finanzen.net

21.12.2011 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 52/11

Senden

"Wie bei Sam Peckinpah"

Genf im Jahr 2010. Die Geschäfte des Hedgefondsmanagers Alex Hoffmann laufen hervorragend. Eine Software, die Angstparameter

Genf im Jahr 2010. Die Geschäfte des Hedgefondsmanagers Alex Hoffmann laufen hervorragend. Eine Software, die Angstparameter im Internet sammelt und in mathematische Formeln übersetzt, beschert seinem vollautomatisierten Fonds Milliardengewinne. Doch nach einem Einbruch beginnen für Hoffmann Stunden voller Paranoia und Gewalt, die in einem Börsencrash gipfeln. Autor Robert Harris hat mit Euro am Sonntag über sein Buch und die Finanzindustrie gesprochen.

EURO AM SONNTAG Mr. Harris, was ist denn bitte ein Delta-Hedge?

ROBERT HARRIS Oh Gott, das ist nicht fair, bitte nicht. Ich habe mich natürlich intensiv mit Hedgefonds befasst, als ich mich entschieden hatte, die Handlung des Romans am 6. Mai 2010 stattfinden zu lassen, dem Tag des New Yorker Flashcrashs. Ich habe gelernt, warum sich die Börsenkurse an diesem Tag in welche Richtung bewegt haben. Ohne die Hilfe von Spezialisten aus der Branche wäre ich aber nicht durchgestiegen.

Ihr Buch beginnt mit einem Frankenstein -Zitat. Warum haben Sie das ausgewählt?

Weil mein Roman mit dem Frankenstein-Mythos spielt. Ort des Geschehens ist Genf - wie bei Frankenstein. Auch das Haus am See, in dem mein Protagonist lebt, ist nicht weit von dem Ort entfernt, an dem Frankenstein erschaffen wurde. Es ist der perfekte Schauplatz für eine Tragödie um einen Wissenschaftler, der ein Computerprogramm entwickelt, ohne die Konsequenzen seines Tuns zu bedenken. Das ist die Moral des Zitats und des Buchs.

Sie zitieren auch Darwin recht häufig. Warum das?

Die Idee für das Buch kam mir schon vor zwölf Jahren. Damals hatte ich den Eindruck, dass die größte Gefahr für die Freiheit nicht mehr von Staaten ausgeht, sondern von Unternehmen und extremem technologischem Fortschritt, der die Menschen durchleuchtet, der sie zu Konsumenten reduziert. Ich las zu der Zeit "Business at the Speed of Thought" von Bill Gates. Dort werden Unternehmen als eigenständige intelligente Einheiten beschrieben. Das ist Darwin in Reinform -computerisierte, verselbstständigte Firmen mit eigentlich überflüssigen Mitarbeitern. Diese Idee schlummerte dann einige Jahre vor sich hin, bis Lehman kollabierte und mir schlagartig klar wurde, dass die Bankenwelt von Mechanismen und Algorithmen gesteuert wird, die sich anscheinend jeglicher Kontrolle entziehen.

Interessant, dass Ihnen die Idee während des Internetbooms kam.

Ich habe am CERN-Institut in Genf in einem Schaukasten den Server gesehen, mit dem Tim Berners-Lee das World Wide Web gestartet hat. Das ist noch gar nicht so lange her. Der Mensch aber, so scheint es mir, hat sich an diese neue Welt und die Veränderungen noch gar nicht gewöhnt, und auch die politischen und ökonomischen Strukturen hinken der Entwicklung der virtuellen Welt hinterher. Die Finanzkrise hat sicher auch ihre Ursachen in den verstörenden Effekten dieser furiosen Entwicklung. Die Formeln mancher Derivate sind so kompliziert, dass sie nicht einmal von den Leuten verstanden werden, die sie verkaufen.

Ist der Flashcrash auch Ausdruck dieser verstörenden Effekte?

Oh ja. Die Börsenaufsicht SEC hat nach dem Crash sehr schnell einen Bericht veröffentlicht, der minutiös zeigt, wie der Kurssturz abgelaufen ist. Das Papier ist eine Erleuchtung. Es ist wie die Zeitlupe einer Schießerei in einem Peckinpah-Western, die Millisekunde für Millisekunde gezeigt wird, Bild für Bild. Nur dass es beim Crash um Geld ging, um Milliarden, die Millisekunde für Millisekunde die Besitzer gewechselt haben. Zwei Milliarden hier, fünf dort, kaum dass man den Kopf von links nach rechts gewendet hat. 19,4 Milliarden Transaktionen an einem einzigen Tag. Das ist perfekter Stoff für einen Roman -was Besseres kann man nicht erfinden.

Sie machen keinen Hehl daraus, dass Sie den Hochfrequenzhandel für sehr gefährlich halten. Begrüßen Sie die Versuche der Politik, die Branche zu regulieren? Sicherlich. Aber verstehen Sie mich nicht falsch; natürlich ist mein Roman eine Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Story, eine Schauergeschichte über die Finanzmärkte. Das war die Ambition: Schaut, da ist das Monster, fürchtet euch! Aber trotzdem kann man dieses Monster zähmen. Dazu braucht es jedoch konzertierte Aktionen. Man wird wohl all die Regulierungsmaßnahmen wieder aktivieren müssen, die in den vergangenen 20 Jahren gestrichen worden sind.

Na, ob da die Londoner City so begeistert sein wird?

Ich habe ja nicht gesagt, dass es leicht werden wird, das Monster zu zähmen. Es gibt starke Partikularinteressen, die die Dinge so belassen wollen, wie sie sind. Ich erzähle Ihnen was: Eli Lederman, der einstige Chef der Londoner Handelsplattform Turqoise, hat mein Buch gelesen und mir eine Mail geschickt. "You are absolutely right", hat er geschrieben, die Dinge seien so, wie ich sie beschrieben habe. Und Lederman weiß, wovon er redet, er war drei Jahre Chef der Handelsplattform. Er sagt, dass ein Crash wie 2010 jederzeit wieder passieren könne. Das System ist sehr instabil. Es ist wie ein dunkler Raum, der mit Gas gefüllt ist, und die Verantwortlichen stolpern darin mit Zündhölzern herum, um den Haupthahn zu finden und das Gas abzudrehen.

Allerdings haben sich die Märkte nach dem Flashcrash doch schnell wieder beruhigt.

Ja, aber vielleicht hat man dieses Glück das nächste Mal nicht mehr. Vielleicht gehen das nächste Mal Unternehmen pleite oder es gibt eine systemische Katastrophe. Vielleicht haben auch dunkle Mächte inzwischen erkannt, wie einfach sich Knotenpunkte des Finanzsystems destabilisieren lassen. Mag sein, dass ich als Schriftsteller nicht Experte genug bin, um das abschließend zu beurteilen. Aber ganz offensichtlich ist parallel zu den immer schnelleren Handelssystemen der Markt immer volatiler geworden. Das mag Grund genug sein, um diese Systeme zu verbieten oder sie wenigstens mit einer Transaktionsteuer zu belegen.

Sie klingen sehr marktskeptisch.

Die fundamentale Frage ist doch: Wozu sind die Finanzmärkte da? In den vergangenen Jahren hatte ich mehr und mehr den Eindruck, dass der Mensch dem Markt dient und nicht umgekehrt. Aber der Markt ist doch kein Naturgesetz, wie beispielsweise die Schwerkraft, an das sich der Mensch laufend anpassen muss. Trotzdem ist es zu einfach, nur den Markt an den Pranger zu stellen. Das Problem ist auch ein kulturelles. Wir sind alle mit einer Schuldenkultur aufgewachsen, mit einer Kreditkartenkultur. Was wunderbar ist, wenn die Rechnung immer wieder ausgeglichen wird. Aber genau hier hat sich in den vergangenen 20 Jahren etwas grundlegend geändert -wie die Menschen mit Geld und Schulden umgehen. Da fehlt es an moralischen Grenzen und an Anstand. Manchmal kommt es mir vor, als sei die Welt ein Potemkin 'sches Dorf oder aufgebaut auf ein Madoff 'sches Schneeballsystem.

Wie investieren Sie denn Ihr Geld?

Darin bin ich nicht wirklich gut. Ich habe sozusagen in Ziegel investiert, lebe in einem schönen Haus. Und ich baue Gemüse an. Ach ja, mein bestes Investment sind zwei Kisten Château Lafite, die ich Anfang 2000 gekauft habe. Die würden jetzt das Zehnfache kosten.

Sie wissen ,dass in dem Geschäft, auch Hedgefonds mitmischen? Ja, so ist es leider. Und seit ich weiß, dass der Wein so teuer geworden ist, traue ich mich nicht mehr, ihn zu öffnen. 1000 Pfund die Flasche! Aber mal sehen, vielleicht trinke ich ihn beim nächsten Crash.

VITA

Robert Harris: Bestsellerautor

Harris wurde 1957 in Nottingham geboren und studierte in Cambridge Geschichte. Im Anschluss arbeitete er als BBC-Reporter sowie bei den Zeitungen "The Observer", "Daily Telegraph" und "Sunday Times". Harris schrieb etliche Sachbücher, berühmt wurde er jedoch mit Romanen wie "Vaterland" und "Ghost". Letzterer wurde von Regisseur Roman Polanski 2010 verfilmt ("The Ghostwriter"). Zurzeit schreibt Harris am Drehbuch für seinen aktuellen Roman "Angst". Als Regisseur steht sein Freund Paul Greengrass fest, der bereits zwei Filme der "Bourne"-Trilogie gedreht hat. Geht es nach Harris, wäre Matt Damon der perfekte Darsteller für seinen Romanhelden, den so genialen wie paranoiden Alex Hoffmann.

finanzen.net Brokerage

Online Brokerage über finanzen.net

Das Beste aus zwei Welten: Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade unmittelbar aus der Informationswelt von finanzen.net!
Zur klassischen Ansicht wechseln
Kontakt - Impressum - Werben - Pressemehr anzeigen
Top News
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Bitcoin
Goldpreis
Meistgesucht
Deutsche Bank AG514000
Aurora Cannabis IncA12GS7
Daimler AG710000
CommerzbankCBK100
Amazon906866
Wirecard AG747206
SteinhoffA14XB9
Apple Inc.865985
BASFBASF11
Netflix Inc.552484
Deutsche Telekom AG555750
Allianz840400
Infineon AG623100
Siemens AG723610
EVOTEC AG566480