aktualisiert: 02.10.2012 11:53
Bewerten
 (5)

Clever investieren: Wege aus dem „Anlage-Notstand“

Marcel Langer, UBS
Discount oder Bonus
Sichere Anlageformen bringen derzeit kaum Zinsen, direkte Engagements am Aktienmarkt sind trotz der sich bietenden Chancen für viele private Anleger allerdings zu riskant. Strukturierte Produkte können, klug ausgewählt, einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten.
€uro am Sonntag

von Marcel Langer, Gastautor von Euro am Sonntag

Zuerst die schwerste Finanz- und Wirtschaftskrise seit der Großen Depression, dann die Staatsschuldenkrise in der Eurozone: Die Finanzmärkte befinden sich seit nunmehr fast fünf Jahren im Ausnahmezustand. Die damit einhergehenden Verwerfungen lassen sich wohl am eindeutigsten an den internationalen Anleihemärkten ablesen: Einerseits müssen Staaten wie Spanien und Italien, die lange als solide galten, Rekordzinsen bieten, um Käufer für ihre Anleihen zu finden. Andererseits sind die Renditen von deutschen Bundesanleihen oder US-Staatsanleihen, die nach wie vor als sicher gelten, selbst im Vergleich zu den niedrigen Niveaus der vergangenen Jahre weiter gefallen.

So liegt die Rendite von Bundesanleihen mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren derzeit bei gut 1,5 Prozent pro Jahr. Selbst wenn die Teuerungsrate im kommenden Jahrzehnt knapp zwei Prozent nicht überschreiten sollte, stünde unterm Strich also ein realer Verlust, wenn Investoren diese Anleihen bis zur Fälligkeit halten. Damit deutet sich ein ­Paradigmenwechsel an, und man darf wohl mit Fug und Recht sagen, dass der Preis der Sicherheit nie so hoch war wie heute. Das wiederum bedeutet: Risikoaverse Investoren befinden sich im Anlagenotstand. Als sicher geltende Anlagen werfen derzeit extrem niedrige Zinsen ab, hoch rentierliche Anleihen aus den Krisenländern der Eurozone dagegen bergen schwer kalkulierbare Risiken, die sich im Fall Griechenlands bereits in einem Schuldenschnitt manifestiert haben.

Steuerung des Anlagerisikos
ist eine Stärke von Zertifikaten

Angesichts dieses Dilemmas halten viele Anleger die Aktienmärkte derzeit für attraktiv. Die teils deutlichen Anstiege der internationalen Leitindizes im Jahr 2012 spiegeln diese Ansicht wider. Ob die Investoren damit richtig liegen, wird die Zukunft zeigen. Sicher ist: Die Bewertung vieler Aktien scheint derzeit günstig. So liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der im deutschen Leitindex DAX enthaltenen Unternehmen derzeit bei weniger als zehn und damit deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von etwa 13 Prozent. Auch weisen viele Standardwerte aktuell Dividendenrenditen auf, die deutlich höher liegen als die Renditen sicherer Staatsanleihen.

Allerdings gilt nach wie vor die alte Weisheit, dass die Börse keine Einbahnstraße ist: Die hohen Verluste in den Jahren 2008 und 2011 haben viele Investoren noch lebhaft in Erinnerung. Daher ist es durchaus verständlich, dass sich viele risikoscheue Anleger mit Direktengagements am Aktienmarkt schwertun. Gerade für diese Investoren kann es daher hilfreich sein, sich darauf zu besinnen, dass die Feinsteuerung des Anlagerisikos eine der großen Stärken von Zertifikaten ist.

Die große Produktvielfalt ermöglicht es, punktgenau das Verhältnis von Risiko und Renditechancen zu finden, das zu ihren Anlagezielen und ihrer persönlichen Risikotragfähigkeit passt. Dabei bieten sich gerade klassische Produktgattungen wie Discountzertifikate und Bonuszertifikate mit Cap an. Beide ermöglichen Anlegern, auf die Entwicklung einzelner Aktien oder Aktienindizes zu setzen und ihr Anlagekapital zugleich teilweise gegen Kursverluste abzusichern. Zudem sind beide Gattungen aufgrund ihrer standardisierten Struktur transparent, sodass der Vergleich zwischen verschiedenen Zertifikaten mit ähnlichen Ausstattungsmerkmalen leicht­fällt. Bei der Auswahl des für sie am besten geeigneten Zertifikats sollten Anleger dennoch einige wichtige Punkte beachten.

So gilt für alle Anlageformen: Risiko und Renditechancen sind untrennbar miteinander verbunden. Wer besonders viel Wert auf Sicherheit legt, muss daher Abstriche bei der Höhe der möglichen Maximalrendite machen. Gut demonstrieren lässt sich dieser Zusammenhang anhand der Funktionsweise von Discountzertifikaten. Diese gewähren Anlegern beim Einstieg einen Rabatt (Discount) im Vergleich zu einem Direktinvestment in den Basiswert. Zugleich sind sie mit einem Cap ausgestattet, der festlegt, wie hoch die Rückzahlung am Ende der Laufzeit eines Zertifikats maximal ausfällt. Steigt der Basiswert, auf den sich ein Discounter bezieht, zum Laufzeitende über diesen Cap hinaus, profitieren Anleger nicht mehr davon.

Mit der Wahl des Caps lässt sich daher das Risiko eines Investments mithilfe von Discountzertifikaten steuern: Wer Wert auf ein hohes Sicherheitsniveau legt, wählt einen Cap weit unter dem aktuellen Kurs des Basiswerts. Damit steigt die Chance, die maximal mögliche Rendite auch tatsächlich zu erzielen. Auch der Rabatt beim Einstieg ist umso höher, je niedriger der Cap im Vergleich zum aktuellen Stand des Basiswerts gewählt wird. Dadurch können sich Anleger auch gegen relativ starke Kursverluste des Basiswerts absichern — verzichten im Gegenzug aber auf Renditechancen. Sogenannte „Deep Discounter“, Zertifikate mit besonders tiefem Cap also, können eine Absicherung gegen Kursrückgänge um 40 Prozent und mehr bieten — allerdings liegt auch ihre mögliche Maximalrendite oft nur knapp über dem Niveau weitgehend risikoloser Anlagen wie Tagesgeld. Wer bereit ist, ein höheres Aktienmarktrisiko zu tragen, kann allerdings auch auf deutlich höhere Renditen hoffen.

Nur wer investiert ist, hat
auch Chancen auf Gewinne

Bonuszertifikate mit Cap bieten Anlegern die Chance auf eine fixe Auszahlung am Laufzeit­ende (Bonuslevel). Dieser Bonuslevel stellt in der Regel zugleich den höchsten möglichen Rückzahlungspreis (Cap) dar. Anleger erhalten ihn immer dann, wenn der Basiswert während der Laufzeit zu keinem Zeitpunkt eine bei der Emission des Zertifikats festgelegte Barriere berührt oder unterschritten hat. Wird die Barriere dagegen gerissen, partizipieren Anleger bis zum Cap eins zu eins an den Kursschwankungen des Basiswerts, sodass ein Verlust möglich ist. Auch bei dieser Produktgattung gilt der grundsätzliche Zusammenhang zwischen Rendite und Risiko: Je geringer der Abstand zwischen dem aktuellen Kurs des Basiswerts und der Barriere, desto höher ist das Risiko, dass Anleger Verluste erleiden — desto höher ist aber auch die maximal mögliche Rendite.

Vor dem Kauf sollte daher jeder Anleger ­genau prüfen, wie viel Rendite er erzielen möchte — und wie viel Risiko er dafür einzugehen bereit ist. Das heißt, gegebenenfalls auch Verluste beim eingesetzten Kapital hinzunehmen. Bei der Entscheidungsfindung kann eine klare Meinung über die weitere Entwicklung von Aktienkursen, Zinsen und Inflation helfen: Wer etwa mit anhaltend niedrigen Teuerungsraten rechnet und vor allem auf den realen Werterhalt seines Kapitals aus ist, dem genügen möglicherweise relativ konservative Zertifikate. Wer mehr Wert auf attraktive Renditen legt, wählt eine etwas offensivere Herangehensweise.

Wichtig ist, in jedem Fall einen kühlen Kopf zu behalten und verschiedene Anlagemöglichkeiten rational miteinander zu vergleichen — dann verliert auch der viel beschworene Anlagenotstand seinen Schrecken.
Minus mit Sicherheit (pdf)

zur Person:

Marcel Langer
Director bei der UBS

Der Autor studierte internationale Betriebswirtschaftslehre in Münster und Portsmouth (UK). Nach seinem Studium war er als Händler für Aktienderivate in Deutschland und England tätig und arbeitet seit Juli 2006 bei UBS im Bereich Equity Derivatives. Dort verantwortet er den ­Direktvertrieb an Privatanleger in Deutschland.
Mit mehr als 110.000 Produkten zählt UBS zu den führenden Anbietern von derivativen Finanzinstrumenten in Deutschland. Neben den gängigen Anlage- und Hebelprodukten entwickelt UBS Anlagelösungen, die an die Bedürfnisse von anspruchsvollen Anlegern in wechselnden Marktgegebenheiten angepasst sind.

Bildquellen: Wonge Bergmann/UBS Deutschland AG
Artikel empfehlen?
Für den Live-Chat können Sie sich mit Ihrem finanzen.net-, Facebook- oder Twitter Account anmelden. Um immer die neusten Beiträge zu sehen, stellen Sie bitte "Neuesten" ein.

Private Krankenversicherung Tarifvergleich

Heute im Fokus

DAX schließt unter 9.000 Punkten -- 25 Banken sollen Stresstest nicht bestanden haben -- US-Börsen leicht im Plus -- Ford, BASF, Amazon, Microsoft im Fokus

Apple will Beats-Musik-App in iTunes aufgehen lassen. Deutsche Bank leidet unter Rückstellungen. S&P hebt Bonitätsnote von Zypern an. Ryanair-Chef unterschreibt für fünf weitere Jahre. FMC besorgt sich 900 Millionen US-Dollar am Bondmarkt. Chiquita lässt Fyffes-Fusion platzen. Cameron: Werden Milliarden-Rechnung aus Brüssel nicht bezahlen.
Diese Aktien sind auf den Kauflisten der Experten

So platzieren sich die Deutschen

Die öffentliche Verschwendung

Umfrage

Verkehrsminister Dobrindt erwägt scheinbar, die Pkw-Maut vorerst nur auf Autobahnen einzuführen. Was halten Sie von diesem Rückzieher?

Anzeige