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05.08.2012 03:00

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€uro am Sonntag

HEIßER BÖRSENSOMMER

Anlegerstimmung: Die Krise kennt kein Sommerloch!



Für gewöhnlich verläuft der Börsenhandel in den Sommermonaten relativ beschaulich
Private Anleger sowie professionelle Marktteilnehmer sind zunehmend verunsichert, wie es an den Weltmärkten weitergeht. Eine Mehrheit geht jedoch davon aus, dass die Eurozone ihre Krise überwindet und gestärkt aus ihr hervorgehen wird.

von Dirk Heß, Gastautor von Euro am Sonntag

Für gewöhnlich verläuft der Börsenhandel in den Sommermonaten relativ beschaulich. Zahlreiche Investoren befinden sich im Urlaub. Auch die Politik als wichtiger Impulsgeber macht Sommerpause. Was soll da schon passieren? Das dachte man sich auch voriges Jahr. Es kam bekanntlich ganz anders. Quasi von einem Tag auf den anderen war es um die Ruhe an den Märkten geschehen. Die Aktienkurse brachen ruckartig ein, die An­leihemärkte spielten verrückt, die Rohstoffpreise sackten ab und am Devisenmarkt fiel der Euro gegenüber Fluchtwährungen wie dem Schweizer Franken auf Rekordtiefs. Der Crash vom August 2011 hat alle Anlageklassen heftig durchgerüttelt. Nur der Goldpreis konnte von den Turbulenzen profitieren.

Fast ein Jahr ist das nun her, doch der Schock darüber scheint noch immer nachzuwirken. Nun aber sorgen sich die Anleger nicht mehr nur um Griechenland, sondern um den Euro als Ganzes. Wie sehr die Börsenstimmung auch in den Sommermonaten unter den monetären Spannungen in Europa leidet, zeigt die jüngste Erhebung des Citi-Investmentbarometers. Das Marktforschungsinstitut TNS Infratest befragt zu diesem Zweck regelmäßig ausgewählte private und professionelle Marktteilnehmer. Das ernüchternde Ergebnis: Bei den Privatanlegern fiel das Investitionsklima im zweiten Quartal 2012 auf 18 Punkte (bei +100 bis –100 möglichen Punkten) und damit auf den tiefsten Stand seit dem Start der Befragungen im Frühjahr 2011. Nicht ganz so dramatisch sank die Stimmung bei den professionellen Marktteilnehmern — allerdings nur, weil diese schon bei den vorangegangenen Befragungen deutlich skeptischer waren als die privaten.

Steigende Unsicherheit auf
Sicht von drei Monaten

Besonders auffällig ist, dass sich das Anlageklima über fast alle Investmentklassen hinweg verschlechtert hat — angefangen von (europäischen) Aktien über Zinsanlagen bis hin zu Öl. Die Lage an den Märkten wird allem Anschein nach als sehr ernst wahrgenommen. Waren insbesondere Privatanleger in der Vergangenheit noch relativ zuversichtlich, dass die Politik einen Ausweg aus der Eurokrise finden würde, ist diese Hoffnung der Einsicht gewichen, dass es vermutlich — so oder so — keine einfache Lösung geben wird. Auf die Stimmung drückt außerdem das eingetrübte weltwirtschaftliche Umfeld. Die Konjunkturlokomotive China verliert an Fahrt und für die laufende US-Quartalssaison rechnen Analysten mit dem schwächsten Umsatzwachstum seit 2009.

Vor diesem Hintergrund scheinen viele Marktteilnehmer Angst zu haben, dass sich die hohe Unsicherheit erneut schlagartig an den Märkten entladen könnte. Das Citi-Investmentbarometer zeigt, dass nur noch jeder fünfte Privatanleger damit rechnet, dass die Kurse europäischer Aktien in den kommenden drei Monaten steigen. Fast ein Drittel geht dagegen von fallenden Notierungen aus. Im ersten Quartal waren die Bullen noch in der Mehrheit. Knapp 45 Prozent erwarteten damals anziehende und nur rund 16 Prozent nachgebende Kurse. Ähnlich ist der Trend bei den professionellen Investoren. Auch hier hat die Zahl der Pessimisten im Vergleich zum Vorquartal zugenommen, während die Optimisten auf dem Rückzug sind. Diese Stimmungsänderung zeigt sich nicht nur bei Aktien. Auch bei den Zinsen und beim Ölpreis ist der Anteil derer gestiegen, die kurzfristig, also auf Sicht von drei Monaten, ein rückläufiges Niveau erwarten.

Anleger sehen Licht am
Ende des Tunnels

Müsste man aus diesen Stimmungstrends ein übergeordnetes Szenario erstellen, es sähe ungefähr so aus: Die Weltwirtschaft verliert an Schwung, was Unternehmensgewinne, Aktienkurse und auch den Ölpreis belastet. Gleichzeitig bleibt die Lage im Bankensektor und beim Euro kritisch, weshalb die Notenbanken weiterhin eine Politik des billigen Geldes mit niedrigen Zinsen verfolgen.

Und Gold? Sein Preis würde vermutlich zulegen. Genau damit rechnet, wie das Citi-Investmentbarometer zeigt, eine zunehmende Zahl von Anlegern. Demnach erwarten rund 44 Prozent der privaten und knapp 45 der professionellen Marktteilnehmer kurzfristig steigende Notierungen beim Edelmetall, auf Sicht von zwölf Monaten liegen die Quoten sogar jeweils über 55 Prozent. Das sind signifikante Zuwächse gegenüber dem Vorquartal. Gold ist eindeutig der strahlende Sieger der aktuellen Erhebung. Besonders interessant ist dabei: Zum ersten Mal in der Erhebungshistorie sind die Profis positiver für Gold gestimmt, als die privaten Anleger.

Ziehen wir ein erstes Fazit: Kurzfristig ist die Skepsis an den Märkten deutlich gestiegen. Anscheinend werden temporäre Turbulenzen wie im vergangenen Sommer von einer zunehmenden Zahl der Börsianer nicht ausgeschlossen.

Doch wie beurteilen die Anleger die Chancen und Risiken an den Märkten längerfristig? Auch hier liefert das Citi-Investmentbarometer interessante Einblicke. Auf Sicht von zwölf Monaten ist der Anteil der Optimisten deutlich höher als auf Sicht von drei Monaten. In der Kategorie „Europäische Aktien auf zwölf Monate“ etwa liegt die Quote der Bullen bei stolzen 60,5 Prozent (private Anleger) beziehungsweise 57,1 Prozent (professionelle Marktteilnehmer). „Bearish“ sind dagegen nur 15,8 beziehungsweise 20 Prozent. Die Investoren gehen also mehrheitlich von einer längerfristigen Kurserholung aus. Allerdings: Anleger neigen generell dazu, die langfristigen Perspektiven besser einzuschätzen als die kurzfristigen Aussichten.

Besonders interessant sind auch die Ansichten zur Eurokrise. Nur eine Minderheit von 15 Prozent der Privatanleger geht davon aus, dass die Gemeinschaftswährung komplett scheitern wird. Bei den professionellen sind es sogar nur sechs Prozent. Auch den Austritt eines einzelnen Landes kann sich kaum jemand vorstellen. Das ist erstaunlich. Immerhin ist die Lage an der Eurofront weiterhin sehr zerfahren, und immer mehr Bundesbürger sehnen sich nach der D-Mark zurück. Insbesondere die Profis halten einen solchen Schritt für unwahrscheinlich. Nur ein Prozent erwartet den Austritt Deutschlands aus der Währungsunion.

Eine weitere bemerkenswerte Erkenntnis aus der aktuellen Umfrage: Mehr als 60 Prozent der Anleger stimmen der Aussage zu, dass die Eurozone nach Überwindung der Krise gestärkt dastehen wird. Doch dazu muss die Krise erst einmal überwunden werden. Hier teilen sich die Meinungen. Während in Deutschland, Finnland und den Niederlanden Haushaltsdisziplin Vorrang hat, setzen Frankreich, Spanien und Italien auf (schuldenfinanzierte) Konjunkturprogramme. Die für das Citi-Investmentbarometer befragten Marktteilnehmer sind hier mehrheitlich auf Linie der Bundesregierung. So halten fast zwei Drittel der Privatanleger eine Schuldenbremse für geeignet, die Eurozone zu stabilisieren. Für Eurobonds liegt die Zustimmungsrate dagegen nur bei 27 Prozent.
Stimmung sinkt (pdf)

Zur Person:

Dirk Heß, Co-Head des öffentlichen
Vertriebs für die EMEA-Region bei der Citigroup

Dirk Heß besitzt lang­jährige Erfahrung in allen Fragen rund um Börse und Investments. Die Citigroup bietet seit 20 Jahren Optionsscheine, Zertifikate und derivative Produkte in Deutsch­land an. Rund 460 Mitarbeiter betreuen von Frankfurt aus institutionelle Investoren, staatliche Institutionen, Distributionspartner und Endkunden. Die Citigroup ist mit Hebel- und Anlageprodukten auf alle Anlageklassen am Markt vertreten und zählt weltweit zu den erfolgreichsten Emittenten der Branche.

Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum

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