08.01.2013 10:09
Bewerten
 (5)

Ein negativer EZB-Leitzins?

Konjunktur im Blick
Der Rat der Europäischen Zentralbank dürfte bei seiner Sitzung am Donnerstag diese Woche wieder über den Nutzen einer weiteren Leitzinssenkung diskutieren.
Dass es tatsächlich zu einer Zinssenkung kommt, ist aber eher unwahrscheinlich. Zum einen ist die Übertragung geldpolitischer Signale nach Darstellung der EZB weiterhin gestört, zum anderen würde ein solcher Schritt entweder zu negativen Einlagenzinsen oder zu einer weiteren Einengung des EZB-Zinskorridors führen. Vor allem negative Einlagenzinsen hätten Nebenwirkungen, die die EZB wohl gerne vermeiden würde.

   Prinzipiell hat sich EZB-Präsident Mario Draghi bei der Dezember-Sitzung alle Optionen offen gehalten, als er auf die Frage nach möglichen Leitzinssenkungen sagte, es habe eine "breite Diskussion" gegeben. Und einige Beobachter rechnen wegen der nach unten korrigierten Wachstumsprognose für 2013 - die eine "Rezessionsprognose" ist - für das erste Quartal tatsächlich mit einer Leitzinssenkung.

   Aber gegen niedrigere Leitzinsen spricht vor allem ein Argument, dass die EZB selbst zur Rechtfertigung ihres neuen Staatsanleihekaufprogramms verwendet: Die Übertragung zinspolitischer Signale funktioniert nicht mehr richtig. Wenn die EZB die Zinsen senkt, führt das nicht überall zu niedrigeren Kreditzinsen. Warum sollte der EZB-Rat unter diesen Umständen die Zinsen also senken?

   Dafür gibt es bei oberflächlicher Betrachtung durchaus Argumente. Die Zentralbank könnte wegen der entscheidenden Bedeutung der Banken für die Realwirtschaft beschließen, den Hauptrefinanzierungssatz von derzeit 0,75 Prozent zu senken. Positiv würde sich das für jene Banken bemerkbar machen, die sich bei der EZB langfristig Geld geliehen haben. Denn diese Geschäfte werden nachträglich zu dem während ihrer Laufzeit durchschnittlich herrschenden Refinanzierungssatz abgerechnet.

   Geld würde also zunächst für die Banken noch billiger. Aber auch für die Unternehmen? Dazu müssten diese Banken Kredite vergeben, und das tun sie sehr zum Leidwesen vieler kleiner Unternehmen gerade in Südeuropa nicht. Senkt die EZB trotzdem den Hauptrefinanzierungssatz, dann tut sie es allein mit Blick auf die Banken, die vielfach noch mit Bilanzreparaturen und der Erfüllung höherer Eigenkapitalanforderungen beschäftigt sind.

   Aus eben diesem Grund könnte die EZB auch erwägen, nur die Ausleihzinsen - Hauptrefinanzierungs- und Spitzenrefinanzierungssatz - zu reduzieren, den Einlagenzins aber unverändert zu lassen. Die Refinanzierung der Banken würde damit billiger, ohne die Geldanlage unattraktiver zu machen. Der Leitzinskanal, errechnet aus der Differenz von Spitzenrefinanzierungssatz und Einlagensatz, würde damit von 1,50 Prozentpunkten auf 1,25 sinken. Bis Mai 2009 hatte er noch volle 2 Prozentpunkte betragen.

   Es spricht einiges dafür, dass sich die EZB für diese Variante entscheiden würde, wenn sie denn tatsächlich noch einmal die Leitzinsen senken sollte. Positive Kommentar zu einem negativen Einlagenzins haben EZB-Offizielle bisher nur in einem rein technischen Sinn abgegeben. Das bedeutet: Die Computertechnik von EZB und Banken ist in der Lage, negative Zinsen zu berechnen. Draghi sagte im Dezember, der EZB-Rat habe über die "Komplexität" einer weiteren Senkung des Einlagenzinses gesprochen. Und EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen riet in dieser Hinsicht zur Vorsicht.

   Gleichwohl sehen wohl einige Banken das Risiko, für Anlagen bei der EZB künftig Geld zahlen zu müssen. Sie befürchten, dass die EZB den Versuch wagen könnte, sie Banken über Negativzinsen zur Kreditvergabe an Unternehmen quasi zu zwingen. Aus diesem Grund dürften die Institute Ende Januar recht lebhaft von der Möglichkeit Gebrauch machen, ihr für drei Jahre bei der EZB geborgtes Geld vorfristig zurückzuzahlen. Geldmarktexperten, mit denen sich die EZB regelmäßig konsultiert, rechnen für das erste Quartal mit Rückzahlungen zwischen 60 und 200 Milliarden Euro.

   Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

   DJG/hab/nas

   Dow Jones Newswires January 04, 2013 08:08 ET (13:08 GMT)  Copyright (c) 2013 Dow Jones & Company, Inc.- - 08 08 AM EST 01-04-13 Von Hans Bentzien

Bildquellen: Petronilo G. Dangoy Jr. / Shutterstock.com, Jorg Hackemann / Shutterstock.com

Heute im Fokus

DAX geht mit Plus ins Wochenende -- Dow: Yellen-Effekt verpufft -- US-Wirtschaft wächst schwach -- VW will wohl Milliarden in Batteriefabrik für E-Autos investieren -- SGL, Google und Oracle im Fokus

Bank of America versucht erneut Kreditkartentochter MBNA zu verkaufen. Monsanto-Managern winkt Millionen-Regen bei Übernahme. Air France tankt nach Sprit-Protesten mehr im Ausland. EU verschärft erneut Sanktionen gegen Nordkorea. Aktionäre von DMG Mori sollen Abfindung von 37,35 Euro erhalten. Yellen: Leitzinserhöhung in den kommenden Monaten angemessen. BMW & Co.: Autobauer rufen in den USA Millionen Wagen zurück.
Anzeige
Börse Stuttgart Anlegerclub
Vier Aktien für den langfristigen Vermögensaufbau:
In der neuen Ausgabe des Anlegermagazins werden vier Aktien vorgestellt, die sich aus Sicht der Redaktion für den langfristigen Vermögensaufbau eignen. Sicherheit allein war nicht das entscheidende Kriterium. Es ging auch darum, Aktien von Unternehmen auszuwählen, die aufgrund ihrer Wettbewerbsstellung aussichtsreich erscheinen und die dennoch große Wachstumschancen bieten.
Welche Marke ist die teuerste?
Diese Aktien stehen auf den Kauflisten der Experten
In welcher Metropolregion leben am meisten Menschen?

Umfrage

Bundeskanzlerin Merkel hält trotz aller Kritik am umstrittenen Flüchtlingspakt mit der Türkei fest. Wie bewerten Sie dessen Chancen?