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28.11.2012 12:47:43 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 47/12

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Strompreis-Wahnsinn

Verbrauchern droht die stärkste Erhöhung seit zehn Jahren. Wie die Versorger abkassieren, warum die neuen Preise unbegründet sind.
von Wolfgang Ehrensberger, Euro am Sonntag

Folgekosten der Energiewende oder dreiste Abzocke der Versorger? Mit einem Anstieg von durchschnittlich zwölf Prozent steigen zum Jahreswechsel die Strompreise so stark wie noch nie seit der Liberalisierung der Energiemärkte Ende der 90er-Jahre.

Nach Berechnungen des Berliner Vergleichsportals Toptarif entspricht dies bei einem Vier-Personen-Haushalt mit 4000 Kilowattstunden Jahresverbrauch Mehrkosten von 120 Euro — so viel wie in den drei vorangegangenen Jahren zusammen. 600 von insgesamt 850 Grundversorgern erhöhen demnach die Preise. In der Spitze verlangen einzelne Anbieter bis zu 20 Prozent oder 160 bis 200 Euro mehr. „Verbraucher zahlen inzwischen vielerorts doppelt so viel für Energie wie vor zehn Jahren“, erläutert Toptarif-Sprecherin Janine Pentzold.

Pentzold macht für den Anstieg vor allem steigende staatliche Abgaben auf den Stromtarif wie höhere Netzentgelte oder Umlagen für den Ausbau von Meereswindparks oder der Kraft-Wärme-Kopplung verantwortlich. Allein die Erneuerbare-Energien-Umlage sei für 50 Prozent des Anstiegs verantwortlich. Über die Mehrwertsteuer von 19 Prozent verdiene der Staat noch zusätzlich an den höheren Preisen. Der Staatsanteil am Strompreis, der 2012 noch bei 45 Prozent gelegen habe, steige 2013 auf über 50 Prozent.

Versorger zahlen weniger
Um diese Argumentation ist ein heftiger Streit entbrannt. Der Bund der Energieverbraucher rechnet vor, dass die Kosten der Energiewende lediglich einen Anstieg von sechs Prozent rechtfertigten, spricht von Abzocke und ungerechtfertigten Preisanhebungen von über zwei Milliarden Euro. In dieselbe Kerbe schlägt Bundesumweltminister Peter Altmaier, der den Versorgern ebenfalls ungerechtfertigte Preisanhebungen vorwirft. „Viele Stromversorger liegen mit ihrer Erhöhung deutlich über der Erhöhung der Erneuerbare-Energien-Umlage“, so der CDU-Politiker. „Das ist schwer zu verstehen, weil die Börsenstrompreise seit dem letzten Jahr auf breiter Front gesunken sind.“

Pentzold räumt ein, dass die Preise an der Börse 2012 tatsächlich um etwa zehn Prozent unter dem Vorjahr lagen. „Die niedrigeren Beschaffungskosten machen aber nur ein Zehntel des Preisanstiegs aus und fallen angesichts der anstehenden Erhöhungen kaum ins Gewicht.“ Laut Toptarif beschweren sich die Versorger im Gegenzug, nur noch „Inkassobüros für den Staat beziehungsweise die staatlichen Abgaben zu sein“. Viele Versorger gäben in der Tat lediglich die Erhöhungen der staatlichen Abgaben weiter, ohne die eigene Gewinnmarge zu erhöhen.

Dass andere Anbieter die Gelegenheit auch ausnutzten und kräftig zulangten, streitet auch sie nicht ab. Dabei seien starke Preisanhebungen oft gerade bei jenen Versorgern anzutreffen, die bislang noch relativ günstige Tarife hatten, wie die Stadtwerke Plattling, oder die ihre Tarife aufgrund langfristiger Lieferverträge schon seit längerer Zeit nicht mehr angepasst hätten.

Wechsel des Anbieters lohnt
Verbraucherschützer, Toptarif oder auch das Bundeskartellamt fordern Verbraucher in jedem Fall dazu auf, Preise zu vergleichen und von der Wechselmöglichkeit Gebrauch zu machen. Laut Toptarif könnten so Einsparpotenziale von mehreren Hundert Euro realisiert werden.

Besonders rentabel sei der Wechsel für Kunden, die noch nie einen Wechsel vollzogen hätten und noch in den ohnehin teuren Tarifen der Grundversorgung Strom bezögen. So seien noch immer fast die Hälfte aller Stromkunden noch in den gesetzlichen Grundversorgungstarifen, über 80 Prozent noch beim Grundversorger in Grundversorgungs- und anderen Tarifen. Auch Modellrechnungen der Stiftung Warentest für die Dezember-Ausgabe der Zeitschrift Finanztest haben ergeben, dass sich durch einen Wechsel des Versorgers die Strompreiserhöhungen wieder ausgleichen ließen — die möglichen Einsparungen liegen bei bis zu 330 Euro pro Jahr.

Wie sich die Strompreise im Vergleich zum Vorjahr ändern, entnehmen Sie der Tabellen auf Seite 9 der Ausgabe 47/2012.

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