29.02.2012 15:00
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Der große Run auf Schiefergas - Die Profiteure

Boom bei osteuropäischem Schiefergas möglich
Erdgas
Die Schiefergasförderung hat den US-Gasmarkt revolutioniert. Auch in Europa wird mit der Ausbeutung der Vorkommen begonnen. Umweltschützer sind empört.
€uro am Sonntag

von Emmeran Eder, €uro am Sonntag

Die Bilder gingen um die Welt. Ein Mann öffnet den Wasserhahn und hält ein Feuerzeug darunter. Dann weicht er erschrocken zurück. Statt glasklarer Flüssigkeit kommt ihm eine gelbe Stichflamme entgegen. Es ist die Schlüsselszene im Film „Gasland“ des US-Regisseurs Josh Fox. Der reiste durch den Mittleren Westen und dokumentierte die Umweltschäden, die durch die Förderung von Gas aus Schiefer und Sandstein, das sogenannte Fracking, entstehen.

Seit der Streifen in den Kinos lief, hat die Gasindustrie einen schweren Stand. Umweltaktivisten machen mobil. Sie warnen vor der Verunreinigung des Grundwassers durch Gas und Chemikalien. Zudem zerstörten die beim Fracking notwendigen vielen Bohrungen die Landschaft.

Fracking ist ein technisches Verfahren, mit dem sogenanntes unkonventionelles Gas aus der Erde geholt wird. Es lagert in Schiefer (Shale Gas) oder Sandstein (Tight Gas) in Schichten ab 300 Meter Tiefe. Nach der Bohrung wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in die Bohrlöcher gepumpt. So entstehen Risse im Gestein, damit Gas entweichen kann.

Das Problem ist, dass zusammen mit der Energie auch Giftstoffe wie radioaktive Salze oder Krebs erzeugendes Benzol zurück an die Oberfläche gelangen, die Grundwasser und Böden verseuchen können. Es gibt inzwischen viele Belege für Erkrankungen von Anwohnern und Arbeitern in den Bohrgebieten.

In den USA wird schon seit mehr als zehn Jahren gefrackt. Das Land ist vom Gasimporteur zum -exporteur geworden und hat Russland als global größten Gasproduzenten überholt. Europa hinkt hinterher. Um die Abhängigkeit vom Russengas zu reduzieren, wird nun auch in Europa intensiv nach unkonventionellem Gas gesucht. Polen hat die größten Reserven, vor Frankreich und der Ukraine. Die Vorräte in Deutschland sind eher bescheiden, sie entsprechen etwa dem 3,5-Fachen des hiesigen Jahresgasverbrauchs.

Die Widerstände in Europa sind groß, ausgelöst vor allem durch „Gasland“. Frankreich hat das Fracking vorerst verboten. Und auch in Deutschland formiert sich heftiger Widerstand von Umweltschützern und Wutbürgern. Die Frage ist: Wie viel ist Polemik, wie viel Wahrheit?

Was die meisten Kinogänger nicht wissen, ist, dass die Trinkwasserversorgung in Amerika anders funktioniert als in Europa. „Dort kann sich in einigen Bundesstaaten jeder Landbesitzer seinen eigenen Brunnen bohren“, sagt Ingo Kapp, Physiker beim GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam. Vor allem in dünn besiedelten Gebieten wie dem Mittleren Westen, wo der Großteil der Reserven an unkonventionellem Gas liege, gebe es, anders als hierzulande, keine Wasseraufsicht. „Dort herrscht noch Pioniergeist vor“, so Kapp.

Natürliches Methan im Grundwasser wurde dort früher schon beobachtet — genauso wie in Deutschland. Insbesondere in Gebieten mit flach liegenden Kohleflözen oder Mooren sammle sich Methangas in höherer Konzentration im Grundwasser an. „Dann reicht ein Funken aus, und das Wasser brennt“, sagt Kapp.

Lasche Auflagen in den USA
Dietrich Borchardt, Umweltwissenschaftler beim Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg, ist Mitglied eines unabhängigen Expertenkreises, der die Risiken der Förderung von unkonventionellem Gas untersucht. Er informierte sich in den USA vor Ort und spart nicht mit Kritik an der laschen Bohrbewilligungspraxis. In manchen Bundesstaaten wie Pennsylvania seien die Umweltauflagen gering, Kontrollen selten. „Die gehen da hohe Risiken ein“, sagt er.

Wegen der Umweltschäden sind die US-Behörden nun alarmiert. Die Probleme entstehen offenbar vor allem durch Mängel in der technischen Umsetzung. Zum Beispiel sind Bohrungen stümperhaft ausgeführt, Bohrstellen unzureichend abgesichert oder Bassins, in denen der giftige Rückfluss gesammelt wird, nicht vor Regen oder Sturm geschützt. Zudem wird zu nah an Trinkwasserreservoiren gebohrt. „Diese technischen Prozesse sind aber mit gutem Qualitätsmanagement beherrschbar“, meint Kapp.


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Vorsichtiger ist Borchardt: „Von Bohrungen in Trinkwasserreservoiren oder Schutzgebieten ist abzuraten. Wichtig ist es, differenziert vorzugehen und die Risiken durch Einhaltung der Vorschriften und hohe technische Standards zu minimieren.“ Umweltschützer teilen die Meinung der beiden Wissenschaftler nicht. „Es existiert bisher keine fundierte Langfristuntersuchung“, sagt Christoph von Lieven, Energieexperte bei Greenpeace. Jedes Eindringen ins Erdreich mit Chemikalien sei riskant. „Es wird zwar behauptet, die toxischen Stoffe könnten aus den tieferen Schichten nicht ins Grundwasser hochsteigen, tragfähige Beweise dafür fehlen aber“, so von Lieven. Zudem sei noch völlig ungeklärt, wie viel Methan beim Fracking in die Atmosphäre gelange. Das Gas steht im Verdacht, den Treibhauseffekt erheblich zu verstärken.

Gaspreis im freien Fall
So umstritten die Technik auch ist, eins steht fest: Unkonventionelles Gas hat den US-Energiemarkt drastisch verändert. Seit 2008 fiel der Gaspreis je Maßeinheit MMBTU von 13 auf 2,50 US-Dollar. Die Förderung von Shale Gas und Tight Gas hat zu einem Überangebot geführt. Beide zusammen machen sie inzwischen einen Anteil von rund 40 Prozent an der US-Gasproduktion aus. Bis 2035 sollen rund 75 Prozent aus unkonventioneller Förderung kommen. Für viele Firmen lohnt sich wegen des niedrigen Gaspreises die Produktion nicht mehr. Das führt zur Konsolidierung. Kleinere Firmen werden von großen Öl- und Gaskonzernen übernommen. Chesapeake, der US-Schiefergasförderer mit den meisten Bohrrechten, hat — wie auch einige Konkurrenten — die Produktion gedrosselt, um das Gasangebot zu verknappen.

Auswirkungen auf andere Energieträger wie Kohle und Wind sind spürbar. In diesem Bereich kämpfen Erzeuger in Nordamerika ebenfalls mit Preiseinbrüchen. Bald soll auch Europa mit Gas überschwemmt werden. Die Amerikaner bauen Terminals, um Flüssiggas zu verschiffen. Das dürfte den Gaspreis, der bisher in Mitteleuropa von Russland und im Süden des Kontinents von Algerien und Katar bestimmt wird, unter Druck bringen. Derzeit liegt er um ein Vielfaches höher als in den USA, bei zehn bis 14 Dollar je MMBTU.

Gute Nachrichten für die Verbraucher, schlechte für die Lieferstaaten und die Anbieter alternativer Energien, die darunter zu leiden haben. Auch Klimaschützer sehen die Entwicklung skeptisch, da der Anreiz, Energie zu sparen und Energie aus Wind und Sonne zu beziehen, zurückgehen könnte — wie in den USA.

Aktionäre sollten sich auf die neue Gaswelt einstellen. Werte wie die russische Gazprom dürften mittelfristig unter Druck geraten. Profitieren werden dagegen wohl polnische Energiefirmen. Wegen der großen Schiefergasvorkommen ist dort Euphorie ausgebrochen.

„Wir werden Europas zweites Norwegen“, frohlockt der Europa-Abgeordnete Konrad Szymanski. Die Widerstände in der Bevölkerung sind gering, da sich die Reserven meist in dünn besiedelten Regionen im Nordosten und an der ukrainischen Grenze befinden. „Erst in ein, zwei Jahren wird feststehen, ob Schiefergas in Polen wirtschaftlich sinnvoll abgebaut werden kann, da es viel tiefer unter der Erde liegt als in den USA“, mahnt Teresa Schinwald, Versorgeranalystin bei der Raiffeisen Centrobank. Zudem machen die Umweltauflagen in Europa die Förderung viel teurer als in den USA.

Derzeit werden Probebohrungen durchgeführt. Viele Lizenzen wurden an US-Firmen wie Chesapeake vergeben, da sie über das Know-how verfügen. Die Polen erhoffen sich von Kooperationen Technologietransfer für ihre Energiefirmen. Dazu zählen PGNiG, PKN Orlen, Petrolinvest und Lotos. Die Regierung in Warschau schockte die Firmen jedoch mit der Ankündigung, bis zu 40 Prozent des Ertrags mit einer neuen Steuer abschöpfen zu wollen.

Die meisten Bohrlizenzen besitzt die zu 70 Prozent in Staatsbesitz befindliche PGNiG. „Der Kauf der PGNiG-Aktie ist wie ein Optionsschein auf Schiefergas“, meint Schinwald. Schließt Polen tatsächlich zu den großen europäischen Gasländern wie Norwegen und den Niederlanden auf, könnte es die Energie nach ganz Mitteleuropa liefern. „Das würde Europas Gasmarkt völlig umkrempeln“, sagt Schinwald. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist hoch. Denn trotz unklarer Risiken ist zu erwarten, dass auch in Europa die Jagd nach billigem Gas startet. Zu wichtig ist die Unabhängigkeit von Russland und dem Nahen Osten.

Fracking ist ein höchst umstrittenes technisches Verfahren, mit dem aus Schiefer- oder Sandsteinschichten in der Erde Gas herausgeholt wird. Dazu werden Wasser, Chemikalien und Sand unter hohem Druck in Bohrlöcher gepumpt, damit im Gestein Risse entstehen und Gas entweichen kann. Kritiker monieren, Böden und Grundwasser könnten dabei verseucht werden. Auch die Erdbebengefahr soll sich erhöhen.

Investor-Info

Chesapeake Energy
Gaspreis macht Probleme
Der Öl- und Gasförderer besitzt die meisten Lizenzen zur Förderung von unkonventionellem Gas in Nordamerika. Auch in Polen hat sich Chesapeake Energy viele Rechte gesichert. Allerdings leidet das Unternehmen aus Oklahoma City unter dem massiven Gaspreisverfall in den Vereinigten Staaten. Sollte sich der Preis nicht zügig erholen, dürfte die Gesellschaft gezwungen sein, wegen der hohen Verschuldung Lizenzen oder Unternehmensteile zu verkaufen. Gegenwärtig ist die Aktie deshalb mit nicht unerheblichen Risiken behaftet. Anleger sollten mit dem Einstieg abwarten, bis der Gaspreis Erholungstendenzen zeigt.

Halliburton
Der Schaufelhersteller
Am meisten verdienten beim Goldrausch im 19. Jahrhundert nicht die Goldgräber, sondern die Hersteller von Schaufeln und Pickeln. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Halliburton ist Marktführer beim Ausrüsten von Firmen mit der notwendigen Technik, die sie zur Förderung von unkonventionellem Gas benötigen. Verglichen mit der Branchenkonkurrenz ist die Aktie der Amerikaner günstig bewertet. Auch bei der Ölförderung und beim Tiefseebohren ist das Unternehmen hervorragend aufgestellt – und international gut diversifiziert.

PGNiG
Polens potenzieller Gasriese
PGNiG dominiert mit einem Anteil von mehr als 90 Prozent den stark regulierten polnischen Gasmarkt. Wegen des staatlich festgezurrten Gaspreises ist die Gewinnmarge derzeit bescheiden. Zudem muss das Unternehmen einen bedeutenden Teil seines Gases aus Russland beziehen und hat jetzt Gazprom wegen angeblich überhöhter Preise verklagt. Anleger, die jetzt kaufen, müssen auf die Zukunft hoffen. Sollte die avisierte Liberalisierung von Polens Gasmarkt 2013 oder 2014 endlich kommen, dürfte der Platzhirsch profitieren. Gehebelt würde der Gewinn allerdings erst dann, wenn es sich lohnt, Polens gewaltige Schiefergasvorkommen auszubeuten. Schließlich besitzt PGNiG die meisten Bohrrechte des Landes. Die Aktie eignet sich daher nur für spekulativ ausgerichtete Investoren. Der Titel notiert an der Warschauer Börse, dem mit Abstand liquidesten Markt in Osteuropa.

Bildquellen: iStock
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