10.01.2013 07:25
Bewerten
 (0)

AUSBLICK/Ein Negativer EZB-Leitzins?

   Von Hans Bentzien

   Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte bei seiner Sitzung am Donnerstag genau wie Anfang Dezember über den Nutzen einer weiteren Leitzinssenkung diskutieren. Dass es tatsächlich zu einer Zinssenkung kommt, ist aber eher unwahrscheinlich. Zum einen ist die Übertragung der geldpolitischen Signale nach Ansicht der EZB weiterhin gestört, zum anderen würde ein solcher Schritt entweder zu negativen Einlagenzinsen oder zu einer weiteren Einengung des EZB-Zinskorridors führen. Vor allem negative Einlagenzinsen hätten Nebenwirkungen, die die EZB wohl gerne vermeiden würde.

   Prinzipiell hat sich EZB-Präsident Mario Draghi bei der Dezember-Sitzung alle Optionen offen gehalten, als er auf die Frage nach möglichen Leitzinssenkungen sagte, es habe eine "breite Diskussion" gegeben. Und einige Beobachter rechnen wegen der nach unten korrigierten Wachstumsprognose für 2013 - die eine "Rezessionsprognose" ist - für das erste Quartal tatsächlich mit einer Leitzinssenkung.

   Aber gegen niedrigere Leitzinsen spricht vor allem ein Argument, dass die EZB selbst zur Rechtfertigung ihres neuen Staatsanleihekaufprogramms verwendet: Die Übertragung zinspolitischer Signale funktioniert nicht mehr richtig. Wenn die EZB die Zinsen senkt, führt das nicht überall zu niedrigeren Kreditzinsen. Warum sollte der EZB-Rat unter diesen Umständen die Zinsen also senken?

   Dafür gibt es bei oberflächlicher Betrachtung durchaus Argumente. Die Zentralbank könnte wegen der entscheidenden Bedeutung der Banken für die Realwirtschaft beschließen, den Hauptrefinanzierungssatz von derzeit 0,75 Prozent zu senken. Positiv würde sich das für jene Banken bemerkbar machen, die sich bei der EZB langfristig Geld geliehen haben. Denn diese Geschäfte werden nachträglich zu dem während ihrer Laufzeit durchschnittlich herrschenden Refinanzierungssatz abgerechnet.

   Geld würde also zunächst für die Banken noch billiger. Aber auch für die Unternehmen? Dazu müssten diese Banken Kredite vergeben, und das tun sie sehr zum Leidwesen vieler kleiner Unternehmen gerade in Südeuropa nicht. Senkt die EZB trotzdem den Hauptrefinanzierungssatz, dann tut sie es entweder in der Hoffnung, die Banken auf diese Weise zur Kreditvergabe zwingen zu können. Oder aber sie tut es mit Blick auf die Banken selbst, die vielfach noch mit Bilanzreparaturen und der Erfüllung höherer Eigenkapitalanforderungen beschäftigt sind.

   Aus eben diesem Grund könnte die EZB auch erwägen, nur die Ausleihzinsen - Hauptrefinanzierungs- und Spitzenrefinanzierungssatz - zu reduzieren, den Einlagenzins aber unverändert zu lassen. Die Refinanzierung der Banken würde damit billiger, ohne die Geldanlage unattraktiver zu machen. Der Leitzinskanal, errechnet aus der Differenz von Spitzenrefinanzierungssatz und Einlagensatz, würde damit von 1,50 Prozentpunkten auf 1,25 sinken. Bis Mai 2009 hatte er noch volle 2 Prozentpunkte betragen.

   Es spricht einiges dafür, dass sich die EZB für diese Variante entscheiden würde, wenn sie denn tatsächlich noch einmal die Leitzinsen senken sollte. Positive Kommentare zu einem negativen Einlagenzins haben EZB-Offizielle bisher nur in einem rein technischen Sinn abgegeben. Das bedeutet: Die Computertechnik von EZB und Banken sind in der Lage, negative Zinsen zu berechnen. Draghi sagt im Dezember, der EZB-Rat habe über die "Komplexität" einer weiteren Senkung des Einlagenzinses gesprochen. Und EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen riet in dieser Hinsicht zur Vorsicht.

   Gleichwohl sehen wohl einige Banken das Risiko, für Anlagen bei der EZB künftig Geld zahlen zu müssen. Die Geldhäuser befürchten, dass die EZB den Versuch wagen könnte, sie über Negativzinsen zur Kreditvergabe an Unternehmen quasi zu zwingen. Aus diesem Grund dürften die Institute Ende Januar recht lebhaft von der Möglichkeit Gebrauch machen, ihr für drei Jahre bei der EZB geborgtes Geld vorfristig zurückzuzahlen. Geldmarktexperten, mit denen sich die EZB regelmäßig konsultiert, rechnen für das erste Quartal mit Rückzahlungen zwischen 60 und 200 Milliarden Euro.

   Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

   DJG/hab/chg

   (END) Dow Jones Newswires

   January 10, 2013 00:55 ET (05:55 GMT)

   Copyright (c) 2013 Dow Jones & Company, Inc.- - 12 55 AM EST 01-10-13

InstitutZinssatz
Banka Kovanica1,80%
Banco BNI Europa1,75%
BOS Bank1,60%
Atlantico Europa1,50%
Novo Banco1,45%
weitere Sparbriefe Zinssätze

Heute im Fokus

Asiens Börsen uneinheitlich -- Commerzbank will im Firmenkundengeschäft angreifen -- EU-Kommission will Monsanto-Übernahme durch Bayer genau unter die Lupe nehmen -- Apple im Fokus

Samsung führt Brände des Note 7 auf Batterie-Probleme zurück. Merck & Co gegen Bristol-Myers Squibb: Erst Zulassungsglück, dann Patentpech.
Anzeige
Börse Stuttgart Anlegerclub
Technologieaktien: Drei Möglichkeiten, um vom Trend "Digitale Fabrik" zu profitieren!
Die vierte industrielle Revolution ist im vollen Gange und verändert, vom Großteil der Gesellschaft völlig unbemerkt, bereits die Produktionsabläufe in den großen, industriellen Hallen. Wir zeigen Ihnen in der aktuellen Ausgabe des Anlegermagazins drei Möglichkeiten, wie Sie in den kommenden Monaten und Jahren von dem Zukunftstrend "Digitale Fabrik" profitieren können.
Anlegermagazin kostenlos erhalten
Diese Aktien stehen auf den Kauflisten der Experten
Jetzt durchklicken
Diese 10 Automobil Neuheiten gibt es bei der Detroit Auto Show 2017
Jetzt durchklicken
Diese Aktien stehen auf den Verkauflisten der Experten
Jetzt durchklicken

Umfrage

Der künftige US-Präsident Donald Trump hat die Nato als obsolet bezeichnet. Halten Sie das Militärbündnis ebenfalls für überflüssig?
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Goldpreis
Meistgesucht
Deutsche Bank AG 514000
Daimler AG 710000
Scout24 AG A12DM8
BASF BASF11
E.ON SE ENAG99
AMD Inc. (Advanced Micro Devices) 863186
Allianz 840400
Apple Inc. 865985
Volkswagen AG Vz. (VW AG) 766403
Nestle SA A0Q4DC
BMW AG 519000
Deutsche Telekom AG 555750
Commerzbank CBK100
Airbus SE 938914
Facebook Inc. A1JWVX