23.01.2013 17:30
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Kroatien: Beitritt mit Mängelliste

Kroatien: Beitritt mit Mängelliste
EU plus Balkan
Am 1. Juli wird der Adria-Staat wohl zum 28. Mitglied der EU. Brüssel scheint dabei alte Fehler zu wiederholen. Anlegern bieten sich kurzfristig trotzdem Chancen.
€uro am Sonntag

von Emmeran Eder, Euro am Sonntag

Sprachlich sind sie längst Europäer. Kroaten parlieren gern in fremden Sprachen. Auch kulturell zählt der Adria-Staat wegen der katholischen Tradition zweifelsohne zum alten Kontinent. Für die große Mehrheit der Kroaten ist es daher selbstverständlich, dass sie am 1. Juli zum 28. Mitglied der Europäischen Union werden sollen.

21 EU-Länder sehen das genauso und haben dem Beitritt bereits zugestimmt. Unter den übrigen sechs sind aber mit Deutschland, Frankreich und England die größten EU-Staaten. Vor allem im Bundestag wird der Beitritt von vielen Abgeordneten als verfrüht angesehen. Präsident Norbert Lammert warnt, der Balkanstaat sei noch nicht so weit. Gute Absichten dürften nicht an die Stelle nachgewiesener Veränderungen treten.

Es geht die Angst um, dass sich für Kroatien ähnlich wie für Rumänien und Bulgarien zu früh die Türen öffnen. Sie erfüllten 2007 nicht die Kriterien in puncto Korruption und Rechtsstaatlichkeit. Trotz eines nachträglichen Kontroll­prozesses tun sie es bis heute nicht. Wegen dieser Erfahrungen wurde nach Ende der Beitrittsgespräche mit Kroatien eine spezielle Überwachung eingebaut, damit der Reformprozess nicht stockt.

Wasser auf die Mühlen der Kritiker war die Herabstufung des Ratings durch Standard & Poor’s Mitte Dezember. Moniert wurden die zu hohen Gehälter und Pensionen sowie abgeschottete Branchen, die wegen guter Lobbyarbeit neue Wettbewerber ausschließen. Mit Folgen für den Jobmarkt: Die Arbeitslosenrate liegt bei 14 Prozent, weshalb der Konsum schwächelt. Auch die Korruption ist ein Problem, obwohl viel verbessert wurde. „Ein Meilenstein war, dass hohe Politiker vor Gericht gestellt wurden“, lobt Birgit Niessner, Chefanalystin für Osteuropa beim Bankhaus Erste Group. Auch im Hinblick auf Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit hat Kroatien große Fortschritte gemacht. Die volkswirtschaftlichen Kennzahlen sind vorwiegend zufriedenstellend. Die Inflationsrate beträgt 2,5 Prozent, die Staatsverschuldung 50 Prozent vom BIP. Zudem gibt es einen leichten Leistungsbilanzüberschuss. Für Verwirrung sorgten jedoch vor Kurzem die Haushaltspolitiker. Das für 2013 angepeilte Haushaltsdefizit von drei Prozent wurde kurzerhand auf 3,8 Prozent hochgesetzt, weil die drastischen Sparmaßnahmen der Bevölkerung nicht ­zuzumuten seien. Der IWF kritisierte dieses Vorgehen scharf. Wenig berauschend ist auch das Wachstum. Nach ­minus 1,9 Prozent im Vorjahr wird 2013 nur ein Nullwachstum erwartet.

Erst Tourismus, dann lange nichts
„Das Land ruht sich auf dem prosperierenden Tourismus aus“, moniert Niessner. Der macht 15 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Die Entwicklung anderer Industrien wurde verschlafen. Außer etwas Textil- und Maschinenbaufertigung sowie Chemie ist die Indus­triebasis dünn. Stark ist noch der Agrarsektor. Dienstleistungen dominieren die Wirtschaft. Neben der Reisebranche sind das Banken, Telekom und Handel.

Allerdings sieht Dusan Reljic, Balkanexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, auch positive Effekte durch den Beitrittsprozess. Die öffentliche Verwaltung sei effizienter geworden, die Infrastruktur ausgebaut worden. Zudem werden ab Juli Milliarden Euro an Strukturhilfen aus Brüssel fließen. Das hohe Bildungsniveau sei ein weiterer Pluspunkt für Investoren. „Ökonomisch steht Kroatien besser da als Rumänien und Bulgarien, fast auf einer Ebene mit Ungarn“, sagt Reljic. Trotzdem komme der Beitritt zu früh. „Die Einhaltung von EU-Standards erschwert den wichtigen Handel mit der Balkanregion. Zudem ist die ­Industrie noch nicht reif für den Wettbewerb mit der EU-Konkurrenz“, glaubt Reljic. „Der Beitritt ist eine vorrangig ­politische Entscheidung aus Brüssel.“

Das sehen Aktionäre an der Börse ­Zagreb ähnlich. Anders als bei vorherigen EU-Kandidaten haussierte der Ak­tienmarkt nicht bereits lang vor dem Beitritt. Stattdessen dümpelte er bis Mitte Dezember vor sich hin. Seitdem stieg er aber um zehn Prozent. Da das 2013er-KGV kroatischer Titel mit 10,8 noch unter dem historischen Schnitt von zwölf liegt, ist auch bewertungstechnisch Luft nach oben. Mehr als eine moderate Rally dürfte aber nicht drin sein. „Dazu fehlt einfach die Gewinndynamik“, meint Henning Eßkuchen, Osteuropa-Analyst der Erste Group.

Mit dem Kroatien-Basket der Erste Group (ISIN: AT 000 0A0 42X 6) setzen Anleger auf die Beitrittsfantasie am Balkan. In dem Papier sind die wichtigsten acht Werte des Landes vertreten: Tourismusfirmen, Tankstellenbetreiber, Telekom- und Infrastrukturkonzerne sowie Banken. Der Spread beträgt gut drei Prozent, Dividenden fehlen. Anleger sollten den Markt beobachten und eventuell im Frühjahr aussteigen.

Ganz sicher ist der Beitritt ohnehin noch nicht. Die Slowenen drohen mit Blockade. Sie streiten mit Kroatien um 270 Millionen Euro bei einer insolventen slowenischen Bank — eine Altlast aus der Jugoslawien-Zeit. Die klammen Slowenen wollen das Geld nicht an die Nachbarn zahlen. Dabei ist es Ziel der Mitgliedschaft Kroatiens, die Balkanländer zu versöhnen. Bisher scheint die Rechnung wohl nicht aufzugehen. 

Bildquellen: C&OPhoto / Shutterstock.com
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