finanzen.net

03.10.2004 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 40/04

Senden

Klepper AG Kleine Schlachtschiffe

Out of Rosenheim: Die bayerische Firma Klepper baut nicht nur seit fast 100 Jahren Faltboote, sie legt sich auch mit der französischen Armee an

von Carl Batisweiler

Die Aufregung war groß, das Fernsehen berichtete sogar in den Abendnachrichten, und so mancher Franzose fürchtet eine Staatsaffäre mit der EU. Schließlich geht es um die Unabhängigkeit der Armee, den Stolz der Grande Nation. Der Anlaß des Politikums ist auf den ersten Blick eher putzig: ein Auftrag für 27 Kampf-Kajaks - ja, so etwas gibt es. Frankreichs Militär hatte die bayerische Klepper-Werft bei einer europaweiten Ausschreibung für die Schiffchen ausgebootet. Zwar geht es nur um 150000 Euro. Doch die Bayern schalteten auf stur und legten sich in Berlin und Brüssel ordentlich in die Riemen -Êinzwischen haben sie wieder Oberwasser.

Besondere Brisanz hat die Geschichte für die Franzosen, weil es sich um eine der ersten öffentlichen Ausschreibungen für Geräte zur Landesverteidigung überhaupt handelt. Klepper-Chef Henning Isbruch: "Wir hatten uns beste Chancen ausgerechnet, schließlich beliefern wir seit langem die US-Armee, die Kanadier, aber auch Einheiten wie die deutsche GSG 9."

Aus Paris kamen nach anfänglicher Begeisterung bei Prototypen-Tests jedoch bald Querschläger. Der Auftrag wurde schließlich im Juni storniert und an den bisherigen Exklusivlieferanten der Franzosen, Nautiraid, vergeben.

Isbruch ist überzeugt, daß die plötzliche Stornierung erst durch persönliche Intervention von Nautiraid-Boß Philippe Guyot bei den Streitkräften zustande kam: "Seine Boote erfüllen nur eines von zehn Kriterien, unsere alle." Verärgert wandten sich die Bayern an EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti und seinen Kollegen Frits Bolkestein. Die EU-Offiziellen wanden sich anfangs erst mal aus der Verantwortung: "Diese (EU-)Richtlinie regelt nur die Vergabe, nicht aber die Annullierung von öffentlichen Aufträgen."

Ein Politikum blieb das französische Umschiffen des EU-Rechts dennoch. So setzte sich sogar das deutsche Wirtschaftsministerium für Klepper ein. Isbruch: "Die Existenz der Firma hängt nicht von diesem Auftrag ab, aber man muß sich nicht alles gefallen lassen."

Den Löwenanteil vom Umsatz machen freilich zivile Boote aus. Und da will Klepper expandieren. Denn mit dem Outdoor-Boom kam auch das

Interesse an den Klassikern aus Rosenheim zurück. Fast 100 Jahre ist es her, daß der Schneidermeister Johann Klepper in seinem Speicher die ersten Boote nach dem Vorbild der Eskimos - aus Leinenhaut mit Holzgestell - zuschnitt. Schon bald nach dem ersten Weltkrieg wurden die Klepper-Kajaks zum Volksboot. In Scharen zog es die Menschen in die Natur. Die Faltboote -stabil, leicht und zusammengelegt einfach zu transportieren - paßten dafür ideal.

Dazu kam der internationale Ruhm. Roald Amundson nahm 1926 ein Klepper-Boot mit zum Nordpol. Der badische Kapitän Franz Romer paddelte 1931 mit einem Klepper sogar in 72 Tagen über den Atlantik, bis er in der Karibik in einem Wirbelsturm verschwand. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten die Bayern neben Faltbooten den berühmten Klepper-Mantel, aber auch Zelte oder Wohnwagen und Segelboote her. Sogar auf der Surfwelle schwammen sie mit. Die Blütezeit des Familienbetriebs mit bis zu 3000 Angestellten war aber schon in den 60er Jahren zu Ende.

1981 kaufte der ehemalige Thyssen-Vorstand Hermann Walther die Werft, als Herausforderung für den Ruhestand. Finanzieren sollte das die Commerzbank, doch der damalige Filialleiter lehnte ab. "Zu verrückt, zu unsicher" kam ihm das Geschäft mit dem Paddelzeug vor. Walther bekam den Kredit doch noch. Als er 1995 starb, gab es sofort einen Kaufinteressenten: Den heute 56jährigen Unternehmensberater Henning Isbruch. Der hatte nicht nur eine Banker-Karriere hinter sich, sondern kannte auch Klepper -von einer Fehlentscheidung 14 Jahre zuvor.

Die Boote out of Rosenheim verkaufen sich nun wieder weltweit. Schließlich gelten ihre Vorzüge auch heute noch. Alle großen Fluglinien nehmen die in zwei Säcken verstaubaren Kajaks als Sportgepäck mit, jüngere Abenteurer fuhren mit Kleppern durch die Magellanstraße oder umrundeten Kap Horn im Winter. Nach dem alten Prinzip wurden neue Boote entwickelt. Für Familien, für Sportler, für Expeditionen oder eben für die Nato.

Neuentwicklungen und Expansion sind freilich teuer. Deshalb sollte die Klepper AG schon im Jahr 2000 an die Börse. Doch mit dem Platzen der New-Economy-Blase ging die mit dem IPO beauftragte Firma in die Insolvenz. Seither werden die Anteile außerbörslich gehandelt (siehe Kasten). Für einen wirklichen Börsengang ist Klepper zu klein.

In ihrer Nische hat die Firma durchaus Wachstumsphantasie. "Wir haben weltweit 68 Prozent Marktanteil", sagt Isbruch. "Unsere 20 festen Mitarbeiter haben flexible Arbeitszeiten bei einer 40-Stunden-Woche. Bei Großaufträgen können wir mit freien Mitarbeitern im Zwei-Schicht-Betrieb fertigen." Die besten Chancen sieht er in den USA, wo er derzeit den Vertrieb ausbaut. "Das ist der größte und erfolgreichste Markt." Vorstellbar sei auch Lizenzfertigung.

Konkurrenten für Klepper gibt es in den USA, Rußland und - ausgerechnet - in Deutschland. Die ehemalige VEB Favorit Taucha aus Sachsen-Anhalt, die schon in der DDR die Klepper-Boote mit billigeren Materialien nachahmte, firmiert heute unter dem Namen Pouch.

Wer als Aktionär bei Klepper an Bord will, sollte sich der Risiken in so einem engen Markt und der Besonderheiten der privatplazierten Aktien bewußt sein. Andererseits hat Klepper in der fast 100jährigen Geschichte schon viele Stürme überstanden. Das Militär ist mit 15 Prozent der Produktion ein treuer Kunde. So überlegt die HDW-Werft, neue U-Boote mit Tochterschiffen aus Bayern auszurüsten. Die nämlich sind so stabil, daß sie sogar aus Torpedorohren geschossen werden können. Und auch die Franzosen haben noch eine Chance: Sie haben den Auftrag noch mal neu ausgeschrieben.

Die Klepper-Aktie Dividendenpapier nur für Liebhaber

Bei einem Umsatz von rund 1,7 Millionen Euro betrug das operative Ergebnis von Klepper im vergangenen Jahr gut 100000 Euro. 2002 hatte Klepper Boote für zwei Millionen Euro verkauft, wegen der damals noch höheren Personalkosten lag der operative Gewinn nur bei 18000 Euro. Im laufenden Jahr will Klepper beide Vorjahreswerte übertreffen.

Die Aktie der Klepper AG (WKN 605194) sind nur über eine Privat-Emission zu haben. Der Haupteigentümer -Êdie Familie Isbruch - verkauft die Papiere seit 2002 selbst. Zwar ist ein Börsengang weiterhin geplant, eventuell in ein Segment für Kleinwerte, an dem die Bayerische Börse arbeitet. Doch noch gibt es keinen liquiden Markt für die Anteilsscheine, die Aktionäre tragen also das volle Risiko, wenn sie einen Abnehmer für ihre Aktien suchen. Diesen Nachteil versucht der Emittent durch eine attraktive Mindest-Garantie-Dividende auszugleichen. Beim derzeitigen Preis von 1,70 Euro je Vorzugsaktie entsprechen die aktuellen 14 Cent einer jährlichen Rendite von 8,24 Prozent.

Nach Abschluß der laufenden Kapitalerhöhung werden die Aktien aber vom Wertpapierhandelshaus Valora im Internet gehandelt. Die Ettlinger haben sich auf den außerbörslichen Handel von Wertpapieren spezialisiert. Rund 5000 Aktiengesellschaften in Deutschland sind nicht an Börsen notiert, gut 90 davon nutzen derzeit den Service von Valora. Marketing-Chef Joachim Haas: "Wir stellen keine Kurse, bei uns bestimmen schlicht Angebot und Nachfrage den

Preis ."

finanzen.net Brokerage

Online Brokerage über finanzen.net

Das Beste aus zwei Welten: Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade unmittelbar aus der Informationswelt von finanzen.net!
Zur klassischen Ansicht wechseln
Kontakt - Impressum - Werben - Pressemehr anzeigen
Top News
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Bitcoin
Goldpreis
Meistgesucht
Saint-Gobain S.A. (Compagnie de Saint-Gobain)872087
Deutsche Bank AG514000
Daimler AG710000
Amazon906866
CommerzbankCBK100
Apple Inc.865985
BASFBASF11
Wirecard AG747206
TeslaA1CX3T
Aurora Cannabis IncA12GS7
Volkswagen (VW) AG Vz.766403
Deutsche Telekom AG555750
Steinhoff International N.V.A14XB9
BayerBAY001
Allianz840400