finanzen.net

27.06.2009 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 26/09

Senden

Comeback der Kraftprotze

Vom Anstieg der Energiepreise haben die großen Ölkonzerne kaum profitiert. Daher trauen Experten Exxon, Shell und BP noch Kurssteigerungen zu.
von Oliver Ristau

José Maria Botelho de Vascon­celos kennt die Probleme der OPEC. Als Ölminister Angolas weiß er, dass ein Barrel des Schmierstoffs in diesem Jahr durchschnittlich 55 Dollar bringen muss, um den Staatshaushalt seines Heimatlands zu finanzieren. Tatsächlich lag der Durchschnittspreis des Kartells für Rohöl nach Berechnung des Mineralölwirtschaftsverbands aus Berlin im ersten Halbjahr trotz der jüngsten Rally nur bei gut 50 Dollar je Fass.
Kein Wunder also, dass Vasconcelos in seiner Eigenschaft als OPEC-Präsident gegenüber EU-Ministern Mitte der Woche einen Preis von 80 Dollar als vernünftig nannte. Erst ab diesem Niveau, so seine Argumentation, rechneten sich die nötigen Investitionen in neue Ölfelder. Das ist mehr als Propaganda oder Wunschdenken. In der Tat halten nationale Ölgesellschaften wie in Venezuela kostspielige Erschließungsprojekte wegen klammer Staatskassen zurück. Und auch bei den privaten Gesellschaften sind die Manager vorsichtiger geworden. „Angesichts niedriger Ölpreise und schleppender Nachfrage fahren die Unternehmen Kapazitäten und Investitionen zurück“, sagt Florian Schirmer von der Berenberg Bank.

Springen aber Konjunktur und damit der weltweite Öldurst wieder an, „werden neue Ölquellen erst mit spürbarer zeitlicher Verzögerung zur Verfügung stehen“. So rechnet der französische Konzern Total damit, dass das Ölangebot der Welt im Jahr 2015 um vier Millionen Barrel pro Tag geringer ausfallen wird als ursprünglich von den Förderern geplant. Das entspricht immerhin vier Prozent der weltweiten Nachfrage. „Die fehlenden Investments führen langfristig zu strukturellen Prob­lemen bei der Ölversorgung, sodass bei einer Konjunkturerholung die Preise anziehen werden“, erwartet Pierre Martin, Fondsmanager der Deutsche-Bank-Tochter DWS. Auch kurzfristig sei der Ölpreis „gut unterstützt“, vor allem weil die OPEC sich anders als in früheren Jahren an die selbst auferlegte Drosselung der Produktion hält. So hat das Kartell Ende vergangenen Jahres eine Förderkürzung von 4,2 Millionen Barrel auf 24,8 Millionen Fässer pro Tag beschlossen und setzt davon auch rund 80 Prozent um.

Die schwache Nachfrage in den ­Industrienationen wird zudem durch den wachsenden Verbrauch in den Schwellenländern fast kompensiert. So haben China und Co laut BP 2008 erstmals mehr Öl verbraucht als alle Industrienationen zusammen. „Das ist nicht nur ein vorübergehendes Phänomen, sondern wird sich noch weiter ausprägen“, schätzt BP-Chef Tony Hayward. Alle diese Faktoren sprechen trotz Konjunkturpessimismus tendenziell gegen einen erneuten Einbruch der Ölpreise. Davon sollten nun insbesondere die großen privaten Ölkonzerne profitieren. „Deren Gewinne könnten im zweiten Quartal wieder deutlich höher ausfallen als noch in den ersten drei Monaten“, erwartet der DWS-Manager.

Das liegt insbesondere am Up–stream-Geschäft, also der Förderung des Öls aus eigenen Quellen. Jeder Dollar, den ein Fass Rohöl an den Börsen zusätzlich bringt, schlägt sich im Upstream-Ergebnis der Multis positiv nieder. Zwar entwickeln sich die Margen bei der Weiterverarbeitung (Downstream) wegen der niedrigen Nachfrage eher schlecht. Dafür waren Shell, BP, Exxon und Total im zweiten Quartal wieder in der Lage, an den Tankstellen höhere Preise durchzusetzen und die Gewinne zu erhöhen.

Dennoch hinken die Kurse der großen integrierten Ölgesellschaften der Entwicklung an den Ölmärkten komplett hinterher. Während sich ein Fass der Nordseesorte Brent seit Jahresbeginn um mehr als 65 Prozent verteuerte, zählen die Aktien des britischen Öl- und Gasriesen BP mit einem Plus von vier Prozent noch zu den erfolgreichsten unter den internationalen Ölschwergewichten. Papiere der US-Riesen ExxonMobil und Chevron sackten um jeweils zehn Prozent ab. Auch Shell und Total liegen im Minus. Und das, obwohl alle Titel mit einer soliden Dividendenrendite von fünf bis sieben Prozent aufwarten können. Denn ungeachtet von Gewinneinbrüchen von teils 60 Prozent im ersten Quartal, haben die Konzerne die Ausschüttungen erhöht. So legte die Quartalsdividende bei Shell um fünf Prozent und bei BP um vier Prozent zu. Die Politik hoher Ausschüttungen ist in dem flauen Wirtschaftsumfeld ähnlich wie bei den Stromversorgern strategisch bestimmt. Die Aktionäre sollen auch heute noch von den fetten Jahren der Vergangenheit profitieren.

Online Brokerage über finanzen.net

finanzen.net Brokerage
Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade aus der Informationswelt von finanzen.net!

ETF-Sparplan

Oskar ist der einfache und intelligente ETF-Sparplan. Er übernimmt die ETF-Auswahl, ist steuersmart, transparent und kostengünstig.
Zur klassischen Ansicht wechseln
Kontakt - Impressum - Werben - Pressemehr anzeigen
Top News
Konjunktur/Wirtschaft
03:21 Uhr
Alibaba-Gründer Jack Ma sorgt sich um Europa
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Bitcoin
Goldpreis
Meistgesucht
Deutsche Bank AG514000
Scout24 AGA12DM8
Daimler AG710000
Wirecard AG747206
Amazon906866
Apple Inc.865985
TeslaA1CX3T
SAP SE716460
Allianz840400
BMW AG519000
BayerBAY001
Volkswagen (VW) AG Vz.766403
NEL ASAA0B733
E.ON SEENAG99
BASFBASF11