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15.11.2009 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 46/09

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Kampf um Energiereserven

Harte Zeiten für westliche Ölriesen – immer stärker werden sie durch die chinesische Konkurrenz in Bedrängnis gebracht. Deren Vorteil: Vater Staat im Rücken
von Oliver Ristau

Für George W. Bush ist es so etwas wie ein später Sieg. Denn dass es dem früheren US-Präsidenten mit den engen Verbindungen in die heimische Ölindustrie bei der Invasion in den Irak auch um den Zugang zum schwarzen Gold des arabischen Staats ging, ist unter politischen Beobachtern unstrittig. Knapp acht Jahre nach Beginn der US-Offensive ist es endlich so weit. Die irakische Regierung hat kürzlich mit ExxonMobil erstmals seit 40 Jahren wieder einem US-Unternehmen eine Lizenz zur Ausbeutung heimischer Ölvorkommen erteilt. Gemeinsam mit Wettbewerber Shell erhielten die Texaner den Zuschlag für das Ölfeld Qurna West, dessen Förderung bis 2016 von 280 000 Barrel (159 Liter) auf 2,1 Millionen Fässer pro Tag erhöht werden soll. Das entspräche knapp 90 Prozent der gesamten irakischen Ölproduktion 2008. Dem Deal muss aber die künftige irakische Regierung noch zustimmen, die im Januar 2010 gewählt wird.

Deren Verhältnis zu den USA wird für die finale Entscheidung wesentlich sein. Denn zur Konkurrenz, gegen die sich Exxon und Shell zunächst durchgesetzt haben, gehören die russische Lukoil und der chinesische Staatskonzern China National Petroleum Corporation (CNPC). Gegen Russland und China gibt es anders als gegen die USA geringere Vorbehalte. Zumal CNPC, der mehrheitlich die beiden Ölriesen Petrochina und China Petroleum & Chemical Corporation (Sinopec) gehören, die irakischen Bedingungen in der ersten Ausschreibungsrunde vom Juni 2009 ohne Murren akzeptiert hatte. Demnach erhalten die Konzerne für die Förderung lediglich zwei Dollar je Fass. Auch die britische BP schlug ein. Beide Unternehmen erhielten deshalb als erste ausländische Öl­firmen überhaupt den Zuschlag zur Ausbeutung des Rumaila-Felds. Dieses soll mit einer für Mitte kommenden Jahrzehnts erwarteten Tagesproduktion von 2,85 Millionen Barrel noch ergiebiger sein als das Exxon/Shell-Feld.

Trotz des niedrigen Preises lohnt die Aussicht, künftig Zugriff auf Ölfelder zu haben, die relativ leicht zu entwickeln sind und zu den größten der Welt zählen. Damit können die Firmen auch ihre teils angespannte eigene Reservesituation verbessern. Die niederländisch-britische Shell-Gruppe wies Ende 2008 einen Rückgang der eigenen Öl- und Gasreserven von acht Prozent aus.

„Der Irak ist für die wesentlichen Länder noch ein erreichbares Terrain“, sagt Sintje Diek, Ölanalystin der HSH Nordbank. Europäer und Amerikaner haben es dagegen versäumt, in Afrika ihre Claims auszubauen. Dabei gilt der schwarze Kontinent als strategisch wichtige Rohstoffreserve. China macht dort seit Jahren Nägel mit Köpfen wie zuletzt vor Wochenfrist beim China-Afrika-Gipfel in Ägypten. Ministerpräsident Wen Jiabao stellte den afrikanischen Staaten zehn Milliarden Dollar Entwicklungshilfe und Schuldenerlass in Aussicht. Im Gegenzug will sich das Land gemeinsame Energieprojekte sichern.

Beispiel Angola. War ExxonMobil noch in den 90er-Jahren mit Abstand der größte Produzent in dem südwestafrikanischen Staat, ist der Marktanteil heute auf ein Drittel geschrumpft. In die Lücke sind chinesische Konzerne gestoßen, die von den umfangreichen Finanz- und Wirtschaftshilfen der Volksrepublik profitieren. Dank derer ist Angola 2008 zum drittgrößten Produzenten Afrikas aufgestiegen und hat das Schwergewicht Libyen überholt. Westliche Unternehmen verhalten sich zudem nicht immer geschickt gegenüber den afrikanischen Regierungen. So freute sich Exxon bereits über den Einstieg beim Ölfeld Jubilee vor der Küste des westafrikanischen Ghanas, das knapp zwei Milliarden Barrel beinhalten soll. Die ebenfalls in Texas ansässige Explorationsfirma Kosmos Energy hatte das Vorkommen 2007 entdeckt und seinen Anteil von 23,5 Prozent Mitte Oktober an Exxon verkauft. Doch die Regierung in Accra fühlte sich übergangen und droht seitdem, den Deal platzen zu lassen. Damit sind die Chancen für die ­ebenfalls um Jubilee buhlende China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) gewachsen, noch zum Zuge zu kommen.

CNOOC lehrt die westlichen Öl­firmen auch in Nigeria das Fürchten. So bietet der Staatskonzern nach ­Medienberichten für 23 Ölfelder, die derzeit noch von Chevron, Exxon­Mobil, Shell und Total ausgebeutet werden und deren Lizenzen mittelfristig auslaufen, bis zu 50 Milliarden Dollar. Die betreffenden Öl­vorkommen beherbergen rund ein Sechstel der Ölreserven des größten afrikanischen Förderers, der Nummer 11 der Welt. Sollte CNOOC tatsächlich den Zuschlag erhalten, wäre dies ein herber Rückschlag für die westlichen Firmen.

„China geht bei der Ölbeschaffung konsequenter vor als der Westen“, sagt HSH-Analystin Diek. „Das Land hat frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt, sich mit Öl zu versorgen.“ Dazu komme laut Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, dass „das Regime für China keine Rolle spielt. Es zählt allein der Zugriff auf das Öl.“ Die politische Nähe erklärt auch den Erfolg Chinas und Russlands in Venezuela. Nach dem Einbruch der Ölpreise ist Staatschef Hugo Chávez auf ausländisches Kapital angewiesen und hat Unternehmen beider Länder die Ausbeutung von Feldern im größten süd­amerikanischen Förderland gestattet. China vereinbarte im Sommer für 16 Milliarden Dollar die Erschließung von Vorkommen am Orinoco. „Südamerika wäre auch für westliche Firmen ein wichtiger Markt“, sagt HSH-Analystin-Diek. Doch sie kommen wie in Venezuela mit den links gerichteten Regierungen nicht zurecht. Lediglich in Brasilien, das enorme Vorkommen in der Tiefsee entdeckt hat, sind europäische Firmen wie die spanische Repsol oder British Gas dabei.

Viele Staatskonzerne speziell in der arabischen Welt hegen ebenso wenig Interesse, westliche Firmen in ihr Land zu lassen. Die Ausbeutung in Saudi-Arabien, Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten (Nummern 1, 4 und 7 der Welt) funktioniert seit Jahrzehnten auch ohne nennenswerte westliche Beteiligung. Einzelne Lizenzen sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Das gilt zwar grundsätzlich auch für China. Doch das Riesenreich sei bereit, „alles einzukaufen, was es bekommen kann“, sagt Commerzbank-Analyst Weinberg. Das Land muss die Hälfte seiner Ölnachfrage über den Import decken. Die Abhängigkeit von auswärtigem Öl wird noch weiter wachsen. „China ist das einzige Land unter den Großverbrauchern, dessen Ölbedarf auch 2009 zugelegt hat.“

Chinesische Unternehmen folgen dem Willen des Staats. Alles wird der Versorgungssicherheit untergeordnet, auch die Preispolitik. „Bei den privaten westlichen Ölgesellschaften steht dagegen die Profitabilität an erster Stelle.“ Und die hat in den letzten Quartalen wegen des Nachfrage- und Preiseinbruchs kräftig gelitten. Insbesondere mittelgroße Ölfirmen haben ihre Investi­tionen zurückgefahren, um die Gewinne nicht noch weiter zu schmälern. Nur Schwergewichte wie ExxonMobil, BP und Shell halten an ihrer Investitionspolitik fest. Das ist auch notwendig, da die eigenen Reserven schwinden oder zum Teil in teuer zu erschließenden und ökologisch sensiblen Lagerstätten wie den kanadischen Ölsanden oder der Tiefsee im Golf von Mexiko liegen. „Die westlichen Ölkonzerne könnten überall dabei sein, wenn sie bereit wären, den entsprechenden Preis zu bezahlen.“ Diese Erkenntnis scheint sich auch bei ExxonMobil und anderen US-Konzernen wie Chevron durchzusetzen, die im Irak trotz schwacher Marge mitbieten. Kämen sie im Staat an Euphrat und Tigris nicht zum Zuge, wäre die Invasion des George W. Bush für die USA auch wirtschaftlich ein Desaster gewesen.

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