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22.09.2010 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 38/10

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Asiens beste Börsen

Die wahren Gewinner im fernen Osten: Alles redet von China, aber die Märkte in den Nachbarländern laufen besser. Wo der Einstieg lohnt
von Andreas Hohenadl und Oliver Ristau

Auf den ersten Blick erscheint die Situation paradox: China strampelt sich ab, führt die Weltwirtschaft aus der Rezession und übernimmt die Rolle der Konjunkturlokomotive für einen ganzen Kontinent. Doch die Früchte, so sieht es derzeit aus, ernten andere. Seit etwa einem Jahr enttäuschen die chinesischen Aktienmärkte:

Der in Hongkong beheimatete Hang-Seng-Index notiert auf dem Niveau vom Jahresanfang. Und der Shanghai-Composite-Index von Chinas Festlandbörse verlor seit Januar rund zwölf Prozent. Auch auf längere Sicht brachten Aktien aus dem Reich der Mitte nicht die Renditen, die andere Märkte Asiens lieferten.
Während Chinas Börse also schwächelt, stehen die Aktienmärkte vieler asiatischer Nachbarn seit Jahresbeginn dick im Plus: So gewann etwa die Börse in Thailand in lokaler Währung rund 22 Prozent, und an der Börse Sri Lankas stiegen die Kurse gar um 90 Prozent.

Wer als europäischer Anleger auf die jeweiligen Indizes setzte, hat noch mehr Grund zur Freude. Denn wegen der Euroschwäche und der Aufwertung der asiatischen Währungen fällt die Wertentwicklung noch deutlich höher aus.

China ist ein Musterbeispiel dafür, dass die Wachstumsraten einer Volkswirtschaft und die Renditen am Aktienmarkt zwei Paar Stiefel sein können. „Die Korrelation zwischen BIP-Wachstum in der Volksrepublik und Börsenentwicklung ist nicht stark“, bestätigt Leopold Quell, Experte für China-Aktien bei Raiffeisen Capital Management.
Der Punkt ist, wie produktiv ein Land sein Kapital einsetzt. Und in dieser Hinsicht offenbart das chinesische Modell einer staatlich gelenkten Wirtschaft mit eingeschränkt zugänglichen Kapitalmärkten und hoher Exportabhängigkeit immer deutlicher seine Schwächen. Daneben gibt es noch einen anderen Grund für das schlechte Abschneiden der Aktienmärkte: „Die Flut an Börsengängen in der letzten Zeit hat viel Liquidität vom Markt genommen“, erklärt Quell. Im ersten Halbjahr 2010 gab es 176 Neuemissionen nach 99 Börsengängen 2009. Und im August schloss die Agricultural Bank of China, die Letzte der vier großen Staatsbanken, den größten Börsengang aller Zeiten ab.

Dazu kommt, dass der Finanzsektor überhaupt sehr hoch in den Börsenindizes gewichtet ist. Im Hang-Seng-Composite-Enterprise-Index (HSCEI) beispielsweise sind Banken und Versicherungen derzeit mit über 55 Prozent vertreten. Doch gerade Finanzwerte entwickelten sich in jüngster Zeit nicht übermäßig gut. Und auch für die Zukunft bleiben die Aussichten gedämpft – trotz hoher BIP-Wachstumsraten. China-Experte Quell sieht auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten „keine großen Treiber für die Aktienmärkte der Volksrepublik“.

Im Fall Indiens gibt es die durchaus. Eine Wachstumsstory, die gerade an Fahrt gewinnt, ist die Automobilindustrie des Landes. Parameswara Krishnan, Fondsmanager des Carlson Fund India, spricht gar von einem „säkulären Trend für die kommenden zehn bis zwölf Jahre“. In einem ähnlichen Zeitraum sind in China die Autoverkäufe von zwei auf zwölf Millionen Stück pro Jahr gestiegen. Nach Ansicht Krishnans wird Indien diesem Weg folgen. Derzeit jedenfalls werden auf dem Subkontinent deutlich mehr Autos ver­kauft als in den USA und fast so viele wie in China.

Nicht nur das produzierende Gewerbe boomt, auch der Dienstleistungssektor, der 50 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Er wuchs im ersten Quartal 2010 (April bis Juni) um 9,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die verarbeitende Industrie legte um 12,4 Prozent zu. Das alles summierte sich im zurückliegenden Quartal auf 8,8 Prozent BIP-Wachstum. So rasch wuchs die indische Ökonomie seit 2007 nicht mehr. Die prosperierende Wirtschaft lockt auch viele ausländische Anleger an. Seit Anfang des Jahres sind rund 13 Milliarden US-Dollar in indische Aktien geflossen. Das ist mehr als die Hälfte aller Zuflüsse nach Asien mit Ausnahme Japans.
Mit einem aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von über 18 ist der Aktienmarkt Indiens nun allerdings der teuerste in ganz Asien. Durchschnittlich weisen die Emerging Markets ein KGV von zwölf auf. „Indien ist traditionell ein relativ teurer Aktienmarkt“, sagt Fondsmanager Krishnan, „aber in den vergangenen Wochen hat sich die Bewertung noch einmal deutlich erhöht.“ Vorsichtiges Agieren sei derzeit angebracht, so der Experte. Zusätzliche Sorgen bereitet die hohe Inflationsrate, die derzeit bei zehn Prozent liegt. „Den starken Preisauftrieb in den Griff zu bekommen ist die größte Herausforderung für die kommenden zwölf Monate“, sagt Krishnan. Am Donnerstag straff­te die indische Zentralbank bereits zum fünften Mal in diesem Jahr ihre Geldpolitik und erhöhte den Leitzins von 5,75 auf 6,00 Prozent.

So muss auch Indien, ähnlich wie China beim überhitzten Immobilienmarkt, gegen Begleiterscheinungen des rasanten Wachstums vorgehen. Doch nicht nur Fondsmanager Krishnan traut dem Subkontinent zu, diese Herausforderungen zu meistern. Die Analysten der Investmentbank Morgan Stanley prognostizieren, dass Indien zwischen 2013 und 2015 beim BIP-Wachstum den Nachbarn China überholen wird.
Und Anleger werden auch künftig stärker daran teilhaben als am Wachstumsprozess der Volksrepublik. Denn Indien nutzt sein Kapital produktiver als China. Das Finanzsystem ist besser entwickelt und die Kapitalmärkte sind offener. Zugleich fördern das demokratische System und das Vorhandensein von Eigentumsrechten Unternehmertum, Innovation und Austausch von Ideen.

Vor allem aber ist der Inlandskonsum der Treibsatz für das Wirtschaftswachstum und nicht der volatile Exportsektor. „Das ist ein Vorteil in einer Zeit, in der sich die Aussichten für den weltweiten Handel durch die Schwäche der westlichen Nationen eintrüben“, meint Krishnan. Nicht nur die Ausfuhrquote des Landes ist geringer als in China. „In Indien ist auch weniger Beschäftigung an die Exportwirtschaft gebunden“, erläutert der Fondsmanager. Zusammen mit der günstigeren demografischen Entwicklung ergebe das einen strukturellen Vorteil für Indien, der sich langfristig auszahlen werde.

Die neue Stärke Asiens zeigt sich aber auch in anderen Ländern der Region. An Indonesien, Vietnam, Laos, Nepal und Kambodscha zum Beispiel ist die Finanzkrise nahezu spurlos vorübergegangen. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) wuchs die Wirtschaft in diesen Ländern 2009 um mehr als vier Prozent. Thailand, Malaysia und die Philippinen sind 2010 nach einem Jahr Stagnation ebenfalls wieder auf Wachstumskurs eingeschwenkt.
Der Auftrieb, den auch die Börsen der kleineren Märkte erfahren, ist ein Beleg dafür, dass die asiatische Region insgesamt in den Fokus von Anlegern gerückt ist. So verzeichnet selbst die Börse in Bangkok, die während der politischen Unruhen im Frühjahr hatte schließen müssen, seit Jahresanfang ein zweistelliges Kursplus. Die Grundlage, auf der die Staaten ihre jeweils eigene Erfolgsgeschichte schreiben können, verbreitert sich.

„Die Länder Südostasiens haben sich mittlerweile von der fundamentalen Wirtschaftsentwicklung in den Industriestaaten ein Stück abgekoppelt“, erklärt Fondsmanager Andreas Wendelken aus dem Asien-Team der Deutsche-Bank-Investment-Tochter DWS. Ein Grund ist, dass der inner­asiatische Handel floriert wie nie.China sei nur ein Teil dieses Puzzles. Wendelken spricht von einer „langfristig intakten Wachstumsstory“, die auch durch ein eventuelles Abgleiten der Weltkonjunktur in eine erneute Schwächephase nur begrenzt gefährdet sein sollte.
Zentraler Aspekt ist dabei der Rohstoffreichtum der Staaten am Indischen Ozean. Gold, Silber, Kupfer, Nickel, Zinn und Molybdän sind in den von Vulkanen durchpflügten Böden der Inselstaaten Indonesien und Philippinen reichlich vorhanden. Malaysia und Indonesien produzieren über 80 Prozent des weltweiten Palmölbedarfs, eines zentralen Rohstoffs der internationalen Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie.

Indonesien und Malaysia sind laut BP-Energiestatistik zudem – vor China und Indien – die Länder Asiens mit den größten Erdgasreserven. Thailand verfügt über große Braunkohlevorkommen und eine starke weiterverarbeitende Industrie, die mittlerweile beim internationalen Wettbewerb um Rohstoffreserven vorn mitspielt. So sorgte der thailändische Kohleförderer Banpu diesen Sommer mit der Übernahme des australischen Kohleverarbeiters Cetennial für Aufsehen.

Gewachsenes Selbstbewusstsein demonstriert auch Malaysias Öl- und Gaskonzern Petronas. Im direkten Wettbewerb begegnet das staatliche Unternehmen – einer der Hauptsponsoren der Formel 1 – den Ölmultis der Welt längst auf Augenhöhe, wenn es zum Beispiel um die Vergabe neuer Förderlizenzen im Irak geht.
Doch in den einst als „Tigerstaaten“ bezeichneten Ländern geht es nicht mehr nur um Energie und Rohstoffe. Das steigende Volkseinkommen sorgt auch für einen Anstieg beim Konsum. „Der Wohlstand wächst“, resümiert DWS-Manager Wendelken. Das unterstreicht Thailands PTT-Gruppe. Der auf Öl- und Schifffahrt spezialisierte Konzern will das asiatische Supermarktgeschäft des französischen Handelskonzerns Carrefour übernehmen. Und hat dabei gute Chancen. Im Bieterstreit sind die Thais noch mit von der Partie, während britische und japanische Wettbewerber bereits ausgeschieden sind. Bisher standen einheimische Firmen bei Deals in dieser Größenordnung (rund eine Milliarde Dollar) mangels Finanzkraft außen vor. Immer mehr Kapital drängt nach Fernost, wie auch ein Blick auf den Aktienmarkt der Philippinen zeigt.

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