01.12.2012 09:45
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Niedrige Rechnungszinsen am Bilanzstichtag

Auswirkungen auf die internationale Bewertung von Pensionsverpflichtungen
Vor dem Hintergrund des aktuellen Niedrigzinsumfeldes sind auch für die Bewertung von Pensionsverpflichtungen in der bevorstehenden Berichtssaison für das Geschäftsjahr 2012 niedrigere Rechnungszinsen im Vergleich zum Vorjahr zu erwarten. Welche Auswirkungen können sich daraus für international bilanzierende Unternehmen ergeben?

Die internationale Rechnungslegung gemäß IFRS („International Financial Reporting Standards“) hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Immer wieder eine Herausforderung für europäische Anwender: diese angelsächsisch geprägten Rechnungslegungsvorschriften unter länderspezifischen Verhältnissen und Besonderheiten möglichst sachgerecht und gleichzeitig praktikabel anzuwenden.

Im Rahmen der betrieblichen Altersversorgung unterscheidet IFRS zwischen einem beitragsdefinierten Pensionsplan (englisch: „Defined Contribution Plan“) und einem leistungsdefinierten Pensionsplan (englisch: „Defined Benefit Plan“). Ist das Unternehmen bei einem beitragsdefinierten Pensionsplan seiner Beitragsverpflichtung je Abrechnungsperiode kongruent und fristgerecht nachgekommen, kann es auf den Ansatz einer Rückstellung verzichten. Die Bilanzierung eines leistungsdefinierten Pensionsplans gestaltet sich komplexer: Mittels versicherungsmathematischer Annahmen und Methoden sind Pensionsverpflichtung und -aufwand zu ermitteln und dem zur Erfüllung der Verpflichtung separierten Vermögen bzw. den daraus resultierenden Erträgen gegenüberzustellen. Bei der Bewertung solch eines leistungsdefinierten Pensionsplans ist der Rechnungszins eine der Prämissen, die den größten Einfluss auf die Höhe der Pensionsverpflichtung haben. Aufgrund des Stichtagsprinzips kann diese Bewertung zum Teil erheblichen Schwankungen im Zeitverlauf unterliegen.

Im Rahmen der bevorstehenden Berichtssaison für das Geschäftsjahr 2012 richten viele Unternehmen den Blick vermehrt auf den Einfluss ihrer Pensionsverpflichtungen auf das voraussichtliche Geschäftsergebnis und darauf, wie die Pensionskosten im Budget für das folgende Jahr zu berücksichtigen sind. Nicht zuletzt aufgrund des aktuellen Niedrigzinsumfeldes sind auch für die Bewertung von Pensionsverpflichtungen niedrigere Rechnungszinsen im Vergleich zum Vorjahr zu erwarten. Welche Auswirkungen können sich daraus für international bilanzierende Unternehmen ergeben?

1. Allgemeine Rechnungsgrundlagen

In die Bewertung von leistungsdefinierten Pensionsverpflichtungen, d. h. in denjenigen Wert der Versorgungsleistungen, die ein Unternehmen an seine aktuellen und zukünftigen Betriebsrentner zu zahlen hat, fließen grundsätzlich die nachfolgenden Bewertungsparameter ein:

Wahrscheinlichkeiten für das Eintreten der biometrischen Risiken Tod, Invalidität etc.
Diskontierung der in der Zukunft liegenden Leistungen mit einem laufzeitadäquaten Rechnungszins.
Annahmen zur Entwicklung der Pensionsleistungen (z. B. zur Anpassung laufender Rentenzahlungen).

Als wichtigste ökonomische Annahme gilt der Rechnungszins, mit dem die zukünf tigen Versorgungsleistungen auf den jeweiligen Bewertungsstichtag diskontiert werden.

2. Fokus Rechnungszins

Nach den internationalen Rechnungslegungsvorschriften gemäß IFRS ist der Rechnungszins zur Ermittlung der Pensionsverpflichtung eng an die Kapitalmarktentwicklung gekoppelt. Der Rechnungszins soll grundsätzlich den Zeitwert des Geldes widerspiegeln und sich an der Umlaufrendite festverzinslicher Unternehmensanleihen mit guter Bonität am Bewertungsstichtag orientieren. Unter derartigen „High Quality Corporate Bonds“ sind in der Praxis zumeist Unternehmensanleihen mit mindestens einem AA-Rating zu verstehen (in der Terminologie von Standard&Poor’s). Die Fristigkeit und die Währung von Anleihe und Pensionsverpflichtung sollen ebenfalls übereinstimmen.

Der Ermittlung des Rechnungszinses liegt in der Regel eine Auswahl von mehreren hundert Unternehmensanleihen zugrunde. Aus den Renditen dieser hochwertigen Anleihen wird eine Zinsstrukturkurve abgeleitet, welche die Basis für die Ermittlung des Rechnungszinses darstellt. Falls kein ausreichend liquider Markt für derartige Unternehmensanleihen gegeben ist, kann ersatzweise auf Staatsanleihen zurückgegriffen werden (unter Berücksichtigung eines Risikoaufschlags zum Ausgleich des Bonitätsunterschieds). Sofern kein ausreichend aktiver Markt für sehr langfristige Anleihen existiert, ist der Rechnungszins durch mathematische Methoden der Extrapolation zu bestimmen.

Ändert sich die Umlaufrendite der relevanten Unternehmensanleihen, ändert sich aufgrund des Stichtagsprinzips auch der für die Berechnung der Pensionsverpflichtung zugrundezulegende Rechnungszins. Wenngleich der nominale Betrag des Zahlungsversprechens unverändert bleibt, ergeben sich die oben dargestellten Implikationen für die aktuarielle Bewertung der Pensionsverpflichtung: Die bilanzielle Höhe der Pensionsverpflichtung steigt an, wenn der Rechnungszins sinkt und sie reduziert sich, wenn der Rechnungszins steigt.

Aktuelle Entwicklungen

Nicht zuletzt aufgrund der hohen Nachfrage insbesondere von institutionellen Anlegern nach möglichst sicheren Kapitalanlagen sind die Kurse von Unternehmensanleihen guter Bonität im ersten Halbjahr 2012 stark gestiegen. Damit einhergehend sinken die Renditen dieser Anleihen, welche die Grundlage für die Ermittlung des Rechnungszinses gemäß IFRS bilden. Der in der internationalen Bewertung von Pensionsverpflichtungen anzusetzende Rechnungszins ist in der Konsequenz für ausgewogene Personenbestände bis Ende Oktober auf circa 3,6 % gesunken.

Wie bereits ausgeführt bilden Unternehmensanleihen mit guter Bonität die Datenbasis zur Ableitung des Rechnungszinses für die Bilanzierung von Pensionsverpflichtungen gemäß IFRS. Aufgrund zahlreicher Herabstufungen durch die Ratingagenturen hat sich die Anzahl solcher hochwertigen Unternehmensanleihen im Jahresverlauf 2012 weiter stark reduziert – insbesondere bei Restlaufzeiten von mehr als 10 Jahren. Im derartigen Szenario eines nicht ausreichend „tiefen“ Marktes stellt das Zurückgreifen auf Staatsanleihen eine Alternative dar. Daneben werden aktuell auch Lösungsansätze diskutiert, die sich mit der Auslegung des Begriffes „Hochwertigkeit“ von Unternehmensanleihen befassen. Angestrebtes Ziel ist es, die Datenbasis geeigneter Unternehmensanleihen zu stabilisieren und eine zu den Vorjahren vergleichbare Zinsstrukturkurve herzuleiten.

3. Case Study

Das nachfolgend analysierte Musterunternehmen hat seinen 1.000 Versorgungsberechtigten eine feste Altersrente in Höhe von 1.000 Euro pro Jahr bei Erreichen der Altersgrenze von 65Jahren zugesagt. Das Versorgungssystem sieht eine Invaliditätsrente in Höhe von 100 % sowie eine Hinterbliebenen rente in Höhe von 60 % der Altersrente vor. Als biometrische Annahmen werden die Sterbetafeln Heubeck 2005G herangezogen. Die jährliche Rentendynamik beträgt 2,0 % pro Jahr.

In der Case Study werden drei unterschied liche Personen-Musterbestände analysiert:

Anwärterlastiger Personenbestand: 80 % Anwärter (aktive und unverfallbar ausgeschiedene Mitarbeiter), 20 % Leistungsempfänger (Alters-, Hinterbliebenen- und Invalidenrentner).
Ausgewogener Personenbestand: 50 % Anwärter, 50 % Leistungsempfänger.
Rentnerlastiger Personenbestand: 20 % Anwärter, 80 % Leistungsempfänger.

In Schaubild 2 werden für die drei Personen- Musterbestände unter sonst gleichen Rahmenbedingungen die prozentualen Veränderungen der Höhe der Pensionsverpflichtung für Rechnungszinsen von 3,0 % bis 5,5 % dargestellt.

Die Case Study zeigt, dass sich bei gegebener Reduzierung des Rechnungszinses die Pensionsverpflichtung umso stärker erhöht, je mehr Anwärter im analysierten Personen bestand enthalten sind. Ursache hierfür ist insbesondere der stärkere Diskontierungs effekt bei Anwärtern im Vergleich zu Leistungsempfängern.

Für eine Reduzierung des Rechnungszinses um 1-Prozent-Punkt lassen sich für die drei Personen- Musterbestände unter sonst gleichen Rahmenbedingungen folgende Faustformeln (Schaubild 3) im Sinne einer durchschnittlichen Erhöhung der Pensionsverpflichtung ableiten.

4. Bedeutung für die Ausfinanzierung von Pensionsverpflichtungen

Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren ihre Pensionsverpflichtungen sukzessive und nachhaltig ausfinanziert. Daran hielten sie auch in wirtschaftlich turbulenten Phasen fest. Diese Unternehmen erkennen in einer werthaltigen betrieblichen Altersversorgung nicht nur die Notwendigkeit, um vom Mitarbeiter als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. Sie sehen gleichzeitig die Notwendigkeit, die Pensionsverpflichtung mit einer Finanzierungsstrategie zu hinterlegen und das Management der Kapitalan lagen darauf abzustellen. Beispielsweise ist in Deutschland der Ausfinanzierungsgrad der Pensionspläne – d. h. das Verhältnis von Pensionsvermögen und Pensionsverpflichtung – bei DAX-Unternehmen in den letzten Jahren von circa 54 % (im Jahr 2000) auf rund 66 % (im Jahr 2011) deutlich angestiegen. International beträgt der Ausfinanzierungsgrad der Pensionspläne aktuell circa 78 %.

Vor dem Hintergrund des stark gefallenen Rechnungszinses gemäß IFRS und der damit einhergehenden starken Erhöhung der Pensionsverpflichtung ist in der bevorstehenden Berichtssaison ein sinkender Ausfinanzierungsgrad von Pensionsplänen zu erwarten. Der Verpflichtungsanstieg wird voraussichtlich auch nicht durch positive Anlageerträge des Pensionsvermögens kompensiert werden können.

5. Zusammenfassung und Ausblick

Die bilanzielle Bewertung von Pensionsverpflichtungen gemäß IFRS ist stark abhängig von der Höhe des Rechnungszinses und kann nur bedingt aktiv gesteuert werden. Die betriebliche Altersversorgung hat aber grundsätzlich einen sehr langfristigen Anlagehorizont. Von der Erteilung eines Pensionsversprechens bis zur Auszahlung der Versorgungsleistung können Jahrzehnte vergehen. Für Unternehmen besteht somit die Chance, Schwankungen im Ausfinanzierungsgrad und im Pensionsvermögen auch langfristig auszugleichen sowie das Pensionsvermögen entsprechend der aktuellen Kapitalmarktsituation anzupassen und aktiv zu steuern. Durch ein detailliertes und umf assendes Pensions-Risikomanagement können im Rahmen eines „Asset- Liability-Matchings“ aktuelle Veränderungen frühzeitig erkannt und notwendige Anpassungen rechtzeitig implementiert werden.

Lösungsansätze für aktuelle Kapitalanlage-Konzepte von Pensionsvermögen werden wir Ihnen in einer weiteren Studie vorstellen.

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