28.11.1999 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 48/99

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Die Papp-Masche

"Der ehemalige Lehrer Klaus Hünig machte mit den Sonnenfinsternisbrillen das ganz große Geschäft. Nun kommt die Millenniumsbrille für das Silvester-Feuerwerk 1999 in die Läden. Gelassen sitzt Klaus Hünig am Küchentisch und versucht gar nicht erst, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen: ""Seh’ ich etwa aus wie ein Millionär?"" Sicher, in den Medien war von Summen um die 20 Millionen Mark die Rede. ""Reine Erfindung!"", sagt der 54-jährige Würzburger. So viel Gewinn hätten ihm die rund 17 Millionen Sonnenfinsternisbrillen, die in den Wochen vor dem Jahrhundert-Spektakel im vergangenen August verkauft wurden, nicht eingebracht. Einen Betrag in einstelliger Millionenhöhe räumt Hünig aber doch ein – ""vor Steuern"", wie er ausdrücklich betont. Bei einem Einstandspreis für den Einzelhandel zwischen einer und zwei Mark, relativ geringen Herstellungskosten und einem Ladenpreis von etwa fünf Mark dürfte diese Summe sicher nicht übertrieben sein. Mit dem Millionärs-Image kann sich Hünig trotzdem nicht so recht anfreunden. Und in der Tat vermittelt er nicht gerade den Eindruck, als sei ihm mit dem Verkauf der Millionen Pappbrillen der Coup seines Lebens gelungen. Dabei ist sein Erfolg fast so etwas wie eine moderne Alchemisten-Geschichte: nicht Gold aus Quecksilber, aber immerhin viel Kohle aus Karton und Silberfolie – das ist ihm gelungen. Und: Eine Tüftlernatur ist er in jedem Fall. Dazu kommt der richtige Riecher. Als einer der ersten in Deutschland ahnte der Würzburger schon Jahre vor der totalen Sonnenfinsternis, welch riesiger Medienrummel um das Ereignis entstehen würde. Und als begeisterter Hobby-Astronom wusste er, dass das Schauspiel nur mit geeigneter Brille optimal zu beobachten ist. Um Konstellationen am Firmament ging es bei Hünig schon zu einem früheren Zeitpunkt: 1982 musste er in seiner Funktion als Lehrer an der Würzburger Waldorfschule Himmelskunde unterrichten. Doch anhand der Sternbilder in Büchern konnte er kein einziges Pendant am nächtlichen Firmament identifizieren. ""So bastelte ich zur Orientierung eine Art kleines Planetarium."" Auf stabilem Karton waren alle Sternbilder aufgedruckt. Die Pappbögen ließen sich durch Ausschneiden von Segmenten ""wie die Sücke einer Orangenschale"" zu einer dreidimensionalen Kuppel-Stern-Karte aneinanderfügen. ""Federleicht und ganz stabil"", sagt der Erfinder, der bald einsah, dass es schade wäre, dieses Modell nur in seiner Schule zu verwenden. Zumal sich diese auf Grund fehlender staatlicher Zuschüsse in großen finanziellen Schwierigkeiten befand. Mit der Bitte um freundliche Beachtung schickte er den Kartonbausatz an einige deutsche Zeitschriften. Der ""Spiegel"" berichtete über das Papp-Planetarium und nannte die Adresse des Herstellers. Fazit: ""Die Leute haben bestellt wie verrückt."" Rund 3000 Bausätze konnte der Lehrer verkaufen, fast 39000 Mark kamen dabei für die Schule zusammen. Das umfangreiche Adressenmaterial von Interessenten konnte Hünig später geschickt nutzen. Jedes Jahr verschickte er einen Katalog mit den neuesten Produkten seines Verlages Astromedia, den er Anfang der 80er-Jahre gegründet hatte. Das Geschäft mit den Himmelsartikeln prosperierte. Rund 60000 Mark Jahresumsatz machte das Familien-Unternehmen in jenem Jahrzehnt – mit deutlich steigender Tendenz. ""Gemessen am heutigen Umsatz war das trotzdem so etwas wie eine Nebenerwerbslandwirtschaft"", sagt Hünig schmunzelnd. Er gab schließlich den finanziellen Teil des Verlages ab und wirkte nur noch als ""Ideengeber"" mit. Anfang der 90er-Jahre übernahm die Familie Hünig jedoch wieder alle Teile des Verlags. Den Anstoß zur Entwicklung der Sofi-Brille erhielt der Tüftler durch die partielle Sonnenfinsternis am 12. Oktober 1996 in Deutschland. Rechtzeitig vor dem Ereignis ergriff er die Initiative: ""Ich ließ eine Kartonbrille herstellen und fand einen Folien-Lieferanten, der bereits langjährige Erfahrung mit Sonnenfilterfolien für die Objektive von Spiegelteleskopen hatte."" In bereits bewährter Manier schickte Hünig den Bastelbausatz aus Folie und Kartonbrille an die großen Illustrierten. Mit durchschlagendem Erfolg: Rund 20000 Bausätze wurden 1996 verkauft, das machte annähernd 100000 Mark Umsatz. Aus heutiger Sicht wirken diese Aktionen wie Vorgeplänkel zum ganz großen Brillen-Countdown 1999. Aus historischen Berichten wusste Hünig, dass eine totale Sonnenfinsternis ein tief bewegendes Erlebnis ist – und ein medienwirksames dazu. Der Hobby-Astronom ließ sich zunächst einen Gebrauchsmusterschutz für die Brille beim Deutschen Patentamt geben. ""Dieser kostet im Gegensatz zum Patent, für das schnell einmal 1000 bis 10000 Mark fällig sind, nur 50 Mark."" Ein weiterer kluger Schachzug des Würzburgers war die Kooperation mit der Firma Zeiss. ""Mit deren Fimenlogo auf der Brille konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen."" Doch auch für einen Notfall sorgte er vor. Denn: Anfang Juli saß er noch auf 2,5 Millionen unverkaufter Brillen. Um sein Risiko zu verringern, machte er mit seinen Geschäftspartnern einen Deal. Für jede nicht verkaufte Brille sollten diese ihm 20 Pfennig zahlen, für jede verkaufte würde er denselben Betrag an die Partner überweisen. ""Zum Schluss habe ich dann ordentliche Summen ausgezahlt"", grinst Hünig. Er hat gut lachen. Denn mit der Millenniumsbrille ist das nächste Millionending schon im Kasten. Durch die spezielle Folie der Brille sieht man alle Lichter neunfach gespiegelt und in Regenbogenfarben. ""Das Produkt ist ohne jede Werbung ein gigantischer Selbstläufer. Wir haben bis jetzt bereits weit über eine Million Stück verkauft."" So kommt auch hier wieder eine ordentliche Summe zusammen. Was macht er denn mit dem vielen Geld? ""Ein Teil fließt in die Altersvorsorge für meine Frau und mich. Dann haben wir uns noch einen lang gehegten Wunsch erfüllt und ein Wochenendhaus in der Rhön gekauft. Alles, was über unseren persönlichen Bedarf hinausgeht, werden wir für gemeinnützige Zwecke, fast ausschließlich Schulprojekte in der dritten Welt, spenden."" Ein Beitrag, der ebenfalls im siebenstelligen Bereich liege. Klingt das nicht eine Spur zu sozial? ""Überhaupt nicht"", findet Hünig. ""Wir machen das ganz bewusst."" Und er verweist zur Begründung auf Goethes Mephisto: Schon der habe gewusst, dass nichts den Menschen so schnell und nachhaltig korrumpierbar mache wie sehr viel Geld. "

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