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06.06.2009 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 23/09

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Was Profis jetzt kaufen

5000 Punkte – und nun? Kann die Aktienrally weitergehen? Unabhängige Experten geben Einblick in ihre Strategien: Wo sie zugreifen, was sie nicht anfassen.
von Jens Castner

Die 5000-Punkte-Marke ist geknackt – fürs Erste jedenfalls. Doch der Jubel hält sich in Grenzen. Ein Teil des fulminanten Anstiegs, den der DAX im umsatzschwachen Feiertagshandel am Pfingstmontag verzeichnete, ging im Wochenverlauf wieder flöten. Schwache US-Absatzzahlen der Autohersteller brachten die Börsianer auf den Boden der Tatsachen zurück. Noch zu Wochenbeginn waren es vor allem die Autowerte, die für gute Stimmung gesorgt hatten, da die lang erwartete Insolvenz von General Motors (GM) beinahe als Befreiungsschlag gewertet wurde. Doch obwohl GM in erster Linie die nicht mehr zeitgemäße Modellpalette zum Verhängnis wurde, können Daimler, BMW und Co nicht profitieren. Mehr Autos werden eben nur verkauft, wenn die Konjunktur brummt – und davon ist beileibe nicht nur Amerika weit entfernt. Während der DAX seit dem Tief um gut 40 Prozent zugelegt hat, signalisieren die klassischen Konjunkturindikatoren im Moment keineswegs den großen Aufschwung, sondern eher „eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau“, wie Hendrik Leber, Gründer und Vorstand der Frankfurter Vermögensverwaltung Acatis, festgestellt hat.

Spinnt die Börse also? Oder gibt es berechtigte Hoffnungen auf eine Wende im zweiten Halbjahr? Denn nur, wenn sich die wirtschaftliche Lage bessert, werden auch die Gewinne der Unternehmen wieder steigen und die Erholung der Aktienkurse fundamental untermauern. Andernfalls könnte sich das Kursfeuerwerk der zurückliegenden drei Monate als Strohfeuer entpuppen. Wir wollten wissen, wie die Topliga der deutschen Investmentprofis die Lage sieht und wie sie jetzt handelt. Dass dabei bankenunabhängige Vermögensverwalter und Anlageberater wie Hendrik Leber im Mittelpunkt stehen, ist kein Zufall: Das Vertrauen in die Hochfinanz ist nicht nur bei Privatanlegern dahin. Selbst die Bundesregierung fordert (und fördert) inzwischen bankenunabhängige Honorarberatung, um die produkt- und provisionsgetriebenen Vertriebsstrukturen aufzubrechen. Bestsellerautorin Stefanie Kühn etwa coacht Anleger, damit sie zu finanzieller Selbstständigkeit gelangen. Ihr neues Buch „Leben ohne Bankberater“ (erscheint voraussichtlich Ende August) soll dazu einen Beitrag leisten. Und selbst Stiftungen, die in der Regel ein sehr enges Verhältnis zu ihren Banken hegen, schwenken um, wie Monica-Aurea Herodek vom Kieler Institut für Kapitalmarkt (IfK) erklärt: „In den Gesprächen als Kuratoriumsmitglied spüren wir gelegentlich die Unzufriedenheit mit der traditionellen Vermögensverwaltung bei Banken. Ein zunehmender Trend ist die Einbindung einer bankenunabhängigen Meinung.“

Die fünf Experten, die in €uro am Sonntag exklusiv aus dem Nähkästchen plaudern, beraten neben Stiftungen vor allem vermögende Privatkunden – wenn auch nicht immer gleich so prominente wie Howard Carpendale, der Vermögensverwalter Markus Zschaber in seiner Autobiografie erwähnt. Diesem „Typen aus Köln“, schreibt der Schlagerstar, „verdanke ich meine finanzielle Unabhängigkeit.“
Ob die unabhängigen Berater tatsächlich heute mehr wissen als ihre angestellten Kollegen in den Repräsentationsbauten der Finanzindust­rie, kann nur die Zukunft zeigen. Fest steht, dass sie alle dem von der Börse suggerierten Aufschwung mit gesunder Skepsis gegenüberstehen und vornehmlich defensiv bleiben. „Wir ändern nicht nach kurzfristiger Stimmungslage die Aufteilung des Vermögens“, betont IfK-Prokuristin Herodek. Ein klares Faible kristallisiert sich bei den Befragten für asiatische Aktien heraus, während Großbritannien und die USA eher zu den Regionen gezählt werden, die Anleger noch meiden sollten.
„Der US-Konsum steht für über 70 Prozent der amerikanischen und für etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Weltwirtschaftsleistung“, erklärt Eberhard Weinberger, Vorstandsmitglied der von Jens Ehrhardt gegründeten DJE Kapital AG. Um hier wieder positive Impulse ausstrahlen zu können, müsse „eine abermalige nachhaltige Steigerung der Rekordverschuldung bei den US-Konsumenten erwirkt werden, was auch im Hinblick auf die längst noch nicht beendete Immobilienbaisse unrealistisch ist“.
Auch sein Kollege Zschaber fürchtet, dass der US-Immobilienmarkt noch längere Zeit für Ungemach sorgen könnte: Der Anstieg der zum Verkauf stehenden Einfamilienhäuser habe sich jüngst sogar weiter verschärft, warnt er. Im Zusammenspiel mit der weltweit zunehmenden Arbeitslosigkeit und möglicherweise wieder aufkeimendem Inflationsdruck nach der Verdoppelung des Ölpreises könne das noch zu einem bösen Erwachen führen. Die Realität jedenfalls sei „nicht ganz so euphorisch“ wie die Finanzmärkte, die sich seiner Meinung nach in einer „irrationalen Phase“ befinden.

Ausgelöst wurde der Umschwung am Aktienmarkt nach einhelliger Meinung der Experten durch eine Liquiditätsschwemme, die ihre Ursachen in der Niedrigzinspolitik der Notenbanken hat – und durch die weltweiten staatlichen Konjunkturprogramme und Rettungspakete. Die könnten aber langfristig zu neuen Problemen führen, unterstreicht Finanzexpertin Kühn. Schon jetzt kämen „nahezu jeden Tag neue, bekannte Unternehmen auf die Liste derer, die Hilfen vom Staat fordern“. Die daraus resultierenden „astronomischen Staatsverschuldungen“ nähren Inflationsängste, denn irgendwie muss alles eines Tages bezahlt oder eben durch Geldentwertung beseitigt werden. Aus diesem Grund sind die Finanzfachleute mittel- bis langfristig trotz aller Negativfaktoren sogar einigermaßen zuversichtlich für Sachwerte wie Rohstoffe, Immobilien oder eben Aktien von Unternehmen mit krisenresistenten Geschäftsmodellen.

Auch im Anleihensektor sollten Anleger das Geschäftsmodell des jeweiligen Unternehmens auf Herz und Nieren prüfen, rät DJE-Vorstand Weinberger. Zudem sollten wegen der steigenden Inflationsgefahren Bonds mit überschaubarer Laufzeit, akzeptabler Bonität und attraktiver Verzinsung gewählt werden. Während Unternehmensanleihen derzeit attraktive Renditen bieten, hat kein einziger der Befragten Staatstitel auf der Rechnung – Folge der Kaufpanik, die nach dem Aktien- und Rohstoffcrash im zurückliegenden Herbst die Notierungen in schwindelerregende Höhen trieb, was die Renditen auf rekordverdächtige Tiefs drückte.

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