von Jens Castner, Euro am Sonntag
Ob Börsenguru, Vermögensverwalter, BWL-Student oder Privatanleger – früher oder später kommt jeder bei der Frage nach seinen Investmentkriterien auf den Punkt Vertrauenswürdigkeit des Managements zu sprechen.
Allerdings ist die Qualität der Führungsetage ein zweischneidiges Schwert. Bei Fondsmanagern entscheiden nicht selten die Eindrücke im persönlichen Gespräch, doch Privatanleger kommen meist gar nicht erst in den Genuss einer Audienz beim Vorstand.
Ein neues Zertifikat der HypoVereinsbank soll jetzt Abhilfe schaffen: Anhand objektiver Kriterien, die neutraler sind als persönliche Eindrücke wie Sympathie oder Verachtung, kommen Unternehmensführung und -kultur auf den Prüfstand.
Als Definition für zeitgemäßen Führungsstil haben Wissenschaftler deshalb vor einigen Jahren den englischen Begriff Corporate Governance entwickelt, was übersetzt etwa so viel heißt wie Unternehmensregierung. Ein Corporate-Governance-Kodex, der die Standards festsetzt, wurde auf Initiative des Bundesjustizministeriums im Februar 2002 in Deutschland eingeführt. Da niemand als schwarzes Schaf dastehen will, fühlen sich so gut wie alle diesem Kodex verpflichtet: die einen mehr, die anderen weniger.
Um objektive Abstufungen vornehmen zu können, muss also eine neutrale Stelle prüfen, wie ernst es der Unternehmensspitze mit dem Kodex ist. Diese Prüfinstanz heißt Governance Metrics International, kurz GMI, und ist ein unabhängiges Ratingunternehmen aus New York, das Ranglisten erstellt, welche Unternehmen die Anforderungen am besten erfüllen. Im Unterschied zu Nachhaltigkeitsratings werden weniger moralische Anforderungen ans Geschäftsmodell gestellt, sondern in erster Linie wird untersucht, wie aktionärsfreundlich die Politik der Unternehmensregierung ist. Das soziale Verhalten (sowohl nach außen als auch nach innen) bleibt freilich nicht außen vor, ist jedoch nur eines von sechs Hauptprüfungsfeldern. Die weiteren Kriterien sind:
● Führungsstruktur und Kontrolle: Sind Managemententscheidungen auf langfristige Wertschöpfung ausgerichtet?
● Transparenz: Werden die finanzielle Situation und die internen Kontrollmechanismen offen kommuniziert?
● Vorstandsgehälter und Boni: Liebt das Management seine Aufgabe oder nur die Bezahlung?
● Aktionärsrechte: Sind Anleger als Geldgeber willkommen, werden aber sonst als lästiges Beiwerk empfunden?
● Eigentümerstruktur: Gibt es einen dominanten Großaktionär, der die Kontrolle ausübt?
Zumindest auf lange Sicht ist es sinnvoll, den Corporate-Governance-Aspekt zu berücksichtigen, denn nach einer Untersuchung der Uni St. Gallen schneiden gut geführte Unternehmen an der Börse besser ab als der Durchschnitt. Um das Thema investierbar zu machen, hat Indexanbieter Structured Solutions ein Barometer entwickelt, das auf den Ratings von Governance Metrics International beruht: den Solactive-GMI-Germany-Index, der dem Zertifikat zugrunde liegt.

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Ähnlich wie beim DivDAX, der die 15 dividendenstärksten Titel des DAX enthält, entschied man sich aufgrund besserer Performance in der Rückrechnung, die bessere Hälfte der 30 wichtigsten börsennotierten Unternehmen in Deutschland aufzunehmen. Die Top 15 in Deutschland sind nach GMI-Auswertung derzeit Adidas, Allianz, BASF, Bayer, BMW, Daimler, Deutsche Bank, Deutsche Börse, Fresenius Medical Care, Lufthansa, Linde, Metro, Munich Re, RWE und Siemens.
Die Siemens-Aktie liefert ein besonders gutes Beispiel, dass der im Vierteljahresturnus (bei Bedarf auch wöchentlich) überprüfte Index keineswegs starr ist: „Das Unternehmen war nach der Korruptionsaffäre rausgeflogen, kehrte nach dem Managementwechsel und dem glaubhaften Willen zur lückenlosen Aufklärung der Vorgänge aber wieder zurück“, erklärt GMI-Chef Howard Sherman.
Keine Chance hat derzeit dagegen die Commerzbank, ebenso wenig wie http://www.finanzen.net/aktien/Deutsche_Post-Aktie" target="_blank">Post und Telekom. Grund: Unternehmen, die den Staat als Großaktionär haben, können nur eingeschränkt zum Wohl der übrigen Anteilseigner handeln.
Auch familiendominierte Unternehmen sind nach Corporate-Governance-Gesichtspunkten nicht das Gelbe vom Ei. Firmen wie Beiersdorf, Henkel und Merck müssen deshalb draußen bleiben. Hierüber lässt sich ebenso lang streiten wie über die Qualität des Managements, denn andere Barometer wie der DAXFamily oder der German Entrepreneurial Index (GEX) setzten – alles andere als erfolglos – auf inhabergeführte Unternehmen.
Investor-Info
Solactive GMI Germany
Preisstellung ohne Spread
Insgesamt stellt GMI deutschen Bluechips ein durchweg gutes Zeugnis aus – neben den Kursexzessen der nicht enthaltenen VW-Aktie (Sperrminorität des Landes Niedersachsen, Dominanz der Familie Piëch) ein Grund, warum der 15er-Index in der Rückrechnung nur gleichauf mit dem DAX liegt. Auf lange Sicht jedoch sollte sich Qualität durchsetzen. Die HVB bietet das Zertifikat ohne Spread an, die Dividenden werden eingerechnet. Gut geeignet für Langfristanleger.
Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum