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01.11.2011 17:00

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EDELMETALLE

Goldschmelze mit Platinmythos



2010 war für Heraeus ein Rekordjahr
Die Deutschen sind im Goldrausch. Doch wie läuft der Handel hinter den Kulissen ab? Und woher kommt das ganze Gold? Eine Visite beim Edelmetallkonzern Heraeus.

von Peter Gewalt, €uro am Sonntag

Vom Flachbildschirm an der Wand in zwei Meter Höhe flimmern verwackelte Aufnahmen der blutigen Verhaftung des libyschen Exdiktators Muammar al-Gaddafi, der Ticker im Laufband zeigt ein kleines Minus beim Goldpreis. Die n-tv-Neuigkeiten werden von den zwölf Mitarbeitern im Handelsraum des Edelmetallhändlers Heraeus in Hanau allerdings kaum beachtet. Die Augen sind stattdessen auf Computerterminals gerichtet, die mit Zahlenkolonnen und Kurscharts gefüllt sind. „Fernsehnachrichten sind veraltet“, erklärt Chefhändler Andreas Daniel das offensichtliche Desinteresse seiner Mitarbeiter am Bewegtbild. „Wir sind auf aktuellere Nachrichten von Agenturen angewiesen.“

Sekunden entscheiden in Daniels Job. Günstig ein- und verkaufen lautet sein Auftrag. Minuten sind in seinem Geschäft eine halbe Ewigkeit, wenn die Kurse für Gold, Silber, Platin und Palladium sich in Sekundenbruchteilen verändern. Gerade jetzt, da die Märkte verrückt spielen. Drohende Bankpleiten, Angst vor einer weltweiten Rezession und einem Aus­einanderbrechen der Eurozone sorgen immer häufiger für heftige Ausschläge.

Doch Daniel wirkt nicht so, als ließe er sich von Tumulten in der Finanzwelt beeindrucken. Ein breites Lächeln im Gesicht, die Augen blicken gelassen ­hinter der randlosen Brille hervor, der leicht hessisch gefärbte Dialekt vermittelt Bodenständigkeit.

Den 44-Jährigen, der seit 22 Jahren bei Heraeus im Handel arbeitet, scheint wenig erschüttern zu können. Er war schon dabei, als der Goldpreis bei 370 Dollar je Unze (31,1 Gramm) dümpelte und nur vermeintlich Ewiggestrige sich Barren in den Keller legten. Er war dabei, als Privatanleger und Finanzinvestoren Jahre später das Edelmetall für sich entdeckten und die Notierungen in der Spitze auf über 1.900 US-Dollar trieben. Und er war dabei, als der Goldpreis im August innerhalb von 72 Stunden um über 200 US-Dollar fiel. „Damals haben sich Fondsmanager von ihren Beständen getrennt, da unter anderem Handelsanforderungen verschärft und bestimmte technisch festgelegte Preisniveaus unterschritten wurden“, sagt Daniel. Privatinvestoren dagegen waren kaum an der Verkaufsorgie beteiligt.

Seismograf der Angst
Und wie die ticken, das weiß Daniel. Er ist das Bindeglied zwischen auf­gewühlten Finanzmärkten und angst­erfüllten Menschen. Als „Seismograf der Angst“ betitelten Zeitungen seine Position. „Wir merken sehr schnell, wenn schlechte Nachrichten die Deutschen verunsichern.“ Dann schwellen mit einer Verzögerung von ein bis zwei Tagen in Hanau die Bestellungen für Goldbarren stark an, die einen Reinheitsgrad von 99,99 Prozent aufweisen müssen. Daniel muss in diesem Fall wieder mehr vom gelben Edelmetall auf dem Weltmarkt ordern oder aber Kunden vertrösten. So geschehen vor einem Monat, als die Deutschen Edelmetallhändler belagerten wie seit der Lehman-Pleite nicht mehr. Engpässe bei der Produktion und Auslieferung waren die Folge.

Liebling der Deutschen
Das gelbe Edelmetall hat sich längst zu Deutschlands Liebling gemausert. Kaum eine andere Nation ist so vernarrt in Gold. Allenfalls die Chinesen hegen ein ähnliches Faible für das korrosionsbeständige und leicht zu verarbeitende Metall. Barren und Münzen gelten hier wie dort als ultimative Versicherung ­gegen alle möglichen Katastrophen der globalen Wirtschaft.

Ob Hyperinflation, Währungsschnitt oder Rezession. Gold haussiert, seit die Welt ins Wanken geraten ist. Und die Unsicherheit wird bleiben. Daniel rechnet mit keiner schnellen Lösung der Schuldenproblematik. Zudem sorge die Niedrigzinspolitik in den Industrieländern dafür, dass Edelmetallinvestments attraktiv bleiben, obwohl sie keine Zinsen abwerfen. Das Geschäft von Heraeus mit den Edelmetallhäusern, die einen großen Teil der Goldnachfrage ausmachen, wird daher wohl auch in Zukunft brummen. Gleichzeitig profitiert der Konzern davon, dass der Anreiz gestiegen ist, über den Umweg über Zwischenhändler mehr Familienschmuck und Zahngold zu versilbern, das in der konzerneigenen Schmelze recycelt wird. Wie viel Tonnen Edelmetall Heraeus kauft und verarbeitet, darüber wird der Mantel des Schweigens gebreitet. Bekannt ist, dass 2010 im Edelmetallhandel knapp 18 Milliarden Euro umgesetzt wurden.


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Doch Daniel sieht die Preisrally auch mit einem weinenden Auge. Denn Hauptkunde des Familienkonzerns ist und bleibt die Industrie. Der Großteil der von Heraeus verarbei­teten Edelmetalle wird in Katalysa­toren, Handys, Mikrochips, Herzschrittmachern und Solaranlagen eingesetzt. Und je mehr die Notierungen für Gold, Silber, Platin und Palladium in die Höhe schießen, umso intensiver suchen Kunden nach günstigeren Ersatzstoffen.

Silber ist das verrückteste Metall
Dass Gold nicht die alles überragende Rolle im Konzern spielt, beweist ein Gang über das 120 000 Quadratmeter große Werksgelände im Herzen Hanaus. Es finden sich ein Rhodium-, Tantal- und Palladiumweg sowie eine Iridium- und eine Platin-Straße. Einen Goldweg oder eine Gold-Straße sucht man vergebens.

Denn Platin und nicht Gold gehört zum Gründungsmythos von Heraeus. Vor 160 Jahren legte Wilhelm Carl ­Heraeus mit dem erstmaligen Schmelzen von Platin in einer Knallgasgebläseapparatur den Grundstein für den Aufstieg des Unternehmens. Inzwischen zählen die Hanauer zu den Top 3 der Edelmetallschmieden weltweit. Heute arbeiten über 13.000 Mitarbeiter an 125 Standorten weltweit für das Unternehmen.

So werden nicht nur in Hanau, sondern auch in Heraeus-Dependancen in Shanghai, Hongkong und New York Edelmetalle gehandelt, um die Rohstoffversorgung des Konzerns rund um die Uhr sicherzustellen. Viele Einflussfaktoren kommen aber über alle Grenzen hinweg zur Geltung. „Platin und Palladium sind deutlich abhängiger von der Konjunkturentwicklung weltweit als Gold“, erklärt Daniel. Ein Großteil der Schwestermetalle wird von der Industrie nachgefragt.

Anders bei Gold. Hier lautet Daniels überraschende Erkenntnis: „Fundamentale Faktoren wie die Minenproduktion oder die Schmuckindustrienachfrage spielen heute bei der Preisentwicklung nahezu keine Rolle mehr. Makroökonomische Entwicklungen und Nachrichten etwa über Goldkäufe durch die Zentralbanken sind entscheidender.“ Aber selbst nach 22 Jahren Berufserfahrung wirft der Edelmetallmarkt für den Chefhändler immer wieder Fragen auf. So kommentiert er die Frage nach der Achterbahnfahrt beim Silberpreis mit Kopfschütteln. „Silber ist das verrückteste Edelmetall, das es auf dem Markt gibt. Die extremen Bewegungen der vergangenen Jahren können nicht einmal Händler erklären.“

Sein Herz schlägt aber ohnehin mehr für andere Metalle. Zu seinen Favoriten zählt Daniel Rhodium, Ruthenium und Iridium. Die drei Platinmetalle sind rar. So rar, dass sie noch nicht einmal ihren Weg in die Nachrichtenticker der Fernsehsender gefunden haben.

Investor-Info

Heraeus
Die Anleihe

Das vergangene Geschäftsjahr war für das Edelmetall-und Technologieunternehmen das erfolgreichste in seiner Geschichte. 2010 erwirtschaftete der konser­vativ geführte Familienkonzern einen Produktumsatz von 4,1 Milliarden Euro und einen Edelmetallhandelsumsatz von knapp 18 Milliarden Euro. Der Jahres­überschuss stieg um 120 Prozent auf 260 Millionen Euro. Und auch in diesem Jahr läuft es bisher rund. Die Anleihe der Heraeus Finance GmbH bietet einen Kupon von vier Prozent und eine Rendite von 3,8 Prozent jährlich.

Edelmetalle
Alle in einen Korb

Anleger müssen sich nicht allein auf Goldinvestments konzentrieren. Sie können auch einen Edelmetallkorb wie den ETFS Physical PM Basket kaufen. Die besicherte Schuldverschreibung bildet die Preisbewegungen der Edelmetalle Gold, Silber, Platin und Palladium nach.

Bildquellen: Creativ Collection

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