vier bis fünf Jahrzehnte lang trinkbar. Erst das macht den Luxuswein zum Kultobjekt reicher Kenner – ähnlich wie Kunst oder Oldtimer. Schließlich wollen Investoren, die, wie im Fall des 1945er-Mouton-Rothschild knapp 11.000 Euro für die Flasche bezahlen, ihr Objekt der Begierde meist nicht sofort trinken.

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Sich auf eigene Faust ins Dickicht der Luxusreben zu wagen birgt indes Tücken. Denn spekuliert wird auch in der Welt des Weins wie wild. Wetten auf spätere Wertsteigerungen des guten Jahrgangs 2010 treiben in der jetzigen Subskriptionsphase – also noch vor Auslieferung der Flaschen – so manche Notierung in die Höhe. Der Latour ist da nur ein Beispiel. Für den Château Ausone etwa – Gewächs eines kleinen, prominentes Guts aus Saint-Émilion – werden knapp 16.000 Euro pro Zwölferkiste aufgerufen.
Junge Weine für Spekulanten
Viele Investmentprofis lassen von solch jungen Aufsteigern erst mal die Finger. „Das lässt keinesfalls darauf schließen, wie sich der Preis später entwickelt“, sagt Andrew Davison, Manager des Vintage Wine Fund, eines der weltweit größten Spezialfonds. Konservativere Investoren setzen wegen der großen Preisschwankungen in den ersten Jahren vornehmlich auf reifere Weine. „Das senkt das Risiko“, erklärt Fondsmanager William Grey. Und noch eine Voraussetzung muss für Profis erfüllt sein. „Wir kaufen Weine, die liquide gehandelt werden. Da ist ein Lafite Rothschild besser geeignet als ein Ausone“, sagt Manager Grey.
Auch Kennern fällt es schwer, die Rendite eines Weines zu prognostizieren. Der persönliche Geschmack ist dabei Nebensache. „Ich teste jeden Wein selbst, den ich kaufe“, sagt zwar Fondsmanager Davison, früher Investmentbanker bei der Deutschen Bank. Der persönliche Geschmack sei unbedeutend, warnt hingegen Grey: „Dieser Weg ist gefährlich.“ Neben der Marke seien vor allem der Jahrgang und die Benotung durch Kritiker entscheidend.
Parker ist die Ratingagentur
Der prominenteste Name: Robert Parker. Die 100-Punkte-Skala des ehemaligen Rechtsanwalts aus Kalifornien ist für Weininvestoren das, was das Rating von Standard & Poor’s für Anleihehändler ist. Einer Studie des Ökonomen Egon Franck von der Universität Zürich zufolge steigert ein Punkt des Mannes mit der „Millionen-Dollar-Nase“ die Rendite – wissenschaftlich nachweisbar –
im Schnitt um 0,2 Prozent pro Jahr.
Auch ausgewiesene Experten werden indes immer wieder von den Einflussfaktoren im Geschäft mit den Spitzengewächsen überrascht. Die starke Nachfrage von Käufern vor allem aus China etwa trieb in den vergangenen Jahren die Preise für Weine des Hauses Lafite Rothschild in ungeahnte Höhen. Nun gelten die Franzosen als Könige unter den Premiers Crus. Wie sich herausstellte, war dies aber nicht die einzige Erklärung. „Lafite“ klingt für Chinesen ähnlich wie „Glück“ – dies trug mit zum Boom der Roten bei.
Die teils unberechenbare und spekulative Nachfrage birgt allerdings in Krisenzeiten Risiken. Seit August sind infolge der Schuldenkrise auch die Notierungen an der Liv-Ex um fast 20 Prozent gefallen. Professionelle Investoren hielten sich zuletzt zurück – ähnlich wie im Herbst 2008, als der Markt in den allgemeinen Abwärtssog geriet.
Damals konnten Investoren jedoch richtiggehende Schnäppchen machen. „Die Subskription des Jahrgangs 2008 war bei höherer Qualität deutlich günstiger als die des Jahrgangs 2007. In der Folge stiegen die Preise massiv an“, sagt Experte Rieß.
Nicht wenige Investoren sehen die jüngsten Abschläge auch bei vielen 2010ern als Chance. Ein Grund liegt in einer Besonderheit des Markts: Das Angebot eines bestimmten Jahrgangs wird mit der Zeit immer kleiner. „Auch Weine für mehrere Tausend Euro die Flasche werden gelegentlich getrunken“, sagt Rieß. Die Lobeshymnen des Weinpapstes Parker tragen gewiss dazu bei.
Investor-Info
Bordeaux-Klassifizierung
Historie beginnt 1855
Die Klassifizierung der Bordeaux-Weine geht auf das Jahr 1855 zurück, als anlässlich der Pariser Weltausstellung die Châteaux der Region Médoc, einer Halbinsel in der Gironde, nach den Preisen des zurückliegenden Jahrhunderts gelistet wurden. Die Weine in der Liste werden als „Grand Crus Classés“ bezeichnet. Zur ersten Kategorie, den Premiers Crus Classés, zählen Lafite Rothschild, Margaux, Haut-Brion, Latour und – 1973 nachnominiert – Château Mouton Rothschild. Die Liste umfasst fünf Kategorien. Nicht alle Topweine aus Bordeaux sind klassifizierte Médoc. So gilt etwa Château Petrus als bestes Gut der Region Pomerol. Die Region Saint-Émilion (etwa Château Ausone) hat eine eigene Klassifizierung.
Weinfonds 1
Wine Investment Fund
Zwei- bis dreimal im Jahr begibt der Wine Investment Fund aus London eine geschlossene Tranche, die jüngste Ende November. Die Laufzeit beträgt gewöhnlich fünf Jahre. Das Team investiert ausschließlich in Top-Bordeaux und will jährliche Renditen von mindestens zehn Prozent – nach Gebühren – liefern. Bislang haben alle Fünfjahrestranchen positive annualisierte Renditen gebracht – teilweise von über 20 Prozent im Fünfjahresschnitt. Die Managementgebühr beträgt 1,5 Prozent pro Jahr. Anleger können ab 10.000 Pfund einsteigen (www.wineinvestmentfund.com; Tel.: +44 (0)20 70 43 08 85).
Weinfonds 2
The Vintage Wine Fund
Der Fonds von Manager Andrew Davison ist mit einem Volumen von rund 30 Millionen Euro einer der größten Weinspezialfonds der Welt. Davison investiert vornehmlich in Top-Bordeaux, aber auch in Weine aus Burgund oder der Champagne. Die Entwicklung schwankte in den vergangenen Jahren stark. Im laufenden Jahr liegt der Fonds mit rund 16 Prozent im Minus – seit August gab es Verluste. Einsteigen können Anleger allerdings erst ab 100.000 Euro. Pro Jahr werden zwei Prozent Gebühren fällig.
Basket
Weingüter im Korb
Einen gut laufenden Aktienkorb hat die österreichische Raiffeisen Centrobank ihrem Zertifikat auf einen Wein-Basket (ISIN: AT 000 045 420 2) zugrunde gelegt. In Ermangelung börsennotierter französischer Winzer finden sich spanische, chilenische und australische Produzenten im Portfolio – etwa Baron de Ley, Viña San Pedro oder Australian Vintage. Daneben sind auch Weinhändler wie die deutsche Hawesko vertreten. Auch Aktien von internationalen Spirituosenkonzernen wie Diageo, Davide Campari und Pernod-Ricard sind im Basket. Die Performance seit Anfang 2010 liegt bei über 20 Prozent.
Bildquellen: iStockphoto/Getty Images/Thinkstock