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03.02.2012 03:00

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JAPAN

Trotz Rezession: Warum der Nikkei Chancen bietet



Trotz Rezession: Warum der Nikkei Chancen bietet
Goldman-Sachs-Strategin Kathy Matsui über die Chancen auf ein Ende der 22-jährigen Baisse. Wo vorsichtige Anleger zugreifen können.

von Jens Castner, €uro am Sonntag

Es ist beinahe schon eine Börsenregel: Kaum ist die Rezession offiziell, fangen die Kurse an zu steigen. Wegen einer — durch die Erdbeben- und Atomkatastrophe verursachten — Exportschwäche soll Japans Wirtschaft nach Berechnungen der Notenbank im laufenden Fiskaljahr (bis 31. März) um 0,4 Prozent schrump­fen. Für das neue Jahr erwartet die Bank of Japan jedoch zwei Prozent Wachstum. Eine Chance für die Tokioter Börse, das nunmehr 22  Jahre andauernde Trauerspiel zu beenden? €uro am Sonntag sprach mit Kathy Matsui (48), Japan-Strategin von Goldman Sachs.

€uro am Sonntag: Frau Matsui, wie hat sich das Leben in Japan durch Fukushima verändert?
Kathy Matsui:
Japan galt nie als sonderlich philanthropische Gesellschaft. Aber die Erdbeben-, Tsunami- und Atomkatastrophe hat in der Bevölkerung ein neues Gefühl des Zusammenhalts ausgelöst. Jedem wurde klar: Es hätte auch mich treffen können. Der Flutwelle folgte eine Welle der Hilfsbereitschaft wie man sie bislang nicht gekannt hat.

Spürt man so etwas wie einen Ruck, der die Wirtschaft wieder auf Trab bringen könnte?
Wenn man dem Desaster etwas Positives abgewinnen will, dann ist es genau das. Zunächst stand die Wirtschaft ja weitgehend still, da ausgerechnet in der Gegend um Fukushima viele Schlüsselindustrien oder deren Zulieferer sitzen. Die Auswirkungen waren ja weltweit spürbar. Aber wir gehen davon aus, dass das spätestens im zweiten Halbjahr zu Aufholeffekten führt, die dann auch den Aktienmarkt beflügeln sollten.

Wie viel Potenzial sehen sie?
Bis Jahresende ungefähr zehn Prozent — und damit mehr, als das Aufwärtspotenzial, das meine Kollegen für europäische oder amerikanische Aktien erwarten. Obwohl wir für den Beginn von 2012 noch eher vorsichtig sind, was die Börsen anbelangt, entwickeln sich die Aktienmärkte definitiv viel besser, als wir und viele andere das erwartet hätten.

Warum trauen Sie Japan mehr zu als dem Rest der Welt?
Da gibt es viele Gründe. Zum Beispiel, dass es nicht mehr viel schlimmer kommen kann. Im vergangenen Jahr hat Japan wohl jeder mögliche Schock, der eine Nation treffen kann, auch getroffen — eine riesige Naturkatastrophe, eine Energieversorgungskrise und ein Nachkriegshoch beim Yen. Jahrelang standen wir mit Proble­men wie Stagnation und exorbitant hoher Staatsverschuldung allein da. Das hat sich geändert. Andere Länder sind ähnlichen strukturellen Herausforderungen ausgesetzt — in Europa zum Beispiel. Wenn man so will, sind wir gewissermaßen der Vorreiter für den Umgang mit den strukturellen Problemen, die heute auch den Rest der industrialisierten Welt drücken.

Aber gelöst sind die Probleme in Japan keineswegs.
Das stimmt, die volkswirtschaftlichen Herausforderungen bestehen für Japan weiterhin. Was für Aktienmarktinvestoren aber relevant ist, ist der Zustand der Unternehmen. Und die gute Nachricht ist hier, dass diese ihre Hausaufgaben in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten gründlich erledigt haben. In Japan ist es extrem schwierig, Wachstum auf der Umsatzseite zu generieren. Will man also den Gewinn steigern, muss über Restrukturierungen oder die Verlagerung von Fertigung ins Ausland die Effizienz gesteigert werden. Mit dieser Situation wissen japanische Unternehmen mittlerweile umzugehen, viele ihrer Wettbewerber in anderen entwickelten Märkten werden sich daran erst noch gewöhnen müssen.

Für Vorsichtige: Defensives auf den Nikkei (PDF)

Japan ist aber auch eine Exportnation und leidet unter dem starken Yen. Gibt es einen Punkt, an dem die Notenbank — etwa nach Schweizer Vorbild — eingreifen muss?
Ich glaube, das wäre eine sehr unrealistische Annahme. Angesichts des starken Yen ist der Silberstreif am Horizont, dass viele japanische Unternehmen dadurch gezwungen sind, ihre Lethargie zu überwinden. Jetzt, wo sie sich endlich fit und wettbewerbsfähiger präsentieren, dürfen meiner Meinung nach keine Schritte unternommen werden, um die Währung künstlich zu schwächen. Tatsächlich würde eine plötzliche Schwächung des Yen wohl dazu führen, dass Unternehmen sich zurücklehnen und die Dringlichkeit von Restrukturierungen verdrängen würden. Mit anderen Worten: ohne Fleiß kein Preis.

Was die Unternehmen durch Effizienzsteigerungen einsparen, verlieren sie dann aber möglicherweise durch Wechselkurseffekte.
Und genau das ist der Grund, warum japanische Aktien so günstig sind. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis liegt unter eins. Obwohl das in Japan nicht gern gesehen wird, kommen angesichts der geringen Preise für Unternehmen ausländische Aufkäufer — auch viele Investoren aus anderen asiatischen Ländern wie China — ins Land. Das Übernahmekarussell kommt langsam in Schwung, niedrige Bewertungen und verbesserte Fundamentaldaten ziehen Geld ins Land. Früher oder später.

Wie viel später heißt später?
Wie gesagt, wir sind für das Frühjahr noch ein wenig skeptisch und würden gegenwärtig auf der einen Seite eine Sektor-Ausrichtung mit qualitativ hochwertigen zyklischen Titeln empfehlen — also Automobil, Maschinenbau, Versorger und Handelsunternehmen. Auf der anderen Seite sehen wir ausgewählte defensive Werte wie Telekommunikation und Konsumgüter positiv.

Bildquellen: iStock

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