20.08.2013 17:21
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Banken wollten EZB-Leitzinssenkung und bekamen Forward Guidance

Protokoll
Die Europäische Zentralbank hat mit ihrer Niedrigzinszusage im Juli auf Forderungen der Banken nach einer weiteren Leitzinssenkung reagiert.
Das ergibt sich aus dem jetzt veröffentlichten Protokoll einer Konsultation der EZB mit ihrer so genannten Geldmarktkontaktgruppe.

   EZB-Präsident Mario Draghi hat den Finanzmarktakteuren im Juli versichert, dass ihre Zinsen für einen "längeren Zeitraum" niedrig bleiben dürften oder sogar noch weiter sinken könnten. Mit dieser "Forward Guidance" wollte die EZB klar stellen, dass sie die an den Märkten eingepreisten Erwartungen höherer Zinsen für ungerechtfertigt hält.

   Aus dem jetzt veröffentlichten Protokoll der Geldmarktkontaktgruppe vom 17. Juni 2013 geht hervor, dass die Banken über eine "höhere Volatilität" beim Zinssatz für unbesicherte Ausleihungen klagten. Gemeint war damit ein Zinsanstieg bei längerfristigen Krediten, die sich Banken untereinander gewähren. Explizit bezogen sie sich dabei auf den so genannten "1y-1y EONIA". Dieser ist ein Maß für die Erwartung, wie viel mehr Zinsen die Banken in einem Jahr für ein Jahr werden zahlen müssen als das aktuell der Fall ist.

   "Der 1y-1y Eonia ist auf 57 Basispunkte gestiegen und liegt damit erstmals seit Juli 2011 höher als der Hauptrefinanzierungssatz", beschwerten sich die Banken. Sie führten den - aus Sicht der EZB auf falschen Annahmen beruhenden - Zinsanstieg auf die Diskussionen über ein Ende der Anleihekäufe der US-Notenbank und auf die fortlaufende Rückzahlung der Dreijahrestender zurück. Die Diskussion über den auch "Tapering" genannten langsamen Rückzug der Fed hat weltweit zu höheren Anleihezinsen geführt und bereitet vor allem Schwellenländern große Probleme.

   Eine besondere Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Ende 2011 und Anfang 2012 von der EZB begebenen Dreijahrestender, bei denen sich die Banken rund 500 Milliarden Euro zusätzliche Liquidität besorgt hatten. Die Institute haben davon inzwischen vorfristig 320 Milliarden zurückgezahlt - und zwar freiwillig. Auf dem Geldmarkt wirkte dies als "passiver Liquiditätsentzug", dem auf der anderen Seite ein erhöhter Liquiditätsbedarf gegenüber stand.

   Laut Protokoll schlugen die Banken der EZB vor, die ungewollte "Volatilität" und den passiven Liquiditätsentzug mit verschiedenen Maßnahmen zu bekämpfen. Dazu gehörte eine Einengung des Korridors, den die Ausleih- und Einlagenzinsen der EZB bilden. Kurz gesagt sollte die EZB ihren Hauptrefinanzierungssatz senken und zugleich den Einlagensatz unverändert lassen. Andere Bankenvertreter befürworteten dagegen eine Senkung aller Leitzinsen, was einen negativen Einlagensatz nach sich gezogen hätte.

   Eine Einengung des Zinskorridors, so das Kalkül der Banken, hätte die Anreize für eine weitere Rückzahlung der Dreijahrestender vermindert und damit den anhaltenden Liquiditätsabzug zumindest gebremst. So habe das auch schon bei der jüngsten Einengung am 2. Mai 2013 funktioniert. An diesem Tag hatte der EZB-Rat den Hauptrefinanzierungssatz von 0,75 auf 0,50 Prozent reduziert, den Einlagensatz aber unverändert bei Null gelassen.

   Inzwischen ist klar, dass die EZB den Vorschlägen der Banken nicht gefolgt ist. Nach der EZB-Ratssitzung Anfang Juli erklärte Präsident Draghi, dass die Leitzinsen für einen längeren Zeitraum so niedrig wie derzeit bleiben oder sogar noch weiter sinken dürften. Die "Forward Guidance" war da. Im Ergebnis sind die Einjahreszinsen - soweit man das angesichts der niedrigen Umsätze in diesem Marktsegment überhaupt sagen kann - etwas gesunken.

   Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com   DJG/hab/sha Dow Jones Newswires Von Hans Bentzien

Bildquellen: Petronilo G. Dangoy Jr. / Shutterstock.com
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