07.01.2013 19:47
Bewerten
 (0)

AUSBLICK/Ein Negativer EZB-Leitzins?

   Von Hans Bentzien

   Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte bei seiner Sitzung am Donnerstag genau wie Anfang Dezember über den Nutzen einer weiteren Leitzinssenkung diskutieren. Dass es tatsächlich zu einer Zinssenkung kommt, ist aber eher unwahrscheinlich. Zum einen ist die Übertragung der geldpolitischen Signale nach Ansicht der EZB weiterhin gestört, zum anderen würde ein solcher Schritt entweder zu negativen Einlagenzinsen oder zu einer weiteren Einengung des EZB-Zinskorridors führen. Vor allem negative Einlagenzinsen hätten Nebenwirkungen, die die EZB wohl gerne vermeiden würde.

   Prinzipiell hat sich EZB-Präsident Mario Draghi bei der Dezember-Sitzung alle Optionen offen gehalten, als er auf die Frage nach möglichen Leitzinssenkungen sagte, es habe eine "breite Diskussion" gegeben. Und einige Beobachter rechnen wegen der nach unten korrigierten Wachstumsprognose für 2013 - die eine "Rezessionsprognose" ist - für das erste Quartal tatsächlich mit einer Leitzinssenkung.

   Aber gegen niedrigere Leitzinsen spricht vor allem ein Argument, dass die EZB selbst zur Rechtfertigung ihres neuen Staatsanleihekaufprogramms verwendet: Die Übertragung zinspolitischer Signale funktioniert nicht mehr richtig. Wenn die EZB die Zinsen senkt, führt das nicht überall zu niedrigeren Kreditzinsen. Warum sollte der EZB-Rat unter diesen Umständen die Zinsen also senken?

   Dafür gibt es bei oberflächlicher Betrachtung durchaus Argumente. Die Zentralbank könnte wegen der entscheidenden Bedeutung der Banken für die Realwirtschaft beschließen, den Hauptrefinanzierungssatz von derzeit 0,75 Prozent zu senken. Positiv würde sich das für jene Banken bemerkbar machen, die sich bei der EZB langfristig Geld geliehen haben. Denn diese Geschäfte werden nachträglich zu dem während ihrer Laufzeit durchschnittlich herrschenden Refinanzierungssatz abgerechnet.

   Geld würde also zunächst für die Banken noch billiger. Aber auch für die Unternehmen? Dazu müssten diese Banken Kredite vergeben, und das tun sie sehr zum Leidwesen vieler kleiner Unternehmen gerade in Südeuropa nicht. Senkt die EZB trotzdem den Hauptrefinanzierungssatz, dann tut sie es entweder in der Hoffnung, die Banken auf diese Weise zur Kreditvergabe zwingen zu können. Oder aber sie tut es mit Blick auf die Banken selbst, die vielfach noch mit Bilanzreparaturen und der Erfüllung höherer Eigenkapitalanforderungen beschäftigt sind.

   Aus eben diesem Grund könnte die EZB auch erwägen, nur die Ausleihzinsen - Hauptrefinanzierungs- und Spitzenrefinanzierungssatz - zu reduzieren, den Einlagenzins aber unverändert zu lassen. Die Refinanzierung der Banken würde damit billiger, ohne die Geldanlage unattraktiver zu machen. Der Leitzinskanal, errechnet aus der Differenz von Spitzenrefinanzierungssatz und Einlagensatz, würde damit von 1,50 Prozentpunkten auf 1,25 sinken. Bis Mai 2009 hatte er noch volle 2 Prozentpunkte betragen.

   Es spricht einiges dafür, dass sich die EZB für diese Variante entscheiden würde, wenn sie denn tatsächlich noch einmal die Leitzinsen senken sollte. Positive Kommentare zu einem negativen Einlagenzins haben EZB-Offizielle bisher nur in einem rein technischen Sinn abgegeben. Das bedeutet: Die Computertechnik von EZB und Banken sind in der Lage, negative Zinsen zu berechnen. Draghi sagt im Dezember, der EZB-Rat habe über die "Komplexität" einer weiteren Senkung des Einlagenzinses gesprochen. Und EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen riet in dieser Hinsicht zur Vorsicht.

   Gleichwohl sehen wohl einige Banken das Risiko, für Anlagen bei der EZB künftig Geld zahlen zu müssen. Die Geldhäuser befürchten, dass die EZB den Versuch wagen könnte, sie über Negativzinsen zur Kreditvergabe an Unternehmen quasi zu zwingen. Aus diesem Grund dürften die Institute Ende Januar recht lebhaft von der Möglichkeit Gebrauch machen, ihr für drei Jahre bei der EZB geborgtes Geld vorfristig zurückzuzahlen. Geldmarktexperten, mit denen sich die EZB regelmäßig konsultiert, rechnen für das erste Quartal mit Rückzahlungen zwischen 60 und 200 Milliarden Euro.

   Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

   DJG/hab/chg

   (END) Dow Jones Newswires

   January 07, 2013 13:17 ET (18:17 GMT)

   Copyright (c) 2013 Dow Jones & Company, Inc.- - 01 17 PM EST 01-07-13

InstitutZinssatz
Banka Kovanica1,80%
Banco BNI Europa1,75%
Atlantico Europa1,50%
Novo Banco1,45%
Haitong Bank1,45%
weitere Sparbriefe Zinssätze

Heute im Fokus

DAX über 11.000-Punkte-Marke -- Dow stabil -- EZB verlängert milliardenschwere Anleihenkäufe -- Chinesische Investoren an Einstieg bei Deutscher Bank interessiert -- AIXTRON im Fokus

Harsche Kritik von Ökonomen zum verlängerten EZB-Anleihenkaufprogramm. Darum will Snapchat doch schneller an die Börse als gedacht. Franken legt zu. Draghi: EZB kauft künftig Wertpapiere mit Restlaufzeit von einem Jahr. thyssenkrupp wurde Ziel von massivem Hacker-Angriff. KKR will bei Konsumforscher GfK einsteigen.
Anzeige
Börse Stuttgart Anlegerclub
Zalando - Wie der Online-Händler seine Gewinn­margen kräftig steigern will!
Der Einkauf von Waren im Internet gehört zu den Megatrends des 21. Jahrhunderts. Laut einer Erhebung des Digitalverbands Bitkom shoppen 98% aller Internet-Nutzer inzwischen online, wobei mehr als drei Viertel mehrmals im Monat Produkte über das Internet ordern. Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Anlegermagazins, warum Zalando zu den Profiteuren dieses Megatrends gehört und wie es seine Gewinnmargen weiter steigern will.
Anlegermagazin kostenlos erhalten

Umfrage

Glauben Sie, dass es in den kommenden sechs Monaten schwieriger wird, die eigenen Renditeerwartungen zu erzielen?