22.10.2017 03:00
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Crowdinvesting: Die Tücken des Schwarms

Euro am Sonntag-Meinung: Crowdinvesting: Die Tücken des Schwarms | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Meinung
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Modern investieren über Internet-Plattformen ist ein Trend. Doch diese Schwarm-Finanzierungen sind nicht selten eine Blackbox, oft fehlen in den Informationsblättern wichtige Informationen zu den Projekten.
€uro am Sonntag
von Wolf Brandes, Gastautor für €uro am Sonntag

Technologien für den Asteroiden-Bergbau zu finanzieren - innovativer lässt sich Geld kaum anlegen. Das Projekt Deep Space Industries auf der Crowd­investing-Plattform Fundernation verspricht eine Rendite von bis zu 22 Prozent und ist ein Beispiel für die große Vielfalt der modernen Finanzierung über das Internet.


Seit dem Aufkommen von Crowd­investing in Deutschland 2011 ist der Markt stark gewachsen. Internetplattformen vermitteln Investitionen in Start-up-Unternehmen, Immobilien-, Energie- und ökologische Projekte. Neben der Förderung innovativer Ideen stellen die vergleichsweise hohen Zinsversprechen für Verbraucher einen ­Anreiz dar. Zudem wird die Investition leicht gemacht, da der Zugang übers ­Internet einfach ist. Die Crowd als Finanzierungsform wird vor allem von Unternehmen in der Gründungsphase genutzt, da diese oftmals Schwierigkeiten haben, Kapital von Banken einzuwerben. Mittlerweile stellt Crowdinvesting jedoch auch für etablierte Unternehmen eine Ergänzung zur Kreditfinanzierung durch ­Banken dar.


Bekommen Anleger wirklich alle wichtigen Informationen?
Zusätzlichen Auftrieb bekommt diese Finanzierungsform durch das Kleinanlegerschutzgesetz, das am 10. Juli 2015 in Kraft getreten ist. Dort ist in Paragraf 2a ein Ausnahmetatbestand eingeführt worden. Für Schwarmfinanzierungen - so wird Crowdinvesting im Gesetz genannt - müssen die Anbieter keinen Verkaufsprospekt erstellen, sondern lediglich ein dreiseitiges Vermögensanlagen-Informationsblatt (VIB). Dabei stellt sich die Frage: Reicht das? Bekommen Anleger in den vorgeschriebenen Dokumenten wirklich alle notwendigen Informationen?

Das Vermögensanlagen-Informationsblatt hat die Funktion, wesentliche Informationen der Anlage wiederzugeben. Vermögensanlagen-Informationsblatt und Darlehensvertrag stellen beim Crowdinvesting wesentliche Informationsquellen dar. Da das Anlagegeschäft über das Internet getätigt wird, kommt diesen Dokumenten darüber hinaus eine Beweisfunktion in Streitfällen zu. Der Markt für Crowdinvesting ist noch jung, doch zukünftig dürfte in diesem Bereich verstärkt mit Verbraucherbeschwerden zu rechnen sein.


Streit scheint programmiert. Es fehlt in manchen Vermögensanlagen-Informationsblättern oft an elementaren Angaben, etwa was konkret finanziert werden soll. Die Standardsätze der Anbieter in vielen Unterlagen sind aus Verbrauchersicht ein Unding. Bleibt es bei einer Formulierung wie "Die Emittentin beabsichtigt mit den Einnahmen aus der Schwarmfinanzierung ihren Geschäftsbetrieb weiter aufzubauen. Sie betreibt die Ausübung des Handelsgewerbes", dürfte damit kein Verbraucher etwas anfangen können. Erst auf der Projektseite der Internetplattform wird detailliert dargestellt, wie das Geld eingesetzt werden soll.

Beim Crowdinvesting gibt es eine weitere Besonderheit, die für Unsicherheit sorgt: Anleger können typischerweise innerhalb einer Frist investieren; diese Funding-Frist kann meist verlängert werden. Somit steht zum Zeitpunkt der Investition noch nicht fest, wann die Laufzeit der Vermögensanlage beginnt. Bislang ist zum Beispiel noch nicht geregelt, dass Angaben zur Funding-Frist zu machen sind und ebenso dazu, wie lange diese maximal dauern kann. Ein Anleger muss auch Kenntnis darüber haben, ab welchem Zeitpunkt ihm eine Verzinsung zusteht.

Bei der Umsetzung in der
Praxis ist noch viel zu leisten

Unklarheiten bei der Funding-Frist gehen Hand in Hand mit Schwächen bei Formalien. Auf einem Workshop der Aufsichtsbehörde Bafin Anfang Juni 2017 zum Thema "Schwarmfinanzierungen - Regulatorische Aspekte" wurde auch an handwerklichen Fragen Kritik geäußert. Dort gab die Bafin der Branche "praktische Tipps", die im ­Geschäftsverkehr eigentlich Selbstverständlichkeiten sind. So wird "zur Verfahrensbeschleunigung" angeregt, ein Anschreiben zu formulieren, "aus dem das Ziel der Hinterlegung des VIB hervorgeht". Außerdem der Hinweis: "Erreichbarkeit sicherstellen für etwaige Rückfragen (mit Telefonnummer und Benennung des konkreten Ansprechpartners; Faxnummer für Eingangsbestätigung)". Die im Prinzip gute Idee, das Internet für Finanzierungen zu nutzen, muss in der Praxis offensichtlich noch solider umgesetzt werden.

Bodenständig sind dagegen viele Projekte, die von den Plattformen angeboten werden. Rund ein Drittel aller Angebote bezieht sich auf Immobilien wie die Finanzierung eines "Wohnbauprojekts mit sechs Wohneinheiten und drei Kfz-Stellplätzen" oder einer "Seniorenresidenz mit 120 Wohneinheiten".

Crowdinvesting war nicht für
Immo-Finanzierung gedacht

Das lässt stutzig werden. Ein Ziel der Ausnahmeregelung im Vermögensanlagengesetz war 2015 die Förderung junger und innovativer Unternehmen -Wohnbauprojekte gehören gemeinhin nicht dazu. Als im Frühsommer 2017 in diesem Punkt eine Anpassung des Vermögensanlagengesetzes erörtert wurde und das Immobilien-Crowdinvesting auf der Kippe stand, ging ein Aufschrei durch die Branche. Geändert wurde dann nichts - trotz Argumenten wie zum Beispiel, dass die Nutzung von Crowdinvesting-Plattformen für Immobilienfinanzierungen wohl über die Absicht des Gesetzgebers hinausgeht und es zudem für Immobilienfinanzierungen genügend andere Möglichkeiten gibt, Kredite aufzunehmen. Es blieb bei Immobilien als einer Projektform für Crowdinvesting.

Die junge Branche wirkt mitunter an anderer Stelle alles andere als bodenständig. So entpuppte sich das Crowd­investing-Projekt Asteroid-Mining als Luftnummer und verschwand sang- und klanglos von der Webseite der Plattform. Möglicherweise wollte man einem Verbot zuvorkommen, da doch recht offensichtlich Verbraucher benachteiligt gewesen wären. Denn das Geld wäre in einen Blind-Pool zum Ankauf von Firmenbeteiligungen geflossen. Mit der Weltraumbergbau-Finanzierung verschwand wohl eines der schrillsten Crowdinvesting-Projekte im Nirwana.

Kurzvita

Wolf Brandes
Teamleiter Marktwächter der Verbraucherzentrale Hessen
Die erste berufliche Station nach dem Volkswirtschaftsstudium war für Brandes die Stiftung Warentest, danach hat er als ­Finanzjournalist unter anderem bei Börse Online geschrieben.
Seit drei Jahren arbeitet Brandes als Finanz­referent und Teamleiter im Marktwächter- Projekt bei der Verbraucher­zentrale Hessen. Das Projekt beobachtet den grauen Kapitalmarkt, warnt Verbraucher und nimmt unseriöse Anbieter ins Visier.
Bildquellen: Jan Zappner/Raum11, Linn Kenes/Norwegian Seafood Council

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