28.03.2013 06:00
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Agrarrohstoffe: Zoff im Kornfeld

Agrarrohstoffe: Zoff im Kornfeld
Weizen & Co.
Investments in Landwirtschaftsprodukte ­stehen in der Kritik. Dabei ist der Zusammenhang zwischen der Spekulation und dem Hunger in der Welt umstritten.
€uro am Sonntag

von Wolfgang Hagl, Euro am Sonntag

Anleger, die in Reis, Mais oder Weizen investieren, brauchen sich über einen Mangel an Komplexität nicht zu beschweren. Neben dem ­Zustand der weltweiten Wirtschaft, dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage, der Entwicklung des Dollarkurses und anderer Rohstoffwährungen sowie der politischen Situation in den Anbaugebieten und der Gefahr eines Pilz- oder Schädlingsbefalls müssen sie auch noch das Wetter ins Kalkül ziehen.

Und jetzt kommt auch noch die Frage der Ethik dazu. „Maßlose Spekulationen mit Agrarrohstoffen, oft Grundnahrungsmittel wie Mais und Weizen, sind für die starken Preissprünge der letzten Jahre mitverantwortlich und tragen so zu globalen Nahrungsmittelkrisen bei“, lautet der zentrale Vorwurf der Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Ox-fam Deutschland.

Der von dieser und anderen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ausgehende Druck wirkt: Immer mehr Banken ziehen sich aus dem Geschäft mit Agraranlagen zurück. 2012 strichen die Landesbank Baden-Württemberg sowie die Dekabank Nahrungsmittel aus ihrem Investmentfundus. Dieses Jahr kamen weitere Häuser wie BNP Paribas und die Barclays Bank hinzu. Zuletzt beerdigte Amundi drei Indexfonds aus diesem Segment.

Die Diskussion, ob Geldanlagen in den Rohstoff Nahrung moralisch verwerflich sind, betrifft auch die Zertifikatebranche. Schließlich können Anleger mit Derivaten gezielt in einzelne Agrarrohstoffe investieren — oder via Indexzertifikate breit ­diversifiziert in ganze Rohstoffgruppen. Vor allem in den Jahren 2007 und 2008, als die Kurse von Weizen & Co in ungeahnte Höhen vorstießen, wurde kräftig mit Rohstoffzertifikaten gezockt. Mit der globalen Finanzkrise fand der „Boom im Kornfeld“ allerdings ein jähes Ende.

Was viele nicht wissen: Obwohl sich die Preise mittlerweile erholt haben, spielen Agrarprodukte keine große Rolle im gesamten Zertifikatemarkt. In Summe bringt es die Derivatebranche in Deutschland auf rund 100 Milliarden Euro Volumen. Davon entfallen laut Berechnungen des Deutschen Derivate Verbands (DDV) weniger als 0,1 Prozent auf Agrarrohstoffe. Angesichts dieser Relation dürfte es den meisten Emittenten leicht fallen, auf Distanz zu gehen. Jedenfalls halten sich Banken mit Werbung für Agrarzertifikate genauso stark zurück wie mit Aussagen zu dem heiklen Thema.

Deutsche Bank bezieht Stellung
Zu den Ausnahmen zählt die Deutsche Bank. Sie stoppte 2012 zwar vorübergehend den Verkauf von Wertpapieren auf Grundnahrungsmittel. Studien hätten aber kaum Belege für die Vorwürfe der NGOs gebracht. „Daher hat die Deutsche Bank entschieden, dass sie im Interesse ihrer Kunden weiterhin Finanzinstrumente auf Agrarprodukte anbieten wird“, sagte Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen im Januar anlässlich der Grünen Woche in Berlin.

Gegenüber dem Entwicklungsausschuss des Deutschen Bundestags unterstrich Fitschen die Haltung seiner Bank. Er nannte die Spekulation ein wichtiges Instrument für effiziente Märkte. Sie trage auch dazu bei, dass Bauern ihre Ernterisiken über Termingeschäfte absichern können.

Eine These, die auch Ingo Pies, Wirtschaftsethiker an der Uni Halle-Wittenberg, vertritt. Seiner Meinung nach agiert ein Finanzinvestor am Terminmarkt als Versicherungs­geber. „Gegen Zahlung einer Prämie übernimmt er das Preisänderungsrisiko“, so Pies. Würden Spekulationen verboten, würde dies den Rohstoffmärkten Liquidität entziehen — und damit ihre Funktionsfähigkeit beeinträchtigen, sagt Pies.

Der Wissenschaftler hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Im vergangenen Jahr wertete sein Lehrstuhl 35 empirische Forschungsarbeiten aus, die ihrerseits den Einfluss von Investoren auf die Agrarrohstoffmärkte unter die Lupe genommen hatten. Nach Meinung der Wissenschaftler fanden sich kaum Anhaltspunkte dafür, dass die verstärkte Positionierung der Finanz­industrie die Preise respektive deren Volatilität hat ansteigen lassen. „Hungerkrisen sind nicht finanzwirtschaftlich verursacht, sondern haben realwirtschaftliche Ursachen“, so das Fazit.

Gleichwohl bleiben Zweifel an der ethischen Legitimität von Agrar­anlagen. Das zeigen nicht zuletzt Medienberichte, wonach sowohl bei der Deutschen Bank als auch bei Allianz interne Studien sehr wohl auf mögliche negative Folgen der Spekulation hinweisen sollen.

Preise werden weiter steigen
Entscheidend sind bei Weizen & Co jedoch die fundamentalen Preisparameter. Insofern herrscht an Argumenten für langfristig steigende Notierungen kein Mangel. Vor allem in den Schwellenländern haben immer mehr Menschen immer mehr Geld. Das macht sich auch an den Essgewohnheiten bemerkbar.

Beispielsweise ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Schweinefleisch in China zwischen 1975 und 2011 von acht auf 37 Kilogramm gestiegen. Die Folge: Vor allem bei Mais, der sowohl als Futter- und Nahrungsmittel als auch zur Erzeugung von Bioethanol verwendet wird, zeigt sich eine zunehmende Verknappung.

Das US-Agrarministerium geht davon aus, dass die globalen Vorräte zum Ende der Anbausaison 2012/13 den globalen Bedarf nur noch zu gut 13 Prozent abdecken. Zur Jahrtausendwende lag das sogenannte Stock-to-Use-Ratio noch bei 30 Prozent. Daher überrascht es nicht, dass der in den USA gehandelte Terminkontrakt auf Mais heute bei rund dem Dreifachen des vor zehn Jahren verbuchten Niveaus zu finden ist.

Als weitere Ursache für die gestiegenen Getreidepreise gelten die durch den Klimawandel verschuldeten Wetterkapriolen. So erlebte der Mittlere Westen der USA 2012 eine historische Dürre. Praktisch zeitgleich hatten die Kornkammern Osteuropas mit extremer Trockenheit zu kämpfen.

Letztlich muss jeder Anleger für sich entscheiden, ob er den Mega­trend Agrarrohstoffe ins Depot aufnehmen möchte oder nicht. Banken, die dem öffentlichen Druck nachgeben und sich aus diesem Geschäft zurückziehen, dürften jedenfalls vor allem ihr Image im Blick haben.

Nicht nur die Zahlen aus dem deutschen Zertifikatemarkt zeigen, dass die ökonomischen Folgen für die Geldhäuser limitiert sind. So brachte es der von Amundi geschlossene ETF auf den S & P GSCI Agrarindex nur auf ein verwaltetes Vermögen von rund 13 Millionen US-Dollar.

Dagegen ist ein von den Franzosen aufgelegter passiver Aktienindexfonds auf den MSCI Emerging Markets mehr als eine halbe Milliarde Euro schwer.
Das zugrunde liegende Börsen­barometer umfasst mehr als 800 Schwellenländer-Unternehmen. Es bleibt dahingestellt, ob diese alle höchsten ethischen Ansprüchen ­genügen.

Investor-Info

DJ-UBS-Agrarindex
Wie eine Fieberkurve

Der mehrjährige Verlauf das DJ-UBS-Agrarindex gleicht einer Fieberkurve: Nachdem die viel be­achtete Benchmark Mitte 2008 Rekordhöhen erklommen hatte, sorgte die globale Finanzkrise für einen Ausverkauf. In der Zwischenzeit klopfte der Index zweimal am Top an, scheiterte aber jeweils am Ausbruch über das Spitzenniveau.
Derzeit läuft eine Konsolidierungsphase.

Zertifikat RICI Enhanced
Klassiker in neuem Gewand

Der rolloptimierte Index wurde von Börsenguru Jim Rogers entwickelt. Entscheidend für die Gewichtung sind hier die Kosten, die eine Ware im täglichen Leben verursacht. Anders als das CMCI-Konzept nimmt Rogers Lebendrind und Schweine­hälften in den Agrarindex auf. Das vorgestellte Zer­tifikat der RBS ist nicht währungsgesichert.

ETC UBS CMCI
Rollverluste minimieren

Das von UBS und Bloomberg entwickelte Index­konzept CMCI überzeugt mit einem innovativen Rollkonzept. Durch den permanenten Austausch der enthaltenen Futures werden Rollverluste minimiert. Der ETC (Exchange Traded Commodity) der UBS ist währungsgesichert. Mais, ­Sojabohnen und Zucker dominieren mit mehr als 50 Prozent Gewicht.

Zertifikat SolaC. Agribusiness
Aktien als Alternative

Der Solactive-Agribusiness-Index enthält 20 Top­unternehmen des Sektors wie zum Beispiel den Traktorhersteller John Deere und den Saatgut­produzenten Monsanto. Dazu kommen noch Aktien aus anderen Branchensegmenten wie Getreide­handel, Fleischverarbeitung und Agrochemie. ­Zugang zu der Auswahl bietet ein Aktienindexzertifikat der ­Deutschen Bank.

Bildquellen: andrea lehmkuhl / Shutterstock.com
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