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02.12.2009 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 48/09

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Mit Macht an die Weltspitze

Solartechnikfirmen aus China bringen die deutschen Hersteller zunehmend in Bedrängnis. Wo Investoren jetzt einsteigen, warum auch deutsche Maschinenbauer profitieren
von Oliver Ristau, China

In China gibt es Städte, in denen mehr als zehn Millionen Menschen leben, und dennoch sind sie in Deutschland völlig unbekannt. Eine davon ist Baoding in der chinesischen Provinz Hebei, rund 100 Kilometer südöstlich von Peking. Jeden Morgen machen sich in Baoding Tausende Einwohner mit Bussen, Fahrrädern und Mofas auf den Weg zum Stadtrand, zur Fabrik der Yingli Green Energy Holding. Nach einer gemeinsamen Frühschicht in der Kampfkunst Tai-Chi beginnt die Arbeit für das große Ziel: einen der größten Solarhersteller der Welt zu erschaffen.

Auf diesem Weg ist Yingli bisher gut vorangekommen. Im laufenden Jahr soll die Fertigung von Solarstrommodulen von 282 Megawatt (MW) auf 490 MW steigen. Bei einem erwarteten Gesamtvolumen der internationalen Solarbranche von 6000 MW sind dies gut acht Prozent Marktanteil. Deutschlands Unternehmen haben dagegen allein schon Proble­- me, ihre Absätze nur zu halten.

Wegen mangelnder Nachfrage drosselte die Berliner Solon AG ihre Fertigung in den ersten neun Monaten um 40 Prozent auf 75 MW. Zellspezialist Q-Cells reduzierte den Output um sechs Prozent auf 390 MW. Lediglich Deutschlands Marktführer Solarworld dürfte seinen Zellabsatz im Gesamtjahr um bis zu 30 Prozent auf über 250 MW steigern, gleichzeitig werden die Modulkapazitäten massiv ausgebaut.

Nach einer Statistik des briti­schen Solardiensts Solarbuzz zählten 2008 mit JA Solar, Suntech und Yingli drei chinesische Firmen zu den Top Ten der internationalen Solarzellenindustrie. Diese Dominanz wird dieses Jahr dank des Preiskampfs der Chinesen weiter zunehmen. Nach Auskunft des Londoner Projektentwicklers Solar Century, der für seine Solarkraftwerke Yingli-Module ordert, liegt der Preis etwa um 20 Prozent unter dem des japanischen Wettbewerbers Sharp.

Deutsche Konkurrenten werfen den Chinesen deshalb gern Dumping und schlechte Qualität vor. In der Tat misstrauen offenbar viele Handwerker und Installateure der China-Ware. „Einheimische Produkte sind im Vorteil“, sagt Bernd Dechert vom Zentral­verband des Deutschen Elekt­rohandwerks. „Die Anlagen laufen 20 Jahre. Wenn die Qualität nicht stimmt, ist das für den Elektroins­tallateur geschäftsschädigend.“
Doch diese Vorbehalte könnten bald der Vergangenheit angehören. So hat Yingli sich den deutschen TÜV ins Boot geholt, der die Leistung der Yingli-Module prüft – und ihnen sehr gute Qualität bestätigt. Ähn­liche Anforderungen seien im Rahmen einer Prüfung von über 1000 am Markt erhältlichen Modulen nur bei der Hälfte erfüllt worden, sagt Willi Vaasen vom TÜV Rheinland.

Bei den Kosten profitieren die chinesischen Solarfirmen von niedrigen Löhnen. „Die Lohnquote beträgt bei uns sechs bis sieben Prozent“, sagt Yingli-Europa-Chef Stuart Brannigan. Die Zahl enthalte auch die Managementgehälter au­ßerhalb Chinas, versichert der frühere Phoenix-Solar-Manager. Bei Q-Cells lag die Personalkostenquote in den ersten neun Monaten 2009 ­dagegen bei 11,7 Prozent, bei Solarworld bei 9,8 Prozent. Die 3000 Beschäftigten in Baoding verdienen durchschnittlich 3000 Yuan im Monat – umgerechnet rund 300 Euro. Damit kann sich Yingli eine personalintensivere Produktion leisten. Während der Solar-World-Konzern rund 2700 Arbeitskräfte unter Vertrag hat, sind es bei Yingli weltweit mehr als doppelt so viele.

Die sind insbesondere in der ­Modulfertigung nicht zu übersehen. Voll automatisierte Roboter sind Mangelware. Stattdessen legen die Chinesen selbst Hand an. So werden die Solarzellen für die Weiterverarbeitung in Kisten zum nächsten Produktionsort geschleppt – und nicht vollautomatisch über Fließbänder weitertransportiert. Einzelne Zellbänder – sogenannte Strings – werden noch mit Hand und nicht von hochmodernen Maschinen verlötet. Und da, wo Maschinen eingesetzt werden, entsprechen sie nicht dem neuesten Stand der Technik.

Das gilt allerdings nur in der relativ wertschöpfungsschwachen Modulproduktion. In den höherwertigen vorgelagerten Produktionsschritten wie der Solarwafer- und Solarzell­fertigung sieht das anders aus. Dort dominieren moderne Maschinen aus den USA und Deutschland. So kann sich die Effizienz der Yingli-Fertigung in diesem Bereich durchaus sehen lassen. Geringe Bruchraten und überdurchschnittlich dünne Wafer reduzieren den ­Siliziumbedarf pro Watt auf sechs Gramm – einen branchenweit starken Wert.

Der deutsche Zellspezialist Q-Cells hat andere Probleme. Wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit mussten die Thalheimer mehrere Produktionslinien in Deutschland stilllegen und deshalb mehr als 50 Millionen Euro außerordentlich abschreiben. In der neuen Fertigung in Malaysia sind die Kosten nach eigenen Angaben um 30 Prozent geringer. Neben den niedrigeren Arbeitskosten liegt das vor allem an dem ­moderneren Maschinenpark. Ohnehin sind die Maschinenbauer die heimlichen Profiteure des solaren Aufschwungs in China. So ­verdankt die sächsische Roth & Rau 60 Prozent ihrer im laufenden Jahr eingegangenen Maschinenbestellungen Aufträgen aus Asien, vor allem aus China. Auch Manz Automation und Centrotherm zählen zu Yinglis Lieferanten.

Für das kommende Jahr können Deutschlands Maschinisten weiter auf China bauen. „Wir werden für die Expansion unserer Kapazitäten auf 1000 Megawatt Maschinen in Deutschland und Europa einkaufen“, kündigte Yingli-Chef Liansheng Miao gegenüber €uro am Sonntag an. Er widersprach zugleich den Dumpingvorwürfen, die SolarWorld, Q-Cells oder Conergy zuletzt gemacht hatten. „Wir bekommen keinerlei staatliche Hilfen. Das müssten wir als börsennotiertes Unternehmen ­offenlegen.“ Allerdings profitiert Yingli wegen der massiven Verkäufe im Euroraum wie alle chinesischen Hersteller von der Aufwertung des Euro gegenüber dem Yuan. Mit 72 Millionen Yuan (rund 7,3 Millionen Euro) sorgten die Währungseffekte im dritten Quartal für rund ein Drittel des Bruttogewinns. China-Kenner verweisen außerdem auf günstige Pachten für Grund und Boden. Die in den Berichten ausgewiesenen Steu­erquoten sind dagegen nicht niedriger als beim Wettbewerb.

Ob Yingli seine Kostenvorteile in Zukunft in vollem Umfang aufrechterhalten kann und will, ist fraglich. „Preiserhöhungen zum ersten Quartal 2010 sind möglich“, sagt Finanzvorstand Bryan Li. Hintergrund ist die derzeit enorm starke weltweite Nachfrage. Hinzu kommt, dass Yingli 2010 die Produktion des Rohstoffs Silizium in einer neuen, 350 Millionen Dollar teuren Fabrik aufnehmen und in diesem Bereich zunächst Verluste einfahren wird. „Wir rechnen mit Gewinnen ab 2011“, sagt Li. Das gilt aber nur für den Fall, dass es Yingli gelingt, den Rohstoff für 25 Dollar je Kilogramm zu produzieren. Aktuell liegt der Siliziumpreis am Spotmarkt bei 55 bis 60 Dollar. Mit dem Einstieg in die kapitalintensive Rohstoffproduktion hat Yingli ein Risiko auf sich genommen, das heimische Wettbewerber wie JA Solar, Suntech Power und Trina Solar nicht haben. Sie sind ausnahmslos in der standardisierten Zell- und Modulfertigung aktiv und kaufen Wafer und Vorprodukte ein. Suntech ist der weltweit größte Modulproduzent und erwartet einen Absatz von mehr als 640 MW im laufenden Jahr. Die aggressive Preispolitik macht sich sowohl bei Suntech als auch bei JA Solar durch niedrigere Gewinne im dritten Quartal bemerkbar. Yingli setzt dagegen auf Voll­integration. Miao und Li wollen vom Rohstoff Silizium bis zum fertigen Modul alle Produktionsprozesse besetzen, um überall Qualität und Kosten kontrollieren zu können. Der Vertrieb an Endkunden gehöre bewusst nicht dazu, um den eigenen Kunden aus Handel und Projektentwicklern nicht Konkurrenz zu machen. Nicht nur damit ähnelt Yingli sehr der SolarWorld AG, dem einzigen ebenfalls voll integrierten deutschen Solar­unternehmen. Auch beim Thema soziale Ver­antwortung präsentieren sich die Chinesen – ähnlich wie Deutschlands Flaggschiff – als verantwortungsbewusste Gutmenschen. So setzt sich Yingli öffentlichkeitswirksam für Elektrifizierungsprojekte in Entwick­lungsländern ein, um sich dadurch einen Namen zu machen. Auch außerhalb von Baoding.

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