finanzen.net

24.01.2009 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 04/09

Senden

Die Hoffnung auf ein Ende des Horrors

Der Megaverlust der Royal Bank of Scotland hat die Märkte erschüttert. Das Desaster in London zeigt: Die Eigenkapitalprobleme der Banken müssen gelöst werden, bevor es mit Konjunktur und Börse aufwärts geht.
Oliver Ristau

Historische Ereignisse gibt es derzeit zuhauf. Der Rekordverlust der Royal Bank of Scotland (RBS) gehört in diese Kategorie. Noch nie machte ein britisches Unternehmen in der Geschichte Großbritanniens in einem Jahr mehr Miese als die RBS 2008. Bis zu 28 Milliarden Pfund könnten es werden - Belastungen aus faulen Krediten und Abschreibungen auf den Wert der 2007 zu teuer eingekauften niederländischen Bank ABN Amro. RBS-Chef Stephen Hester verhandelt in Nachtschichten mit der britischen Regierung über Rettungsmaßnahmen.

Die Schlüsselrolle der Banken für Volkswirtschaften und Börsen wurde in der vergangenen Woche wieder einmal überdeutlich. Denn die ohnehin schlechte Stimmung an den Kapitalmärkten wird durch regelmäßige Katastrophenmeldungen am Boden gehalten. Allein am Dienstag verlor der amerikanische KBW-Bankindex 20 Prozent an Wert.

Hesters Vorgänger, Sir Fred Goodwin, dem die britische Öffentlichkeit die Katastrophe anlastet, gilt der englischen Boulevardpresse inzwischen als Staatsfeind Nr. 1. Kein Wunder: Die Rettungspakete bescheren den Briten den schlimmsten Schuldenhaushalt seit dem Nachkriegsjahr 1946. Das Pfund verliert rapide an Wert.

Ohne frisches Eigenkapital droht der RBS die Pleite - und nicht nur ihr. Die anhaltende Abwärtsspirale bei der Bewertung der Wertpapierbestände der Banken hat weltweit die - wie sich jetzt zeigt - zu schwache Eigenkapitalbasis vieler Banken praktisch zerstört. Ohne Eigenkapital aber kein Bankgeschäft. Doch in der derzeitigen Marktsituation für eine Kapitalerhöhung private Interessenten zu finden, ist fast unmöglich. Doch warum tauchen immer wieder neue Horrorzahlen, wie zuletzt bei der RBS oder auch der Deutschen Bank, auf? Bankexperte Dirk Schiereck, Professor an der Technischen Universität Darmstadt, erklärt den unaufhaltsamen Wertverlust der Wertpapiere in einem ständig sich verschlechternden Umfeld: "Manche offenen Positionen sind jetzt erst fällig geworden, übernommene Kreditrisiken müssen beglichen werden."

Verluste daraus mindern das Eigenkapital. Das führt dazu, das die Banken gegen die Mindestreservesätze der Aufsicht verstoßen, die vorschreiben, wie viel Eigenkapital eine Bank im Verhältnis zu ihren Kreditforderungen vorhalten muss. Um die Mindestreserveanforderungen zu erfüllen, muss die Bank neues Eigenkapital aufnehmen oder Vermögenswerte veräußern. Beim Versuch, die Forderungen am Markt zu verkaufen, entstehen seit Monaten neue Verluste, das Eigenkapital schrumpft weiter.

Das ist der Grund dafür, dass die bisherigen Eigenkapitalspritzen nicht ausreichen. Solange die Banken weiterhin sogenannte toxische, also vergiftete, Wertpapiere in ihrem Bestand halten, wird nachgeschobenes Eigenkapital immer wieder neu aufgezehrt.

Die Hoffnung, toxische Wertpapiere doch noch verwerten zu können, hat sich im Krisenumfeld bisher nicht erfüllt. "Es gibt keine Garantien dafür, dass wir das Ende schon gesehen hätten", erklärt Richard Stehle, Professor am Institut für Bankwesen der Berliner Humboldt-Universität, den neuerlichen Abwärtsstrudel, in den Bankaktien und Börsen weltweit nach Bekanntgabe der RBS-Zahlen gerieten.

Schließlich könnten Forderungen, die heute noch als liquidierbar gelten und entsprechend in den Büchern stehen, im nächsten Quartal an Wert verloren haben, insbesondere wenn man an mögliche kommende Liquiditätsprobleme der Industrie im Zuge der Rezession denkt.

Letztlich könne niemand von außen wissen, was noch an negativen Überraschungen drohe, bestätigt Stehle und verweist auf die enormen Volumina, die die Banken im eigenen Wertpapiergeschäft umschlagen. "Das können nur die Institute selbst sagen. Wir leben in einer Periode großer Unsicherheit, die mindestens noch während der gesamten Bilanzsaison anhalten wird." Die Bundesbank vermutet, dass der Bestand an besonders riskanten strukturierten Kreditprodukten in deutschen Bankbilanzen bei etwa 280 Milliarden Euro liegt.

Dies zeigt, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, um die Spirale der Eigenkaptalvernichtung in den Bankbilanzen zu stoppen. Der staatliche Rettungsfonds kann 80 Milliarden Euro alternativ für die Aufstockung des Eigenkapitals von Banken oder den Aufkauf von Wertpapieren einsetzen. Hier liegt die Obergrenze bei fünf Milliarden Euro pro Bank.

Eine Lösung des Problems funktioniert wie eine Versicherung. Der haushaltspolitische Sprecher der CDU, Stephan Kampeter, hat einen Vorschlag der Bundesbank in die Berliner Diskussion eingeführt. Ähnlich wie bei der Währungsreform 1948 und bei der Wiedervereinigung sollen Banken Ausgleichsforderungen für wertlos gewordene Papiere erhalten. Das Eigenkapital wäre so geschützt. Der Bund müsste die Forderungen in den nächsten Jahren befriedigen.

Ähnlich funktioniert der neue Rettungsplan der britischen Regierung - eine Art staatliche Versicherung für die derzeit nicht liquidierbaren Wertpapiere, deren Buchwert auf rund 200 Milliarden Pfund taxiert wird.

Experten wie Dirk Schiereck plädieren in Deutschland jedoch eher noch für die radikale Lösung: die Schaffung einer staatlichen "Bad Bank" zur Übernahme dieser Risiken. Eine staatliche sogenannte Bad Bank, die alle toxischen Papiere aufkauft und bis zur Endfälligkeit hält, würde die Spirale stoppen. Diese Radikallösung ist allerdings politisch schwer durchsetzbar.

Wer managt die Bad Bank? In den USA und Großbritannien soll die Funktion einer solchen Institution auf die Notenbank übertragen werden. Eine eigenständige, staatliche Bad Bank in Deutschland sollte nur für zwei bis drei Jahre existieren, schlägt Schiereck vor. Denn das Risikoprinzip dürfe nicht außer Kraft gesetzt werden. Die Banken können die Bad Bank nicht dauerhaft als eine Art Müllkippe gebrauchen.

"Das Management einer Bad Bank müsste in private Hände", fordert Schiereck und regt eine Ausschreibung dieses Jobs an. Denn bundeseigene Institute wie zum Beispiel die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hätten keinerlei Erfahrung im Management solcher Risikopapiere. Dagegen gebe es kompetente Banken und Private-Equity-Firmen, die bewiesen hätten, dass sie toxische Wertpapiere erfolgreich verwerten können.

Ähnlich wie dies auch den staatlichen schwedischen Vermögensverwaltern gelang, die Anfang der 90er-Jahre die eigenen Banken von den Kreditrisiken aus der damaligen Immobilienkrise befreiten, die den Instituten tiefrote Zahlen beschert hatte. Die schwedische Bad Bank konnte am Ende sogar mit Gewinn abschließen, weil mehr Kredite als ursprünglich gedacht noch bedient werden konnten.

Ob dies angesichts der minderen Qualität insbesondere der strukturierten Hypothekenkredite aus den USA hierzulande ebenso gut klappen könnte, ist allerdings fraglich. Eine staatliche Bad Bank müsse die toxischen Wertpapiere jedenfalls sehr günstig erhalten, damit ihre Chance, sie mit Gewinn zu liquidieren möglichst groß sei, fordert Stehle. Daneben begrüßt der Berliner Uni-Professor das direkte Engagement des Bundes bei Banken wie der Commerzbank. Stille Beteiligungen lehnt er dagegen ab, weil deren Wert im Fall einer Erholung des Aktienkurses nicht so stark steigt wie bei einem direkten Aktienengagement. Wenn der Staat werthaltige Beteiligungen erwerbe, handle er wie eine Private-Equity-Firma. "So kann man sich als Staat verschulden."

Das Signal für die Börsen, das von einer überzeugenden Absicherung des Eigenkapitals der Banken gegen toxische Gefahren ausginge, kann wohl kaum unterschätzt werden. Experte Stehle sieht die Börsen derzeit am Scheideweg. "Die Chancen für eine Erholung stehen bei 50 zu 50", sagt er. Die Rezession werde zumindest in Deutschland nicht so schlimme Folgen haben wie oftmals befürchtet. "Ein Rückgang von zwei Prozent ist zu verkraften." Das gilt insbesondere dann, wenn die Unsicherheit über das Ausmaß der Katastrophe endlich schwindet.

Sein Kollege Schiereck sieht vor allem bei den Anleihen "ein Stück weit die negative Übertreibung verschwinden". Der Markt stabilisiere sich. Doch auch wenn Schiereck wieder ein wenig Normalisierung konstatiert; die Zeit historischer Ereignisse in der Wirtschaftskrise ist noch nicht vorbei.

Royal Bank of Scotland - Angst vor 100 Prozent Staat


Fast stündlich ändern sich die Vorschläge und Rettungsmaßnahmen zur Stützung der nationalen Finanzsysteme. In Deutschland lehnt die Regierung die Gründung einer Bad Bank noch ab und setzt auf die Rekapitalisierung angeschlagener Banken durch stille und direkte Beteiligungen über den Finanzmarktstabilisierungsfonds. In Großbritannien sind die Einzelheiten der neuen Hilfsmaßnahmen noch nicht bekannt. Eine Verstaatlichung der Großbanken wurde abgelehnt. Bei der geplanten Versicherung ist die Festsetzung der Prämien die Kernfrage. Der jüngste Vorschlag in Deutschland sieht vor, den Banken Ausgleichsforderungen zu geben, die Verluste aus toxischen Papieren in der Bilanz neutralisieren. In den USA stehen Präsident Obama für die zweite Tranche des Rettungspakets für die Finanzbranche 350 Milliarden Dollar zur Verfügung. Damit will er Schuldnern wie Eigenheimbesitzern und Gemeinden unter die Arme greifen, damit sie Kredite bedienen können.(or)
56 Prozent Gewinn innerhalb von drei Monaten brachte der börsennotierte Indexfonds DJ Stoxx 600 Banks Short ETF der Deutschen-Bank-Tochter db x-trackers. Der Clou für Anleger: Das Short-Papier gewinnt in dem Maße, in dem die Bankenkurse verlieren. Im Index sind die wichtigsten europäischen Banken wie Royal Bank of Scotland oder Unicredit enthalten. Zur Beimischung.(pg)
Tendenz: steigend
@ www.finanzen.net/go/DBX1AH
Nach dem jüngsten Milliardenverlust ist die Skepsis gegenüber dem Risikomanagement der größten deutschen Bank groß: "Unsere Sorge ist, dass es nur wenig Puffer für weitere negative Überraschungen gibt", urteilt Sal. Oppenheim vor der Präsentation der Konzernbilanz am 5. Februar. Die Bank schätzt ihren Verlust nach Steuern für 2008 auf 3,9 Milliarden Euro. Das zuletzt stark verlustträchtige Geschäft mit Kreditpapieren auf eigene Rechnung hat die Bank inzwischen eingestellt.(kds)
Tendenz: fallend
@ www.finanzen.net/go/514000
Die Royal Bank of Scotland warnt vor bis zu 28 Milliarden Pfund Minus für 2008, rund 30 Milliarden Euro. Es wäre der höchste Verlust eines britischen Konzerns. Zusätzlich zu Garantien will die britische Regierung die Vorzugsaktien kaufen. Der Staatsanteil würde auf 70 Prozent steigen. In Frankfurt ist die Aktie ein Pennystock. Bei einer Verstaatlichung wären die Papiere wertlos.(kds)
Tendenz: fallend
@ www.finanzen.net/go/865142

Online Brokerage über finanzen.net

finanzen.net Brokerage
Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade aus der Informationswelt von finanzen.net!

ETF-Sparplan

Oskar ist der einfache und intelligente ETF-Sparplan. Er übernimmt die ETF-Auswahl, ist steuersmart, transparent und kostengünstig.
Zur klassischen Ansicht wechseln
Kontakt - Impressum - Werben - Pressemehr anzeigen
Top News
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Bitcoin
Goldpreis
Meistgesucht
Deutsche Bank AG514000
Wirecard AG747206
Daimler AG710000
TeslaA1CX3T
Scout24 AGA12DM8
Apple Inc.865985
Amazon906866
Huawei TechnologiesHWEI11
Allianz840400
BMW AG519000
BASFBASF11
BayerBAY001
NEL ASAA0B733
CommerzbankCBK100
E.ON SEENAG99