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| Interview
"Die Fantasie kennt dank 3D-Druck kaum Grenzen"
Die Technologie könnte eine ganze Herstellungs- und Logistikkette verändern. UniCredit-Aktienstratege Dr. Tammo Greetfeld erklärt im Interview, was den 3D-Druck so aussichtsreich macht.
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Zur Person Dr. Tammo Greetfeld

Aktuell ist 3D-Druck schwer angesagt, alle Medien berichten darüber. Was ist das überhaupt?

Dr. Tammo Greetfeld: Ganz knapp gesagt: Der 3D-Druck ermöglicht die Umwandlung digitaler Daten in ein physisches Produkt. Konkreter handelt es sich um Produktionsverfahren, bei denen aus digitalen Daten, die in der CAD-Software einen Gegenstand definieren, über einen speziellen Drucker ein physischer Gegenstand erzeugt wird. Der Fachbegriff für dieses Verfahren ist Additive Manufacturing - zu Deutsch: generative Fertigung. 3D-Druck hat sich aber als umgangssprachlicher Begriff durchgesetzt.

Wie funktioniert der 3D-Druck genau?

Dr. Tammo Greetfeld: Hinter dem Begriff stehen unterschiedliche technische Verfahren, die eine Gemeinsamkeit aufweisen: Der Gegenstand wird Schicht für Schicht vom Drucker aufgebaut. Die einzelnen Druckverfahren arbeiten mit unterschiedlichen Materialien und Methoden, wie die einzelnen Schichten miteinander verbunden werden. Als Materialien dienen unter anderem Kunststoffe - fest oder flüssig - sowie zahlreiche Metalle. Die Verbindung der einzelnen Materialschichten kann etwa durch den Einsatz von Lasern zur Aushärtung von flüssigem Kunststoff geschehen. Oder durch das Verschmelzen von Metallpulver mittels eines Lasers oder Elektronenstrahls, um nur einige Beispiele zu nennen.

Welche technischen Möglichkeiten ergeben sich daraus?

Dr. Tammo Greetfeld: Das Interessante an der Technologie ist, dass sie Möglichkeiten eröffnet, die es mit herkömmlichen Produktionsverfahren nicht gibt. Zum Beispiel bietet sie Freiheit bei der Wahl der Gestalt eines Produkts und somit neue Optionen für die Optimierung des Designs von Gegenständen im Hinblick auf Funktionalität und Aussehen. Es können etwa Gegenstände hergestellt werden, die im Innern eine Wabenstruktur aufweisen und damit eine hohe Belastbarkeit mit einem geringen Gewicht kombinieren. Zudem kann das Verfahren Teile mit mechanisch funktionsfähigen Komponenten in einem einzigen Fertigungsschritt quasi komplett montiert herstellen.

Welche ökonomischen Implikationen ergeben sich daraus?

Dr. Tammo Greetfeld: Die digitalen Daten, die ein Produkt definieren und die Ausgangspunkt der Produktion sind, können einfach, schnell und zu geringen oder gar keinen zusätzlichen Kosten verändert werden. So lässt sich die Entwicklungszeit neuer Produkte verkürzen. Dadurch wird auch eine kostengünstige massenhafte Personalisierung von Produkten möglich. Die Anfangskosten für die Produktion sinken, da keine komplette Fabrik mehr nötig ist, sondern nur ein 3D-Drucker. Die Kosten richten sich nach dem Verbrauch des Materials und nicht nach der Komplexität des hergestellten Objekts und der Arbeitsschritte. Und: Statt Produkte über große Distanzen zu transportieren, können die Daten für die Erstellung - also quasi der Bauplan des Produkts - über das Internet verschickt und der Gegenstand direkt vor Ort ausgedruckt werden.

In der Automobilindustrie kommen 3D-Drucker schon zum Einsatz. Wo sehen Sie noch Einsatzmöglichkeiten?

Dr. Tammo Greetfeld: Die Automobilindustrie ist sicherlich Vorreiter in diesem Bereich. Schließlich lassen sich mit vergleichsweise wenig Aufwand Prototypen für Teile oder für Fahrzeuge modifizieren. Inzwischen ist 3D-Druck auch in der Luft- und Raumfahrtindustrie sowie in der Dental- und Medizintechnik verbreitet. Auch in der Mode-, Schmuck- und Bauindustrie lässt sich die Technik einsetzen. Und selbst die Lebensmittelindustrie forscht an der Entwicklung von Druckern, die mit den Zutaten für Nahrungsmittel arbeiten. Diese Aufzählung ließe sich noch fortsetzen: Der Fantasie sind dank 3D-Druck kaum Grenzen gesetzt.

In welchem Entwicklungsstadium befinden wir uns denn gerade?

Dr. Tammo Greetfeld: Bei der Anzahl und den Eigenschaften der Materialien sowie der Qualität der Verfahren gibt es große Fortschritte. Während man anfangs mit der Technologie fast ausschließlich Prototypen kreiert hat, wird sie nun immer interessanter für die Herstellung von Endprodukten. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für eine größere allgemeine Bedeutung der Technologie in der Produktion. Die für den 3D-Druck benötigten Materialien sind derzeit noch sehr teuer, was vor allem bei komplexen Produkten wirtschaftliche Grenzen setzt. Mit sinkenden Preisen für die Materialien werden sich die Anwendungsmöglichkeiten daher noch erweitern. Gleichzeitig hat sich auch in den vergangenen Jahren ein Niedrigpreissegment bei einfacheren Druckern entwickelt, wodurch sie für Privatpersonen erschwinglich geworden sind.

Manche Experten sprechen sogar von der nächsten industriellen Revolution. Was ist Ihre Einschätzung dazu?

Dr. Tammo Greetfeld: Die Umsätze sind noch sehr gering. Wohlers Associates - eine US-Beratungsgesellschaft, die sich auf das Thema 3D-Druck spezialisiert hat - schätzt den Umsatz der Branche auf 2,2 Milliarden US-Dollar für das vergangene Jahr. Vor diesem Hintergrund klingt "industrielle Revolution" schon sehr ambitioniert. Für mich ist entscheidend, dass die Technologie in sehr vielen Bereichen eingesetzt werden kann und die Anwender Chancen auf Wettbewerbsvorteile haben. Dies kann eine überraschend positive Dynamik erzeugen. Diese Tatsache macht das Thema für Unternehmen, Investoren und Privatpersonen interessant und spricht dafür, die weitere Entwicklung auf diesem Gebiet genau zu verfolgen. Vergangene große technische Neuerungen belegen, dass zu Beginn kaum jemand die tatsächliche Dimension der Veränderungen antizipieren kann - so war es auch bei der zunehmenden Verbreitung des Internets ab Mitte der 1990er-Jahre.

Wie kann der Investor von dem sich eventuell anbahnenden Trend profitieren?

Dr. Tammo Greetfeld: Die naheliegende Möglichkeit sind natürlich Investments in die Druckerherstellerfirmen. Aber nur einige der darauf spezialisierten Unternehmen sind börsennotiert. Und wie es in der Regel bei neuen Technologien der Fall ist, bezahlt man die Wachstumsfantasie mit einer sehr hohen Bewertung. Es gibt erste auf das Thema spezialisierte Indizes, in denen solche Unternehmen enthalten sind, etwa den STOXX® Global 3D Printing Tradable Index.

Interessant sind außerdem Marktsegmente, die Chancen auf Umsatzzuwächse durch eine zunehmende Verbreitung der Technologie haben. So wird beispielsweise der Chemiesektor von der Herstellung der für den 3D-Druck benötigten Materialien profitieren. Für einen positiven Effekt ist dabei entscheidender, dass die Technologie große Verbreitung findet als die Frage, welche spezielle Version der Technologie sich durchsetzt. Die Umsätze mit Materialien für 3D-Druck sind allerdings bisher noch verschwindend gering. 3D-Druck ist somit eher als ein zusätzliches Argument für einen Sektor zu verstehen, der aufgrund seiner zentralen Stellung im Produktionsprozess bereits ein attraktives Investment ist. In der Medizintechnik wird 3D-Druck bereits in verschiedenen Bereichen verwendet - allen voran bei Implantaten. Dieser Sektor wird auch mittelfristig stark von der neuen Technologie profitieren.

Auch die Luft- und Raumfahrtindustrie wird von den neuen technischen Möglichkeiten profitieren. Dies reicht von Fortschritten bei Flugzeugen und Raumfahrzeugen bis hin zu Fantasien über eine mögliche wirtschaftliche Nutzung des Weltraums.




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