Erzrivalen mit doppelter Power
Während der Finanzkrise hätte „Worst-of-Struktur“ sicher das Zeug zum Zertifikate-Unwort des Jahres gehabt. Der Begriff steht für Produkte mit mehreren Basiswerten. Und davon ist derjenige mit der schlechtesten Performance für die Rückzahlung verantwortlich. Reihenweise erlitten Anleger im Herbstcrash 2008 mit solchen Multiprodukten Schiffbruch. Aber bekanntlich steigt mit den Kursen auch die Risikobereitschaft. Insofern verwundert es nicht, dass sich die Emittenten allmählich wieder trauen, mehrere Aktien in ein Worst-of-Derivat zu packen. Beispiel Société Générale (SocGen): Die französische Großbank bietet erstmals eine Serie von Expresszertifikaten mit Memoryfunktion auf zwei Basiswerte an. Dabei besteht jährlich die Chance auf eine Kuponzahlung, falls die Underlyings über einer vorab fixierten Schwelle notieren. Gelingt das nicht, ist die Zahlung nicht verloren. Sie kann später nachgeholt werden.
„Anleger sind auf der Suche nach hohen Renditen“, sagt SocGen-Zertifikateexperte Sebastian Bleser. Vor diesem Hintergrund habe sein Haus die neue Struktur entwickelt. Schließlich ermöglicht das Produkt in der Multiausführung sowohl einen höheren Kupon als auch tiefere Barrieren. Andererseits nimmt mit der Zahl der Basiswerte auch das Risiko eines negativen Ausreißers zu. Trotzdem: „Für uns steht der Sicherheitsaspekt im Vordergrund“, betont Bleser. Folgerichtig liegen die Memoryschwellen der sechs neuen Zertifikate durchweg bei 50 Prozent des anfänglichen Kursniveaus. Überdies setzt die SocGen auf artverwandte Unternehmen. Deren Kurse neigen zum Gleichlauf, was das Risiko senkt. Neben der Korrelation sind die Volatilität und die Dividendenzahlungen der Basiswerte für die Konditionen maßgeblich.
Beim Zertifikat auf das Duo BMW und Daimler (ISIN: DE 000 SG1 TE0 6) führen diese Stellschrauben zu einem ordentlichen Chance-Risiko-Profil. Am ersten Beobachtungstag, dem 9. August 2011, gilt es für die beiden Autotitel, mindestens bei 50 Prozent der Basispreise zu notieren. Dann erhalten Anleger einen Kupon in Höhe von zehn Prozent. Sollten die beiden Erzrivalen sogar geschlossen auf oder über den Startwerten stehen, wäre das Zertifikat mitsamt Ausschüttung vorzeitig fällig.
Die starke Autokonjunktur – die Hersteller fahren bereits wieder Sonderschichten – deutet darauf hin, dass zumindest die Ausschüttung nicht unrealistisch ist. Sollte eine der beiden Aktien dennoch von der Spur abkommen und unterhalb der Schwelle landen, ist das zunächst nicht weiter tragisch. Sollten sowohl BMW als auch Daimler ein Jahr später die 50-Prozent-Hürde packen, holt die SocGen die im ersten Anlauf entgangene Zahlung nach. Gefährlich wird es erst, wenn die Basiswerte am dritten und letzten Bewertungstag im August 2013 an der Memoryschwelle scheitern. Dann gilt „Worst-of“: Die Rückzahlung ist an den Verlauf des schwächeren Titels gekoppelt, darum entsteht ein Verlust von mindestens 50 Prozent. „Die Duovarianten richten sich an offensivere Anleger“, erklärt Bleser. Der Kupon bei einem vergleichbaren Derivat mit nur einem Basiswert würde rund 200 Basispunkte niedriger ausfallen.
Das Memoryspiel ist auch mit breit diversifizierten Indizes möglich. Bis zum 3. September bietet die UBS ein derartiges Produkt auf den Euro Stoxx 50 zur Zeichnung an (ISIN: DE 000 UB8 MEJ 3). Nach einem Jahr zahlen die Eidgenossen unabhängig vom Verlauf des Basiswerts einen fixen Kupon von sieben Prozent. Zwölf Monate später ist ein identischer Betrag fällig, außer der Bluechip-Index der Eurozone schaffte es an keinem Tag während des zweiten Jahres, mindestens bei 60 Prozent des Ausgangsniveaus zu schließen. Zum dritten und finalen Bewertungstag liegt die Latte für Kupon und vollständige Rückzahlung ebenfalls bei 60 Prozent.
Auch bei diesem Zertifikat ist eine vorzeitige Tilgung möglich. Voraussetzung: Der Index notiert an einem Beobachtungstag auf oder über seinem Startkurs. Negativ wirkt sich der Ausgabeaufschlag von bis zu zwei Prozent auf die Rendite aus – „Agio“ ist eben auch so ein Unwort der Zertifikatebranche.



