09.07.2012 07:50
Bewerten
 (0)

Das große Zins-Komplott

Offenbar haben Banken den Libor und den Euribor von 2005 bis 2009 manipuliert
Libor-Manipulation
Wie Banken die wichtigen Leitzinsen Libor und Euribor manipulierten, wer alles davon profitierte, was die Folgen sind.
€uro am Sonntag

von C. Batisweiler, W. Ehrensberger, M. Hinterberger, M. Hofmann und J. Spiering, Euro am Sonntag

Wir brauchen einen wirklich niedrigen Dreimonatssatz, es könnte sonst echt teuer werden. Würde mich über Unterstützung freuen“, schrieb 2007 ein Händler der britischen Barclays Bank einem Händler bei einer anderen Bank. Dessen Antwort: „Du belästigst schon wieder Kollegen *grins ... Schon für Dich erledigt, mein Junge.“ Antwort des Barclays-Händlers: „Kumpel, ich schulde Dir was. Komm nach der Arbeit vorbei und ich mach uns ’ne Flasche Schampus auf.“

Was nach einem Deal unter Freunden klingt, ist nur ein Mosaikstein in einem Skandal, der derzeit die Finanzwelt erschüttert. Offenbar haben Banken den Libor und den Euribor, zwei der wichtigsten Referenzzinsen der Welt, von 2005 bis 2009 manipuliert. Wie leicht das teilweise war, zeigen Auszüge aus insgesamt 177 E-Mails von Barclays-Mitarbeitern.

Die Ermittlungen zu den unerlaubten Absprachen laufen weltweit. Im Visier der Fahnder stehen vor allem Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank. Sie sollen den Libor und wohl auch den Euribor mit falschen Angaben nach unten manipuliert haben, um billiger an Geld zu kommen und Handelsgewinne zu erzielen. Die Barclays-Bank hat sich bereits mit britischen und amerikanischen Aufsichtsbehörden verglichen und umgerechnet 367 Millionen Euro Strafe gezahlt. Der Börsenwert schrumpfte zudem um fünf Milliarden Euro. Die Folgen, die jetzt schon absehbar sind, und die künftigen Konsequenzen sind vielschichtig. Da zahlreiche Geldströme und Millionen Finanzprodukte sich an diesen Zinssätzen orientieren, geht es um Summen, die mehr als ein Hundertfaches der deutschen Wirtschaftsleistung ausmachen. €uro am Sonntag erklärt die Auswirkun­gen, wer profitiert und wer wegen des Zinskomplotts draufgezahlt hat.

Was ist der Libor und der Euribor?
Der Libor (London Interbank Offered Rate) ist ein Referenzzinssatz im Interbankenmarkt. Er gibt an, zu welchen Konditionen sich die 16 größten Londoner Banken untereinander ungesicherte Kredite gewähren würden. Der Libor wird für zehn Währungen und 15 verschiedene Laufzeiten — von einem Tag bis zu einem Jahr — berechnet. Erhoben werden die Daten durch die Banken selbst. Je nach Währung wird der Libor von acht, zwölf oder 16 Banken gemeldet, wobei jedoch nur die mittleren 50 Prozent berücksichtigt werden. Die Angaben beruhen nicht auf tatsächlichen Geschäften. Sie sind daher nicht überprüfbar. Das Pendant zum Libor in der Eurozone heißt Euribor. Er basiert auf den Meldungen von 57 europäischen Banken. Der Euribor wird ebenfalls für 15 verschiedene Laufzeiten, aber nur in Euro berechnet. Hier werden die höchsten und die niedrigsten 15 Prozent der gemeldeten Werte nicht berücksichtigt.

Warum sind Libor und Euribor wichtig?
Libor und Euribor bilden die Grundlage für Zinsprodukte wie Geldmarkt-Futures, Anleihen, Zertifikate, Swaps oder Zins­termingeschäfte. Zudem dienen die Zinssätze häufig als Referenzwert für Hypothekenkredite oder Sparkonten. Im Fall der Schweiz richtet sogar die Nationalbank ihre Geldpolitik am Dreimonats-Libor aus. Das Volumen der schier unüberschaubaren Zahl an Wertpapieren auf den Libor wird auf 380 Billionen Euro geschätzt. Am Euribor hängen Produkte im geschätzten Wert von 280 Billionen Euro.

Welche wichtigen Referenzzinssätze gibt es in Europa außerdem?
Der wohl meistbeachtete Referenzzinssatz ist der Leitzins (auch Hauptrefinanzierungssatz) einer Zentralbank. Er legt fest, zu welchem Zinssatz sich Geschäftsbanken Geld von der Zentralbank leihen können. Der Leitzins ist ein Instrument zur Steuerung der Konjunktur und Währung. Der Eonia (Euro Overnight Index Average) ist der durchschnittliche Zinssatz, zu dem eine Auswahl europäischer Banken einander Kredite in Euro gewährt, deren Laufzeit einen Tag beträgt. Der Eonia bildet zum Beispiel die Basis für Swaps, Zertifikate oder ETFs.

Was bedeutet der Skandal für Banken?
Neben Geldbußen, die etwa Barclays schon gezahlt hat und die anderen Großbanken möglicherweise noch blühen, könnte der Skandal für beteiligte Institute ein juristisches Nachspiel haben. Die Fondsgesellschaft Union Investment und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) haben bereits die Prüfung von Schadenersatzforderungen angekündigt. „Die DSW untersucht, ob Privatanleger dadurch geschädigt wurden und ob rechtlich durchsetzbare Schadenersatzansprüche bestehen“, sagte ein DSW-Sprecher. Das Problem dabei ist: Man kann nicht zurückrechnen und feststellen, wie hoch der Zinssatz ohne die Eingriffe gewesen wäre. „Wenn es in den USA zu einem Gerichtsurteil im Sinne der Anklage kommen sollte, werden wir unsere Ansprüche geltend machen“, heißt es bei Union Investment.

Fondsgesellschaften in den USA haben bereits erste Sammelklagen angekündigt. Diese Klagen haben den Vorteil, dass sich weitere Kläger, die sich in den gleichen Punkten geschädigt fühlen, anschließen können. Das gilt auch für Privatanleger. Die US-Kanzlei Richards Layton & Finger hat bereits für ihren Mandanten, den Finanzdienstleister Charles Schwab eine 101-seitige Klageschrift wegen Marktmanipulation vorbereitet. Charles Schwab kaufte allein zwischen 2007 und 2009 Produkte für insgesamt 466 Millionen Dollar, die an den Libor gekoppelt waren.

„Ich erwarte, dass diese Vorgänge noch jede Menge Schadenersatzklagen institutioneller und privater Anleger nach sich ziehen werden. Für die Banken wird das eine teure Angelegenheit“, sagt Merck-Finck-Analyst Konrad Becker. Laut der Fonds­ratingagentur Morningstar haben rund 80 Prozent der in Deutschland zu­gelassenen Fonds den Libor als Referenzwert, etwa als Hürde, ab der der Fondsmanager eine Erfolgsprämie erhält.

Die Bankenaufsicht Bafin prüft die Vorgänge und steht in Kontakt mit den Ermittlungsbehörden im Ausland. Ein Sprecher des Bundesfinanzminsteriums sagte, man begrüße die Untersuchungen durch die EU-Wettbewerbsbehörden. „Wenn diese beendet sind, muss man sehen, welche Konsequenzen nötig sind.“

Sind Sparer betroffen?
Die meisten Tagesgeldkonten in Deutschland sind an den Leitzins gekoppelt. Bei Festgeld spielt der Euribor nur vereinzelt eine Rolle. Da die Zinssätze im Bereich von Nachkommastellen nach unten manipuliert wurden, sind auch die Einbußen für einzelne Sparer kaum spürbar. Nimmt man alle Sparer zusammen, stehen unterm Strich trotzdem Millionenbeträge.

Haben Kreditnehmer profitiert?
„Streng genommen haben deutsche Kreditnehmer sogar einen kleinen Vorteil von den Mauscheleien“, sagt Falko Fecht, Professor für Finanzwirtschaft an der Frankfurt School of Finance. Denn die Zinssätze seien von den Banken eher zu niedrig als zu hoch angesetzt worden, das dürfte in geringem Maß auch für niedrigere Schuldzinsen gesorgt haben. Je nach Art des Kredits sind Schuldner unterschiedlich stark von eventuellen Manipulationen betroffen. Variable Baudarlehen orientieren sich etwa am Dreimonats-­Euribor. Aber auch Dispozinsen sind betroffen. Laut der FMH–Finanzberatung hängen die Dispozinssätze von 70 Prozent aller deutschen Banken am Euribor.

Wie wirkt der Skandal auf Bauspar­verträge und Versicherungspolicen?
Im Lager der Versicherer und Bausparkassen, die jeweils rund 750 Milliarden Euro an Kundengeldern verwalten, sieht man keinen Grund zur Panik: „Aufgrund unserer Anlegestrategie für Versichertengelder gehen wir von gar keinem oder allenfalls sehr geringem Einfluss auf den Kapitalanlageerfolg aus“, sagt eine Sprecherin der Allianz Deutschland. Bei den Bausparkassen wie etwa Schwäbisch Hall sieht man keine Verbindung von Libor und der Verzinsung für die Sparer. Auch wenn sich bislang nur wenige Akteure der Finanzwelt zu Wort melden: Hinter den Kulissen wird nach Angaben von Insidern eifrig geprüft, ob und wie weit sich die Manipulationen auf die Portfolios ausgewirkt haben — und ob man sich eventuell an Klagen in den USA anhängt.

Sind auch Anleihen betroffen?
Es gibt Floater-Anleihen, deren Kupon sich aus einer fixen sowie einer variablen Komponente zusammensetzt. Als variab­le Komponente dient häufig der Libor- oder Euribor-Zinssatz. Mit 6,7 Milliarden Euro ist das Gesamtvolumen des Marktes allerdings überschaubar. 82,5 Prozent der Emittenten sind Banken, rund zehn Prozent Staaten. Da sich die Manipulation der Zinssätze (siehe Sparer) auf hintere Nachkommastellen beschränkt hat, dürfte Privatanlegern höchstens ein Verlust im Centbereich entstanden sein.


Wie haben sich die Tricksereien auf Zertifikate ausgewirkt?
Die Manipulationen betreffen auch die Zertifikatebranche — wenn auch nur in sehr begrenztem Maß. Produkte, deren Auszahlungsprofil direkt am Libor hängt, gibt es derzeit kaum. So hat die Deutsche Bank als Marktführer in Deutschland nur fünf solcher Zertifikate im Angebot. Da die aktuellen Produkte erst nach den Libor-Tricksereien emittiert wurden, sind sie davon nicht betroffen. Etwas anders sieht es bei Zertifikaten aus, die 2007 oder 2008 auf den Markt kamen. Damals boten vor allem angelsächsische Institute Produkte an, die als Zins beispielsweise den 1,8-fachen Libor-Satz versprachen.

Wichtig zu wissen: Die Banken hatten damals, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, vor allem die eigene Finanzierung und Kapitalausstattung zum Ziel. Für sie war es billiger, Anlegern derartige Produkte zu offerieren und dadurch Geld einzusammeln, als sich das Kapital woanders zu leihen. Wäre der tatsächliche (wahrscheinlich höhere) Libor die Basis der Zinsberechnungen gewesen, hätten die Banken wahrscheinlich einen geringeren Hebel für die Ausschüttung angesetzt (etwa 1,7), um am Ende auf den gleichen Zinssatz für die Anleger zu kommen. Unter dem Strich dürften Anleger also kaum oder gar nicht geschädigt worden sein.

Welche Konsequenzen ergeben sich?
Das Schwierige an den Manipulationen ist, dass niemand im Nachhinein einen ­realistischen Libor oder Euribor stellen kann. Zudem basieren die Angaben auf der Wahrnehmung der Banken. „Eine Möglichkeit wäre, die Basis für die Umfrage zu erweitern. Das würde Absprachen schwieriger machen“, so Finanzprofessor Fecht.

Die Vorgänge zeigten nach Einschätzung der DSW, wie dringend nötig eine funktionierende, einheitliche europäische Bankenaufsicht ist. „Wir gehen auch davon aus, dass die Ermittlung des Libor künftig von einer unabhängigen Stelle überwacht wird.“ Die Ermittlungen gehen indes weiter. Es ist eine Frage der Zeit, bis weitere Namen genannt werden.

Artikel empfehlen?
Für den Live-Chat können Sie sich mit Ihrem finanzen.net-, Facebook- oder Twitter Account anmelden. Um immer die neusten Beiträge zu sehen, stellen Sie bitte "Neuesten" ein.

Private Krankenversicherung Tarifvergleich

Heute im Fokus

DAX-Minus in Sicht -- Asiens Börsen geben nach -- Nokia mit Gewinn und deutlichem Umsatzplus -- Credit Suisse mit Gewinnsprung -- FMC kauft NCP -- Boeing im Fokus

EZB - Banken erhalten Prüfergebnisse ab Donnerstag. Presseverlage erteilen Google überraschend Recht zur Gratisnutzung. Aareal-Bank könnte Jahresprognose erneut anheben. In EU bahnt sich neuer Haushaltsstreit an. Continental-Konkurrent Michelin wegen Euro-Stärke mit Umsatzrückgang. Daimler sichert sich durch Tesla-Ausstieg finanziellen Spielraum. Hoffnung auf Aufschwung treibt Yahoo an.
Die zehn teuersten Aktien der Welt

Diese Aktien sind auf den Verkauflisten der Experten

Wo tankt man am teuersten?

Umfrage

Verkehrsminister Dobrindt erwägt scheinbar, die Pkw-Maut vorerst nur auf Autobahnen einzuführen. Was halten Sie von diesem Rückzieher?

Anzeige