finanzen.net

28.03.2009 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 13/09

Senden

Die Lust am Leihen

Unternehmensanleihen entwickeln sich im Zuge der Turbulenzen an den Finanzmärkten zu Rennern. Es locken historisch hohe Renditen.
von Oliver Ristau

Es erinnert ein wenig an die Hochzeiten der Börse, als anlagehungrige Investoren einen Börsengang nach dem anderen zum Erfolg führten und für überzeichnete Platzierungen sorgten. Das ist zwar schon länger Geschichte, doch seit einigen Monaten gibt es wieder einen Boom bei Neuemissionen, diesmal bei Unternehmensanleihen. Fast täglich bringen weltweit große Firmenadressen neue Bonds auf den Markt. Die Nachfrage dafür ist enorm.

Beispiel Bayer: Kaum hatte der Leverkusener Chemieriese Anfang dieser Woche eine neue Anleihe zur Zeichnung angeboten, waren die Bücher auch schon wieder geschlossen. „Der Bond war in weniger als einer Stunde platziert und fünffach überzeichnet“, sagt Bayer-Sprecher Günter Forneck. „Investoren sig­nalisierten im Vorfeld hohes Interesse. Das Marktumfeld für Unternehmensanleihen ist aktuell sehr gut.“ Bayer nahm so mühelos 1,3 Milliarden Euro an Cash auf und zahlt dafür über eine Laufzeit von fünfeinhalb Jahren einen Zins von 4,625 Prozent. Die Unternehmen lockt neben der hohen Nachfrage ein historisch niedriges Zinsniveau, das ihnen trotz der aktuellen Kreditkrise erlaubt, sich auf dem Anleihewege verhältnismäßig günstig Kapital zu beschaffen – zumindest, wenn es sich um solide sogenannte Investment-Grade-Unternehmen außerhalb des Finanz- und Automobilsektors handelt. Das sind Firmen, deren Bonität zur Rückzahlung von Krediten von Ratingagenturen mit mindestens BBB- bewertet wird. Institutionelle Investoren dürfen oft nur in diesen bonitätsstarken Bondmarkt investieren. In den vergangenen Monaten zählten zu den Emittenten solcher Papiere etwa Energieversorger wie E.on oder Electricité de France, Gasekonzern Linde, die Lufthansa, Telefónica oder der weltweit größte Zigarettenhersteller Philip Morris.

Nach wie vor sind selbst für Unternehmen mit hoher Kreditbonität klassische Bankdarlehen nur schwierig und zu schlechten Konditionen zu bekommen. Und auch die Börse scheidet als Helfer für die Kapitalbeschaffung auf absehbare Zeit aus. Neue Aktien wären derzeit nur zu Ramschpreisen zu platzieren.
Noch nie haben so viele Unternehmen deshalb ihr Heil in den Anleihen gesucht. Bis Mitte März nahmen europäische Investment-Grade-Unternehmen über diesen Weg mehr als 110 Milliarden Euro ein. Zum Vergleich: Im gesamten Vorjahr waren es nach Auskunft von Société Générale 133,5 Milliarden Euro.
Seit die Börsen stark verloren haben, denken auch Anleger weltweit um. „Es gibt verstärkt Aktieninvestoren, die in den Markt für Corporate Bonds gewechselt sind“, sagt Christoph Schmidt, Fondsmanager bei Pioneer Investments. Und Hans Stoter, Head of Credit bei ING Investment Management Europe, hat „beachtliche Zuflüsse von privaten wie institutionellen Anlegern“ beobachtet. Viele Privatbanken seien auf den Zug aufgesprungen. „Unternehmensanleihen sind derzeit für langfristig orientierte Anleger sehr günstig“, sagt er. „In den Preisen stecken so viele schlechte Nachrichten, dass diese sogar eine wirtschaftliche Depression rechtfertigen würden.“

Sichtbar wird das an den Zins-Spreads – also dem Abstand der Anleihezinsen zu anderen festverzinslichen Papieren bester Bonität wie beispielsweise Staatsanleihen. Nach Auskunft der niederländischen Investmentfondsgesellschaft Robeco lagen sie Mitte März bei Investment-Grade-Bonds bei bis zu 450 Basispunkten. Das sei vergleichbar mit dem Niveau zur Zeit der Wirtschaftskrise in den 30er-Jahren und ein Vielfaches der noch in den Jahren 2003 bis 2007 üblichen 50 Basispunkte. „Neuemissionen sind so günstig, die muss man einfach kaufen“, freut sich Victor Verberk, Chef der Corporate-Bond-Abteilung von Robeco, über gute Investmentchancen.

Die guten Konditionen neuer Bonds gelten aber zunächst nur für die Erstzeichner, und das sind fast ausnahmslos institutionelle Anleger. Privatinvestoren können erst Tage später über Banken oder an der Börse neue Bonds kaufen. Dabei sind oft ordentliche Aufschläge fällig. So hatte etwa eine zehnjährige Anleihe des Schweizer Pharmakonzerns Novartis, die bei Ausgabe im Februar einen Spread von 225 Basispunkten aufwies, nach Aufnahme in den Zweithandel bereits 37 Punkte verloren.

Um die Renditechancen einer Anleihe, die etwa über die Börse gekauft wird, richtig einzuschätzen, ist neben dem Spread und dem Kupon der Kurswert von zentraler Bedeutung. Im Zuge der Finanzkrise und der zunehmenden Sorge vor Insolvenzen sind die Anleihekurse teils drastisch in den Keller gestürzt. Mussten Anleger etwa vor Jahresfrist für ein Linde-Papier mit einem Zinskupon von 7,375 Prozent und einer Laufzeit bis 2066 noch rund 100 Prozent des Nominalwerts bezahlen (ISIN: XS?025?960?432?9), ist das Papier aktuell für 70 Prozent zu haben. Anleger sorgen sich trotz der führenden Marktposition und des weitgehend krisensicheren Geschäfts der Münchner offensichtlich um die langfristigen Perspektiven des Unternehmens. Dabei wirft das Papier durch die Kombination von aktuell niedrigem Kursniveau und stattlichem Zins eine Rendite von 11,75 Prozent ab – unter der Voraussetzung, dass der Bond bis zum Ende der Laufzeit gehalten wird.

Deshalb sind Anleger mit kurzfristigeren Papieren sicherlich besser bedient. So bietet etwa die jüngste Anleihe von BMW, ausgerüstet mit einem Kupon von 8,875 Prozent und einer Laufzeit von noch viereinhalb Jahren (ISIN: XS?040?001?719?9), eine Rendite von immer noch knapp sieben Prozent. Der aktuellste Bond des Handelskonzerns Metro von Ende 2008 (ISIN: DE?000?A0T?33X?3) mit Fälligkeit 2013 bringt derzeit bei einem üppigen Zins von 9,375 Prozent eine Rendite von 6,7 Prozent.

Die Erträge der Qualitätsanleihen entsprechen einem Niveau, das vor Kurzem nur bei sogenannten High-Yield-Bonds zu erzielen war – Unternehmensanleihen von Firmen ohne Bonitätssiegel der Ratingagenturen. „Noch nie waren die Risikoprämien auf Anleihen von Industrieunternehmen so hoch“, charakterisiert Kerstin Terhardt, Anleiheexpertin von HSBC Global Asset Management Deutschland, diesen Markt.

Sie mahnt daher auch bei vermeintlich sicheren Adressen, die Risiken nicht außer Acht zu lassen. „Keine Extrarendite ohne Extra­risiko“, sagt sie. Garantien, dass große Unternehmen in Zukunft wirklich in der Lage sein werden, die fälligen Schuldzinsen zu tilgen und schließlich auch die Rückzahlung zu leisten, gibt es in der derzeitigen Situation kaum. „Auch bei Lehman hat sich zuvor kaum jemand eine Insolvenz vorstellen können“, ergänzt Pioneer-­Manager Schmidt. Entscheidend für die Beurteilung einer Anleihe sei die Kreditqualität, weshalb Pioneer etwa derzeit grundsätzlich nur in Bonds investiere, deren Kreditwürdigkeit höher als mit BBB- beurteilt wird. Denn in der Rezession drohe eine weitere Abstufung der Bonität. Fällt aber eine Firma aus dem erlauchten Ratingclub heraus, verschlechtern sich die Refinanzierungskonditionen massiv, was im Ernstfall in eine Liquiditätskrise des betroffenen Unternehmens münden könnte. Privatanleger sind mit einem Fonds auf der sichereren Seite. Selbst einzelne Ausfälle können damit kompensiert werden, ohne dass die attraktiven Renditenchancen, die der Bondmarkt aktuell bietet, aufgegeben werden müssen. Allerdings weisen viele Fonds eine hohe Zahl von Bonds von Finanzunternehmen aus, die je nach Kreditqualität derzeit kaum mit Gewinn zu liquidieren sind.

„Erstrangige Senioranleihen von führenden Banken eines Landes sind ihr Geld wert“, erklärt ING-Bond­experte Stoter die Unterschiede bei den Bankenbonds. Anders jedoch bei den Nachranganleihen, denn hier haben die Emittenten in der Krise die Wahl, ob sie den Schuldzins bedienen wollen oder nicht: Diese Bonds werden aktuell mit nur 20 bis 40 Prozent gehandelt. „Das liegt an dem hohen Risiko, nicht ausgezahlt zu werden.“ Anleger sollten deshalb auf Industriebonds, und dort speziell auf nicht zyklische Branchen wie Telekom, Versorger und Pharma blicken. Diese verfügen zwar nicht über die höchsten Kupons, gelten aber als verhältnismäßig krisenresistent. „Zykliker müssen mehr bieten, um das höhere Risiko einer Herabstufung ihrer Bonität zu kompensieren“, sagt Pioneer-Stratege Schmidt.

Ganz gleich, welche Branchen – HSBC-Fondsmanagerin Terhardt rechnet weiterhin mit einer „anhaltend vollen Pipeline für neue Bond­emissionen, weil andere Formen der Refinanzierung für die Konzerne anhaltend schwierig bleiben“. Und Schmidt ergänzt: „Die rege Nachfrage nach Unternehmensbonds zeigt, dass Investoren Geld haben, das angelegt werden will. Es gibt im Markt wieder einen gewissen Risikoappetit.“ Dieser dürfte den Anleiheboom auch in Zukunft auf hohem Niveau halten.

Online Brokerage über finanzen.net

finanzen.net Brokerage
Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade aus der Informationswelt von finanzen.net!

ETF-Sparplan

Oskar ist der einfache und intelligente ETF-Sparplan. Er übernimmt die ETF-Auswahl, ist steuersmart, transparent und kostengünstig.
Zur klassischen Ansicht wechseln
Kontakt - Impressum - Werben - Pressemehr anzeigen
Top News
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Bitcoin
Goldpreis
Meistgesucht
Wirecard AG747206
Deutsche Bank AG514000
CommerzbankCBK100
Daimler AG710000
Scout24 AGA12DM8
Apple Inc.865985
TeslaA1CX3T
Amazon906866
BMW AG519000
Huawei TechnologiesHWEI11
NEL ASAA0B733
BASFBASF11
Allianz840400
BayerBAY001
E.ON SEENAG99