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05.05.2010 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 18/10

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Revolution auf dem Gasmarkt

Neue Technologien zur Erdgasgewinnung wirbeln die Branche durcheinander.
von Oliver Ristau

Niedersachsen ist nicht Sibirien – weder beim Klima noch beim Rohstoffreichtum. Und doch haben das nördliche Bundesland und die russische Region in Sachen Energie manches gemeinsam. Denn an der Grenze zwischen Niedersachsen und den Niederlanden wird dieser Tage kräftig nach Erdgas gebohrt. Auch wenn die gesuchten Lagerstätten kaum mit den weltweit größten Gasfeldern in Sibirien konkurrieren können, hat die Region nach den Worten von Exxon-Mobils Deutschland-Chef Gernot Kalkoffen die Chance, „zu einem europäischen Zentrum für die Förderung und Versorgung mit unkonventionellem Gas“ aufzusteigen.

Der US-Konzern sucht nach einem Stoff, der in den USA bereits einen wahren Rausch ausgelöst hat. Die Förderung von nicht konventionel­lem Erdgas hat die Versorgungslandschaft im Land des größten Energieverbrauchers drastisch verändert. 2009, so die Erkenntnisse der US-Energiebehörde EIA, haben die USA dank der neuen Ressourcen erstmals Russland als weltgrößter Erdgasproduzent abgelöst. Die USA sind damit kaum noch auf Importe angewiesen – mit weitreichenden Folgen für den weltweiten Erdgasmarkt. Unter nicht konventionellen Gasvorkommen verstehen Geologen fossile Vorräte, die teilweise seit Jahrmillionen in kaum durchlässigem Tiefengestein stecken. Experten sprechen von Erdgas aus dichtem Gestein (Engl.: tight gas) und bei Vorkommen in Ton- und Schwarzschieferschichten speziell von Schiefergas (shale gas). Sie finden sich in einer Tiefe von etwa fünf Kilometern.

Anders als die seit Jahrzehnten erschlossenen, weitaus besser zugänglichen konventionellen Vorräte sind diese Gase schwieriger zu fördern. Dazu muss zunächst das Gestein aufgebrochen werden. Dafür werden die Gesteinsschichten in mehreren Kilometern Tiefe an verschiedenen Stellen gesprengt. Die Förderer müssen zunächst über Tausende Meter senkrecht in die Tiefe bohren und dann immer weiter in horizontaler Richtung abschwenken.

Da die Exploration technisch deutlich aufwendiger ist als die herkömmliche Gasförderung, spielten die unkonventionellen Erdgase nach Auskunft von BP-Chef Tony Hayward noch vor fünf Jahren kaum eine Rolle. Doch insbesondere bei der Technologie der Horizontalbohrungen haben die Explorationsunternehmen erhebliche Fortschritte gemacht. „Die Produktivität der neuen Bohrtechniken ist mittlerweile unglaublich hoch“, hat Energieanalystin Barbara Lamprecht von der Commerzbank beobachtet. „In den USA ist das derzeit die grösste Story am Erdgasmarkt.“ Hayward spricht von einer „Renaissance der Gasförderung“, die die Importabhängigkeit der USA beende. Auf den US-Gasfeldern sei eine „stille Revolution“ im Gange. Laut Nobuo Tanaka, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) aus Paris, stellt „unkonventionelles Gas für Nordamerika fraglos einen Paradigmenwechsel dar mit wahrscheinlich großen Auswirkungen auf den Rest der Welt“. Der Anteil unkonventioneller Quellen an der US-Gasproduktion ist laut IEA von 15 Prozent 1990 auf mittlerweile 50 Prozent gewachsen. 2030 erwartet Tanaka 60 Prozent. Nach Schätzung von BP dürften die weltweit als sicher geltenden Erdgasreserven durch die Neuentdeckungen von unkonventionellen Quellen um 60 Prozent ansteigen und die Gasversorgung der Welt allein für 40 Jahre sichern.

Kein Wunder, dass die großen Ölkonzerne mittlerweile mit Zukäufen und Übernahmen die Gasnachrichten beherrschen. Denn mit den neuen Quellen können sie ihre in den vergangenen Jahren teilweise kräftig geschrumpften Reserven wieder auffrischen und damit ihr Geschäftsmodell langfristig sichern – ein entscheidender Punkt auch im Wettbewerb mit den mächtigen Staatskonzernen aus der arabischen Welt, aus Venezuela oder China.

Dafür greifen die Multis tief in die Tasche. Mitte März nickten die US-Kartellbehörden den bisher größten Übernahmedeal der neuen Gaswelt ab. Exxon Mobil schluckt für rund 41 Milliarden Dollar inklusive Schuldenübernahme den Erdgasrivalen XTO, der als Technologiespezialist für die Förderung unkonventionellen Gases gilt. Auch Wettbewerber wie Shell, BP und die britische BG Group haben sich im großen Stil mit dem Erwerb von Anteilen an US-amerikanischen Feldern ins Geschäft eingekauft.

Nutznießer sind die eher kleineren Entwickler der Gasquellen, die die Projekte in den vergangenen Jahren vorangebracht haben. Dazu zählen die an der Börse notierten Petrohawk Energy, Chesapeake Energy und Southwestern Energy, die an großen Feldern in Texas, Louisiana, Arkansas und Colorado beteiligt sind. An den Erdgasmärkten hat das Engagement den durch die Wirtschaftskrise ausgelösten Preisdruck auf das Erdgas noch erhöht. „Es gibt durch die unkonventionellen Qualitäten ein Überangebot am US-Gasmarkt“, sagt Commerzbank-Analystin Lambrecht. Das setzt die Förderer unter Druck. „Die durchschnittlichen Erschließungskosten liegen laut einer Studie der Interstate Natural Gas Association of America (INGAA) im Durchschnitt bei fünf Dollar je eine Million Btu, variieren aber von Projekt zu Projekt stark.“ Btu (British Thermal Unit) ist eine für Erdgas übliche Wärmeeinheit. Der Preis am US-Spotmarkt für Gas liegt derzeit allerdings mit 4,0 Dollar deutlich darunter.

Die Unternehmen fahren deshalb die Bohrungen deutlich zurück. „Die anziehende Industrienachfrage sorgt aber für eine Aufhellung“, gibt Lambrecht ein wenig Entwarnung. Sie erwartet zum Herbst wieder US-Preise von sechs Dollar je Mio. Btu. Neben den derzeit wenig attraktiven Preisen lasten außerdem mögliche negative Umweltauswirkungen auf der neuen Gasfantasie. Denn für das Aufsprengen des Gesteins bei den Horizontalbohrungen werden große Wassermengen benötigt, die hinterher „belastet sind, aufbereitet und entsorgt werden müssen“, wie BGR-Experte Hilmar Rempel sagt. In den USA droht dies laut Medienberichten zu einem ernsten Problem zu werden, da die Förderunternehmen dem Wasser Chemikalien beimischen, die die Bakterien abtöten sollen, die sich durch die starke Erwärmung des Wassers im Prozess schlagartig vermehren. US-Kongress und Senat erwägen demnach, die Auflagen für Bohrgenehmigungen drastisch zu verschärfen. Explorationsexperten wie Halliburton und Schlumberger arbeiten deshalb mit Hochdruck an Lösungen zur Vermeidung der gefährlichen chemischen Zusätze.

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