06.04.2011 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 14/11

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Die Reichen stellen die Weichen

Die amerikanische Konjunktur kommt in Fahrt. Besonders das Geschäft mit Qualität und Luxus schiebt die Wirtschaft an. Auf welche Branchen Anleger jetzt setzen sollten
von Tim Schäfer und Andreas Höß

Obwohl es am Sonntagnachmittag in Strömen regnet, kommen etliche New Yorker durch die frisch polierte Drehtür des Gehry-Towers. Hier, im Süden Manhattans, hat Stararchitekt Frank Gehry einen luxuriösen Wolkenkratzer errichtet. Der Riese beherbergt von der Sonnenterrasse über Fitnessstudio und Filmsaal bis zur Bibliothek fast alles, was das Herz der wohlhabenden Mieter begehrt. Seit einigen Wochen können Interessenten die Wohnungen dort besichtigen. Die Zweizimmerwohnung kostet 3600 US-Dollar Miete im Monat, drei Zimmer gibt es ab 6000 Dollar. „Wenn Ihnen eine Wohnung gefällt, müssen Sie schnell zuschlagen“, sagt Makler Timothy Rizzo. Denn die Wohnungen sind gefragt: „Zum Teil muss das Los entscheiden“, so Rizzo.

Luxus ist wieder in Mode. Der Gehry-Tower, das höchste Wohnhaus der westlichen Hemisphäre, ist zum richtigen Zeitpunkt fertig geworden. 76 Stockwerke, 265 Meter, ragt der Edelstahlgigant gen Himmel. Beinahe wäre aus dem Goliath aber nur ein David geworden. 2006 begannen die Bauarbeiten. Inmitten der Krise, im Jahr 2009, wurden die Arbeiten plötzlich gestoppt. Baulöwe und Finanzier Bruce Ratner dachte ein halbes Jahr darüber nach, den Turm nach 38 Etagen einfach zu kappen.
Selbst Amerikaner mit hohem Einkommen übten sich während der Wirtschafts- und Finanzkrise zu einem gewissen Maß in Enthaltsamkeit. Die Umsätze bei Luxusgütern waren eingebrochen. Bauherr Ratner fragte sich wohl, ob mit Luxusimmobilien noch Geld zu verdienen sei.

Die Unsicherheit seiner Kunden spürte damals auch Stephen Sadove. Er ist Chef des Edelkaufhauses Saks (siehe Investor-Info), das Marken wie Gucci, Prada oder Dolce & Gabbana führt. Während der Krise gingen selbst die Reichen in Läden shoppen, die mit günstigeren Preisen warben. Noch 2008 stand die 1898 gegründete Saks-Kette deshalb mit dem Rücken zur Wand. Nun läuft das Geschäft wieder.
Sadove plauderte auf einer Investorenkonferenz aus dem Nähkästchen: Anhand der täglichen Besucherströme und des Kaufverhaltens seiner Kunden könne er genau sagen, ob der amerikanische Leitindex Dow Jones gestiegen oder gefallen sei. An guten Börsentagen klingeln bei ihm die Kassen. Und gute Börsentage gab es in den vergangenen zwei Jahren viele.

Der Dow Jones hatte sein Tief bei rund 6500 Punkten vor zwei Jahren markiert. Seither kletterte das Börsenbarometer auf knapp 12.300 Zähler und hat sich damit fast verdoppelt. Bis zum Rekordstand bei 14.164 Punkten aus dem Oktober 2007 ist es kein großer Sprung mehr. Noch vor einem Jahr unkten viele Volkswirte, die USA werde für lange Zeit nicht aus der Rezession kommen. Die Wall Street hat aber offenbar vorweggenommen, was in der US-Wirtschaft derzeit passiert: Das Land lässt die Krise hinter sich.
Die größte Volkswirtschaft der Welt wuchs vergangenes Jahr um 2,8 Prozent. Amerika produziert wieder so viele Güter und Dienstleistungen wie vor der Krise. Für 2011 und 2012 prognostiziert David Wyss, Chefvolkswirt der Ratingagentur Standard & Poor’s, den Vereinigten Staaten ein Wirtschaftswachstum von jeweils drei Prozent. Zudem verbessert sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt. „Der wiedererstarkte Industriesektor führt vermehrt zu Einstellungen“, sagt John Arege, Fondsmanager für US-Aktien bei Goldman Sachs Asset Management. Im Januar und Februar wurden unterm Strich 255.000 neue Stellen geschaffen, obwohl Schneestürme die Ostküste vorübergehend lahmgelegt hatten.

Bei der Mittelschicht kommt der Aufschwung trotzdem nur langsam an. „Das Bruttoinlandsprodukt ist zwar der beste Gradmesser für die Leistung einer Volkswirtschaft“, schreiben die Ökonomen Mark Vitner und Joe Seydl in einer Studie der US-Bank Wells Fargo, „man kann es aber weder essen noch tanken.“ Fast 25 Millionen Arbeitslose und Unterbeschäftigte gebe es in den USA. Die Immobilien von 22 Prozent der Eigenheimbesitzer seien im Moment weniger wert als die darauf lasten­den Hypotheken. Die Erholung sei für die Mitte deshalb bisher eine „große Enttäuschung“, bilanzieren die Volkswirte Vitner und Seydl.
Denn während die Oberschicht wieder in Luxus schwelgt, ist die Einkommenssituation im Rest der Gesellschaft weiterhin angespannt. Die Privatwirtschaft schafft zwar neue Arbeitsplätze, die öffentliche Hand muss aufgrund hoher Defizite jedoch Stellen streichen. S & P glaubt deshalb, dass die Arbeitslosenrate erst Mitte 2012 von derzeit knapp neun Prozent auf acht Prozent sinken werde. Ohnehin zählen nur 64,2 Prozent der Erwachsenen zur arbeitenden Bevölkerung. Studenten oder Gefängnisinsassen werden von der Arbeitslosenstatistik nicht erfasst. So niedrig war die Rate seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.

Millionen von Amerikanern stecken nach dem Platzen der Immobilienblase weiterhin in finanziellen Schwierigkeiten, viele sind überschuldet. Nicht nur Hypotheken, auch Verbindlichkeiten auf Kreditkarten und Autoleasingraten belasten die Haushalte. Deshalb legen die Amerikaner immer mehr Geld auf die hohe Kante. Die Sparquote explodierte vom historischen Tiefstand Anfang 2008 bei einem Prozent auf 5,8 Prozent Anfang 2011. „Die hohe Verschuldung ist der Grund, warum der Konsum nicht auf ein normales Niveau zurückgekehrt ist“, sagt S & P-Fachmann Wyss.
Diese Situation wird sich nur langsam ändern. Die meisten Jobs, die in der US-Wirtschaft geschaffen werden, sind schlecht bezahlt. Das Gesamteinkommen der US-Bürger liegt trotz jüngsten Anstiegen noch unter dem Wert vor der Rezession, so die Volkswirte von Wells Fargo.

Einzelhändler, die sich auf das mittlere und untere Preissegment fokussieren, dürften sich deshalb langsamer erholen als die Konsumtempel der Oberschicht. Im Billigsegment positionieren sich zwar schon erste Großinvestoren mit Milliardenübernahmen. So kaufte im September der Investor 3G Capital die Fast-Food-Kette Burger King. Doch selbst die sonst so erfolgsverwöhnten Billig­heimer Walmart und McDonald’s stehen im Moment unter Druck.Auch der Modekette Aeropostale, die Kinder und Jugendliche einkleidet, laufen die Kunden davon. Mit preisgünstigen Stoffen gelang es dem Schneider bisher, die Teens in die Läden zu locken. Reihenweise enttäuschen auch die Discounter, zuletzt waren es GAP und Target. Chancen sieht Fondsmanager John Arege dagegen bei Baumärkten und Anbietern von Büroausstattung. Letztere „profitieren, wenn die Unternehmen wieder mehr Leute einstellen“. Und eine wahre Renaissance erleben derzeit bereits Luxus und Qualität. Das bestätigt auch David Wyss: „Wer Hochwertiges anbietet, dem geht es gut.“ Hochpreisige Modemarken wie Abercrombie & Fitch befinden sich im Höhenflug. Das Unterneh­men hatte ein starkes Weihnachts­geschäft und konnte seinen Gewinn im vierten Quartal im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppeln. Dabei war es nicht nur im Ausland erfolgreich. Der Konzern erhöhte den Umsatz auch auf dem US-Markt.
Damen leisten sich auch wieder Diamanten und Schmuck – oder lassen ihn sich von Verehrern und Ehemännern schenken. Wegen starker Absatzzahlen schraubte der Schmuckhändler Tiffany im Januar seine Jahresprognose nach oben.

Auch Lifestyle-Themen, eine klassische Domäne der Besserverdienenden, sind wieder im Kommen. Mit gesunder Ernährung lässt sich aktuell gutes Geld verdienen. Der Grund mag sein, dass zwei Drittel der Amerikaner übergewichtig sind. Zudem häuften sich in den vergangenen Monaten Lebensmittelskandale, was die industrielle Landwirtschaft ins Zwielicht rückte. Die Nachfrage nach naturbelassenen Lebensmitteln explodierte, der führende Biolebensmittelhändler, Whole Foods Market, hob seine Gewinnprognose an.
Den Trend zurück zur Natur nimmt so mancher auch wörtlich: Die „New York Times“ berichtete, dass immer mehr junge Menschen sich der Landwirtschaft nach Großvaters Vorbild verschrieben hätten. Garry Stephenson, Koordinator eines landwirtschaftlichen Programms an der Oregon State University, schwärmt über die Jungfarmer: „Es ist schon aufregend. Sie sind jung, dynamisch und idealistisch. Sie sind bereit, bestimmte Dinge hierfür zu opfern.“ Seit Jahrzehnten war der Drang in diesen Berufsstand nicht so groß. Auf den ersten Blick ein Kontrast: Junge Erwachsene tauschen ihr Konsumentendasein gegen Spaten und Hacke, Besserverdiener kehren von Günstig zu Gucci zurück. So auch die Interessenten für die Wohnungen im New Yorker Gehry-Tower: Sie kommen mit Gucci-Regenschirmen und Burberry-Jacken, so manches Stück aus neuen Kollektionen. Vielleicht feiern sie ja nachher ihre neue Wohnung bei einem guten Steak – Biosteak, versteht sich.

Investor-Info

Saks Inc.
Teures Luxuskaufhaus
Die Flaggschiffhäuser des New Yorker Kaufhauses sind die 47 Filialen von Saks Fifth Avenue. Hier gehen die Reichen shoppen. Saks profitiert von einer stark anziehenden Nachfrage, zudem kursieren Übernahmegerüchte. Die Einschätzung der Analysten schwankt stark, die Kursziele reichen von 4,30 bis 10,70 Euro. Mit einem 2011er-KGV von 40 ist die Aktie sehr teuer. Kaum Handelsumsätze hierzulande. Wir meinen: zu riskant.

Whole Foods Market
Öko und gesund sind gefragt
Der führende Biolebensmittelhändler betreibt rund 300 Ökosupermärkte in den USA, Kanada und England. Nach der rezessionsbedingten Verschnaufpause zieht das ­Geschäft nun kräftig an. Besonders die Oberschicht rennt dem Händler die Türen ein. Vorstandschef und Gründer John Mackey hob die Gewinnprognose an. Das KGV ist mit 32 ambitioniert, doch Analysten weisen zu Recht darauf hin, dass sich die Zahl der Filialen massiv ausweiten lässt. Die Aktie läuft, weiterhin aussichtsreich.

Abercrombie & Fitch
Bald auch in Ihrer Stadt
Auch bei dem Modelabel Abercrombie & Fitch, zu dem die Marken Hollister und Ruehl sowie Gilly Hicks gehören, laufen die Geschäfte wieder. In vielen Großstädten sollen neue Läden entstehen. 2011 soll der Gewinn um 48 Prozent auf 262 Mil­lionen Euro steigen. Die Analysten sind überwiegend optimistisch und sehen Kurspotenzial von über 30 Prozent. Nur mit Limit ordern!

Tiffany
Hohe Rendite
Ob die Einschätzung von Experten stimmt, wonach klei­nere und unabhängige Schmuckkonzerne wie Tiffany in Schwierigkeiten geraten, wird sich zeigen. Mit 20,3 Prozent operativer Marge für 2011 ist Tiffany jedenfalls extrem profitabel und gilt deshalb als Übernahmekandidat. Auch bei den Amerikanern ist das Asien-Geschäft am stärksten. 2011 soll der Konzerngewinn mit plus 38 Prozent besonders stark zulegen. Aussichtsreich.

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