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01.06.2008 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 22/08

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Mit Nebenwirkungen

Mit Beitragsrückgewähr- oder Selbstbehalttarifen können Mitglieder gesetzlicher Kassen sparen – aber nur, so lange sie gesund sind. Nicht die einzige Falle im neuen Tarif-Dickicht.

von Uwe Schmidt-Kasparek

Verzweifelt kämpfen Krankenkassen um eine bessere Startposition ins Jahr 2009, wenn die Gesundheitsreform richtig greift. Wer mit dem dann bundesweit einheitlichen Beitragssatz nicht auskommt, muss einen Zuschlag verlangen. Was die Kunden aus teuren Tarifen treiben wird. Kein Wunder, dass einige Kassen versuchen, Mitglieder langfristig zu binden. Manchen ist dabei jedes Mittel recht.

So hat derzeit die Securvita Ärger mit dem Bundesversicherungsamt (BVA). Die Bonner Behörde verlangt, dass die kleine Betriebskrankenkasse aus Hamburg öffentlich klarstellt, dass ein neuer Wahltarif gar nicht angeboten werden darf. Die Securvita hatte einen Tarif mit Selbstbeteiligung groß angekündigt, bei dem der Kunde gar kein Risiko trägt, da maximaler Selbstbehalt und garantierter Vorteil gleich hoch sind. Als „das fairste Angebot am Markt“ rühmte die Kasse ihr Modell. Doch damit kam sie bei der Aufsicht nicht durch. Das BVA versagte die Genehmigung des Tarifs, eben weil das ganze Risiko bei der Kasse liegt. „Wir haben die Kasse aufgefordert, in der nächsten Mitgliederzeitschrift eine Klarstellung zu veröffentlichen“, sagt BVA-Pressesprecher Theo Eberenz. Andernfalls würde die Kasse dazu gezwungen. Gleichzeitig haben Versicherte der Securvita, die wegen des Tarifs Mitglied der Kasse geworden sind, ein Sonderkündigungsrecht.

Dabei sind die Selbstbehalt- und Beitragsrückgewährtarife nicht per se schlecht. Sie lohnen sich aber nur für Gesunde. All diese Tarife basieren auf dem Prinzip: Wer nicht krank wird, erhält Geld zurück. Doch wer erkrankt, zahlt unter Umständen drauf. Und: Während Versicherte normalerweise nur 18 Monate an die Kasse gebunden sind, kommt man aus Wahltarifen mit Selbstbehalt oder Beitragsrückgewähr frühestens nach drei Jahren raus.

Daher: Angebote genau prüfen. Teilweise können Selbstbehalt- und Beitragsrückgewährtarife sogar kombiniert werden. Interessierte sollten besonders auf die maximal mögliche Mehrbelastung achten, die sich aus der Selbstbeteiligung ergibt (siehe Tabelle). Zudem gibt es Unterschiede bei kostenlos mitversicherten Angehörigen. Bei einigen Kassen dürfen diese ärztliche Leistungen in Anspruch nehmen, ohne dass Beitragsrückgewähr gefährdet oder Selbstbehalt fällig werden, bei anderen nicht. Wieder andere beschränken dies auf minderjährige Kinder.

Grundsätzlich am besten: die Kombination von Selbstbehalt- und Rückgewährtarif. Wer etwa bei der Betriebskrankenkasse (BKK) BIG diese Kombi wählt, kann bei 30.000 Euro Jahreseinkommen jährlich 643 Euro sparen – vorausgesetzt, er bleibt gesund. Muss der Versicherte dagegen zum Arzt, zahlt er bis zu 400 Euro mehr als im Normaltarif. Beitragsrückgewährtarife sind dagegen ohne Risiko. Hier wird Kunden, die nicht wegen Krankheit zum Arzt gehen, meist ein Monatsbeitrag vergütet. Ärztliche Vorsorgeuntersuchungen gefährden Selbstbeteiligung oder die Rückgewähr nicht.

Die finanziellen Risiken dieser Spezialtarife werden aber nicht immer klar benannt. So wirbt die BKK Goetze & Partner mit ihren „Erstattungstarifen Privat 1 und 2“, die Versicherten könnten so gegenüber Ärzten, Dentisten und Krankenhäusern als Privatpatienten auftreten. Die Wünsche der Kunden sei der Geburtshelfer des zweiten Tarifs gewesen, der es ermöglicht, nur einen Teilbereich, also etwa stationäre oder ambulante Leistungen, zu wählen.

Tatsächlich handelt es sich aber bei beiden Angeboten gar nicht um einen Wahltarif, sondern um das für jeden geltende neue Recht, wie ein Privatpatient per Rechnung zu zahlen. Die Kasse erstattet dann dem Patienten die Kosten, die sie auch sonst übernehmen würde. Dass diese Kostenerstattung gefährlich sein kann, erfährt der Versicherte kaum. „Eventuelle Mehrkosten gehen zu Ihren Lasten“, heißt es lapidar. Tatsächlich muss der Kunde aber immer zuzahlen – und zwar kräftig. Das können pro Rechnung 40 bis 60 Prozent des Gesamtbetrags sein.

Grundsätzlich gibt es zwei Gruppen von Wahltarifen. Zum einen solche mit dreijähriger Bindung: Neben Selbstbehalt- und Rückgewährtarifen bieten einige wenige Kassen hier auch Kostenerstattung für bessere Unterbringung im Krankenhaus oder private ambulante Behandlungen. Doch dieser Schutz ist lücken­haft, der Abschluss einer privaten Zusatzpolice geboten (siehe €uro am Sonntag vom 27.4.2008). Lückenhaft ist auch der Schutz bei Wahltarifen für Naturheilpräparate. Wer etwa bei der Vereinigten IKK in diesen Tarif geht und sich drei Jahre bindet, erhält pro Jahr maximal 200 Euro Zuschuss zu Rezeptgebühren. Das kostet 120 Euro Beitrag. Unter dem Strich beträgt der Zuschuss also höchstens 80 Euro. Bei der Techniker Krankenkasse sind es 100 und bei der Knappschaft 120 Euro. Lediglich die bundesweit aktive IKK Hamburg zahlt für Naturheilmittel tatsächlich bis zu 400 Euro.

Daneben gibt es auch Wahltarife ohne dreijährige Bindungsfrist. Bei diesen können Patienten etwa an Programmen für chronisch Kranke teilnehmen oder sich in spezielle Ärztenetze einschreiben. Wer gesund ist und sparen will, kann einen Selbstbehalt- oder Rückgewährtarif wählen. Das lohnt sich auch noch, wenn es ab 2009 nur noch einen einheitlichen Beitragssatz gibt.

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