25.07.2013 17:00
Bewerten
 (46)

Türkei: Keine Zeit für Ausflüge

Land in der Bredouille: Türkei: Keine Zeit für Ausflüge | Nachricht | finanzen.net
Türkei: Keine Zeit für Ausflüge
Land in der Bredouille

Andauernde Proteste gegen die Regierung und ein möglicher geldpolitischer Kurswechsel der USA setzen der Börse in Istanbul schwer zu. Anleger brauchen Geduld.

€uro am Sonntag

von Kerstin Kramer, Euro am Sonntag

Gezi — das bedeutet so viel wie Reise oder Ausflug. Doch dafür dürfte Erdem Başçi, Chef der türkischen Zentralbank, keine Muße haben. Denn Währung und Kapitalmärkte stehen unter Druck. Die Börse in Istanbul brach in den vergangenen acht Wochen um 18 Prozent ein. Zugleich kletterte die Rendite für zweijährige Staatsanleihen auf über acht Prozent, nach unter fünf Prozent im Mai. Der Anstieg signalisiert, dass Investoren steigende Risiken befürchten. Die türkische Lira büßte gegenüber dem Euro dieses Jahr rund acht Prozent ein.

Seit Wochen protestieren Demonstranten rund um den Gezi-Park in Istanbul gegen die konservativ-islamische Regierung. Die Spannungen verunsichern Anleger, zumal einige Politiker über eine ausländische Verschwörung gegen den Aufstieg der Türkei spekulierten. Noch schwerer wiegen aber die Worte des US-Notenbankchefs Ben Bernanke, der im Mai ein Ende der ultralockeren amerikanischen Geldpolitik andeutete. Inzwischen ruderte er zwar wieder etwas zurück. Dennoch ziehen Investoren Milliarden aus Schwellenländern ab. Denn die Aussicht auf steigende Zinsen in den USA macht Anlagen dort wieder interessant, während Emerging Markets unattraktiver werden.

Für die Türkei ist der Kapitalabfluss besonders schmerzhaft. Um ihr chronisches Loch in der Leistungsbilanz von etwa sechs Prozent der Wirtschaftsleistung zu füllen, braucht der Staat Kapitalzuflüsse aus dem Ausland. „Da die Türkei rund 80 Prozent ihres Leistungsbilanzdefizits mit kurzfristigem Geld finanziert, ist die Volkswirtschaft besonders anfällig für eine rasche Umkehrung der Kapitalströme“, schreibt die Commerzbank.

Nun stehen die Zeichen auf Zinserhöhung: Man werde keine negativen Auswirkungen der globalen Turbulenzen auf die Finanzstabilität der Türkei erlauben, teilte Gouverneur Başçi mit. Bereits für die nächste Sitzung stellte er Zinsschritte in Aussicht. Derzeit liegt der obere Rand des Zinskorridors bei 6,5 Prozent. Bislang hatten die Währungshüter ein Drehen an der Zinsschraube vermieden, um das Wirtschaftswachstum nicht zu bremsen.

Doch nun will die Türkei mit höheren Zinsen ausländisches Kapital anziehen. Zudem würden sie auch die Währung stützen. Die schwache Lira verteuert Importe und beflügelt damit die Inflation, und die ist ohnehin hoch: Im Juni stiegen die Preise um 8,3 Prozent. Vor allem Energie und Industrieprodukte muss die Türkei einführen.

Rund 6,3 Milliarden Dollar ließ es sich die Zentralbank in den letzten Wochen kosten, über Dollarverkäufe die Talfahrt der Währung aufzuhalten. Doch auf Dauer kann sie sich das nicht leisten. Ihre Währungsreserven sind nach Schätzung der Bank HSBC Trinkaus auf 39,8 Milliarden Dollar zusammengeschmolzen.

Gute Voraussetzungen für Erholung
Trotz aller Herausforderungen steht das Land fundamental gut da. Im ersten Quartal 2013 legte die Wirtschaft drei Prozent zu, für das Gesamtjahr erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Plus von 3,1 Prozent. Für die erfolgsverwöhnte Türkei ist das zwar wenig, doch andere europäische Volkswirtschaften können von solchen Zuwächsen nur träumen. Eine Staatsverschuldung von extrem niedrigen 36 Prozent der Wirtschaftsleistung lässt die meisten Industriestaaten vor Neid erblassen, von Wachstumsraten von 8,8 Prozent im Jahr 2011 und immerhin noch 2,2 Prozent 2012 ganz zu schweigen. Das Land profitiert von einer überwiegend jungen, konsumfreudigen Bevölkerung und unterhält gute Handelsbeziehungen sowohl zu arabischen wie europäischen Ländern. Die Kreditwürdigkeit bewerten die Ratingagenturen Fitch und Moody’s als solide.

Nach dem jüngsten Kursrutsch sind türkische Aktien günstig. Im Schnitt liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei 10. Beruhigt sich die innenpolitische Lage, dürfte sich die Aufmerksamkeit wieder auf Faktoren wie robustes Wachstum und geringe Staatsverschuldung richten. „Mittelfristig dürfte das Wachstum vom starken inländischen Konsum und von der Erholung in Europa profitieren“, erwartet Analyst Mauro Toldo von der DekaBank.

Mit einem Zertifikat der Commerzbank auf den MSCI Turkey Index (ISIN: DE 000 CZ2 3ZZ 4) erhalten Anleger Zugang zum türkischen Aktienmarkt. Enthalten sind 24 große und mittlere Unternehmen. Allerdings sind Banken mit rund 53 Prozent sehr stark gewichtet.

Im Dow Jones Turkey Titans 20 Index fällt das Gewicht der Geldhäuser mit 42 Prozent etwas geringer aus. Die Entwicklung des Barometers der 20 größten türkischen Unternehmen lässt sich mit einem Commerzbank-Papier (ISIN: DE 000 DR2 UN9 1) abbilden. Der Vorteil: Die Konzentration auf Börsenschwergewichte sorgt für etwas mehr Stabilität. Die breiteste Streuung ermöglicht der Leitindex ISE 30, auf den die Royal Bank of Scotland ein Produkt anbietet (ISIN: NL 000 046 000 4). Zu den 30 Werten gehören neben Banken auch Supermärkte und Baukonzerne. Anleger sollten aber beachten, dass die Produkte nicht währungsgesichert sind. Wegen der großen Unsicherheiten sollten ohnehin nur spekulativ orientierte Anleger einen antizyklischen Einstieg wagen.

Bildquellen: SVLuma / Shutterstock.com, Luciano Mortula / Shutterstock.com

Heute im Fokus

DAX stabil erwartet -- Asiens Börsen mehrheitlich fester -- Verschwundene Beweismittel? US-Behörde fordert Aufklärung von VW -- Chinesische Regierung kritisiert US-Blockade von AIXTRON-Übernahme

Trump-Anhänger spenden auch nach der Wahl noch 3,5 Millionen Dollar. Bundesbank hebt Wachstumsprognosen für 2016 und 2017 an. Carl Zeiss Meditec legt dank Steigerungen in der Augenchirurgie zu. Deutsche Post verlängert angebilch Vertrag von Frank Appel. Ölpreise steigen. Regierungskrise in Italien: Staatspräsident lotet weiter aus.
Anzeige
Börse Stuttgart Anlegerclub
Zalando - Wie der Online-Händler seine Gewinn­margen kräftig steigern will!
Der Einkauf von Waren im Internet gehört zu den Megatrends des 21. Jahrhunderts. Laut einer Erhebung des Digitalverbands Bitkom shoppen 98% aller Internet-Nutzer inzwischen online, wobei mehr als drei Viertel mehrmals im Monat Produkte über das Internet ordern. Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Anlegermagazins, warum Zalando zu den Profiteuren dieses Megatrends gehört und wie es seine Gewinnmargen weiter steigern will.
Anlegermagazin kostenlos erhalten

Umfrage

Glauben Sie, dass es in den kommenden sechs Monaten schwieriger wird, die eigenen Renditeerwartungen zu erzielen?