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01.04.2007 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 13/07

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"Wir haben noch Luft nach oben"

Heute tritt die Gesundheitsreform in Kraft. Wolfgang Pföhler, Chef des Klinikbetreibers Rhön-Klinikum, über die Auswirkungen auf sein Unternehmen, die Folgen für Klinikpatienten und die geplante elektronische Patientenakte.
Jan W. Schäfer

Mit dem heutigen Tag ist Deutschland um eine Jahrhundertreform reicher. Besser: Um eine Reform, die im politischen Berlin zunächst den Zusatz "Jahrhundert" tragen durfte, ihn aber nach und nach innerhalb und außerhalb der großkoalitionären Mühlen im Regierungsviertel einbüßte.

Was der Reform grundsätzlich fehle, ist der ordnungspolitische Rahmen, bemängelt Wolfgang Pföhler. Der Chef des im MDAX notierten Klinikbetreibers Rhön-Klinikum muss künftig weitere Einbußen bei der Abrechnung von medizinischen Leistungen hinnehmen. Dennoch soll Rhön mit seinen bundesweit 45 Krankenhäusern weiter ein Anbieter für alle sein. "Wir werden auch künftig gesetzlich und privat Versicherten eine bezahlbare Gesundheitsversorgung bieten können", sagt Pföhler.

Euro am Sonntag sprach mit dem Rhön-Chef über Kosten, Klinikkäufe und Koalitionspolitiker.

Euro am Sonntag: Herr Pföhler, die Gesundheitsreform sieht für Kliniken weitere Einschnitte vor. Lohnt sich Ihr Geschäft überhaupt noch?

Wolfgang Pföhler: Unser Geschäft lohnt sich noch, keine Sorge. Der Druck, den Sie beschreiben, wirkt im Übrigen nicht nur auf uns, sondern auch auf kommunale und Landeskrankenhäuser - und zwar ohne, dass diese adäquat reagieren könnten. Das erhöht bei diesen dann den Druck zur Privatisierung. So gesehen, nützen uns die Einschnitte.

Euro am Sonntag: Sie sind also zufrieden mit der "Jahrhundertreform"?

Pföhler: Insgesamt gesprochen, nein. Es fehlt der ordnungspolitische Rahmen und die wirtschaftspolitische Weitsicht. Die Gesundheitsbranche ist potenziell ein großer Wachstumsmarkt und erheblicher Jobmotor. Allerdings tut die Politik zu wenig, um dieses Potenzial noch stärker zu nutzen.

Euro am Sonntag: Haben Sie das dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, der im Rhön-Aufsichtsrat sitzt, auch gesagt?

Pföhler: Die Zusammenarbeit mit Herrn Lauterbach funktioniert sehr gut.

Euro am Sonntag: Dennoch müssen Klinikpatienten künftig damit rechnen, dass es Wartelisten gibt.

Pföhler: Ja, mittelfristig wird es so kommen, weil die Ausgaben durch die Reform noch stärker gedeckelt werden. Zugleich wird sich der Trend zur Rationierung fortsetzen. Das bedeutet für uns, dass wir unsere Abläufe richtig organisieren müssen, um Kosten zu senken.

Euro am Sonntag: Konkret?

Pföhler: Wir haben bereits im vergangenen Sommer, als sich abzeichnete, was die Bundesregierung plant, ein Zehn-Punkte-Programm aufgestellt. Das setzen wir jetzt um. Unter anderem werden wir noch mehr medizinische Vorleistungen standardisieren.

Euro am Sonntag: Wie stark lassen sich Rhöns Kosten mit dem Programm senken?

Pföhler: Wir haben für 2007 eine Prognose aufgestellt. Da sind die Effekte durch die Reform und unser Programm bereits enthalten.

Euro am Sonntag: Dann bleiben wir mal bei der Prognose: Für dieses Jahr erwarten Sie 100 Millionen Euro Konzerngewinn nach 108,7 Millionen Euro 2006. Da laufen die Kosten dem Gewinn offenbar davon.

Pföhler: Mit den Kosten hat das wenig zu tun. Der Vergleich hinkt, denn Sie vergessen den steuerlichen Einmaleffekt im Zusammenhang mit dem Körperschaftsteuergesetz (§ 37, Abs. 5). Ursprünglich hatten wir für 2006 mit 93 Millionen Euro Gewinn gerechnet. Über dieser Zahl wollen wir 2007 liegen.

Euro am Sonntag: Bleiben Sie nach dem ersten Quartal 2007 bei Ihrer Prognose für das Gesamtjahr?

Pföhler: Nur so viel: Wir haben die 100 Millionen Euro Konzerngewinn weiterhin fest im Visier.

Euro am Sonntag: Aber nur durch Kostensenkung können Sie den Margendruck nicht abfedern. Was ist mit Zukäufen?

Pföhler: Unser Ziel ist Wachstum durch Integration und Akquisition. Derzeit liegt unser Marktanteil in Deutschland bei knapp drei Prozent, was knapp 1,4 Millionen Patienten 2006 entspricht. Langfristig wollen wir acht Prozent. Da ist also durchaus noch Luft nach oben.

Euro am Sonntag: Sie haben kürzlich gesagt, dass Rhön Übernahmen in Höhe von 200 Millionen Euro stemmen könnte. Für diese Summe bekommen Sie - grob gerechnet - aber nur maximal vier Kliniken. Wie wollen Sie da acht Prozent Marktanteil schaffen?

Pföhler: Wir werden auch teurere Übernahmen stemmen können. Über die Finanzierung mache ich mir keine Sorgen.

Euro am Sonntag: Wird dazu eine Kapitalerhöhung nötig sein?

Pföhler: Kapital ist zurzeit nicht der entscheidende Engpassfaktor, sondern Management. Wir haben auf beides Zugriff.

Euro am Sonntag: Derzeit stehen mehr als zehn öffentlich betriebene Kliniken zum Verkauf. Wie viele davon werden Sie 2007 kaufen?

Pföhler: Dazu kann ich aus verständlichen Gründen keine Angaben machen.

Euro am Sonntag: Die Berliner FDP hat aus Kostengründen den Verkauf der Charité an einen privaten Betreiber gefordert. Wäre dieses Klinikum für Rhön interessant?

Pföhler: Das wäre durchaus interessant. Allerdings können nur Senat und Abgeordnetenhaus diesen Schritt tun, das Bekenntnis einer Oppositionspartei ist nicht hinreichend.

Euro am Sonntag: Rhön ist bisher nur im Inland tätig. Verstärkt die Gesundheitsreform nicht den Druck, ins Ausland zu expandieren?

Pföhler: Wir beobachten die Entwicklungen in anderen Ländern sehr genau. Es gab auch bereits Gespräche in Polen und China. Aber wir kaufen nur, wenn es sich auch wirklich für uns lohnt.

Euro am Sonntag: Die Reform der Unternehmensteuern könnte Rhön ab 2008 zusätzliche Entlastung bringen. Wie hoch fällt sie aus?

Pföhler: Als ausschließlich in Deutschland tätiges Unternehmen profitieren wir in voller Höhe von der Senkung des Körperschaftsteuersatzes.

Euro am Sonntag: In einem Pilotprojekt haben Sie 2006 in zwei Rhön-Häusern eine eigens entwickelte elektronische Patientenakte getestet. Was ist Ihr Fazit?

Pföhler: Wir sind sehr zufrieden. Mit der elektronischen Patientenakte, die Daten des Patienten dezentral im Computer speichert, ist es uns möglich, die Qualität der Behandlung deutlich zu verbessern. Unsere Ärzte können künftig schneller und umfangreicher auf die Nöte der Patienten reagieren, weil ihnen innerhalb weniger Sekunden alle notwendigen Patientendaten zur Verfügung stehen - auch über die Klinikgrenzen hinaus.

Euro am Sonntag: Wann wird die Akte konzernweit eingeführt?

Pföhler: Wir befinden uns derzeit in der wichtigen Phase, in der wir klären müssen, mit welchem technischen Anbieter wir künftig zusammenarbeiten wollen. Das wird sich in den nächsten Monaten entscheiden. In einer zweiten Phase wird die Patientenakte in zehn - auch externen - Kliniken getestet.

Euro am Sonntag: Welche Kosteneinsparungen bringt die Akte?

Pföhler: Das wird sich erst nach Jahren zeigen. Die Akte soll nicht nur den Datenaustausch beschleunigen, sondern auch den medizinischen Lernprozess. Sie soll dabei funktionieren wie ein intelligentes System, das dem Arzt bei einem Patienten mit Krankheit A beispielsweise anzeigt, dass er mit x-prozentiger Wahrscheinlichkeit auch Krankheit B hat. Damit steigern wir auch die medizinische Qualität.

Euro am Sonntag: Im Mai ist HV. Wird die Dividende um rund 20 Prozent, entsprechend dem Gewinnplus pro Aktie 2006, steigen?

Pföhler: Wir setzen bei unserer Dividendenpolitik auf Kontinuität und Nachhaltigkeit. Wir werden der Hauptversammlung einen unter Berücksichtigung des nicht liquiditätswirksamen Ergebnisanstiegs 2006 angemessenen Vorschlag unterbreiten.

Maternus-Kliniken - Unsichere Perspektive


Das in Bad Neustadt (Franken) ansässige Unternehmen betreibt bundesweit 45 Krankenhäuser an 34 Standorten. Größten Wert legt das Management darauf, die Abläufe innerhalb seiner Häuser zu standardisieren, um die Kosten zu senken und die Qualität der Patientenbetreuung zu erhöhen. So gibt es in den Rhön-Kliniken vier verschiedene Versorgungsstufen für Patienten statt wie üblich nur zwei. Das ermöglicht eine effizientere Betreuung. Während vor allem öffentliche Krankenhäuser hohe Verluste schreiben, erzielte Rhön mit dieser Strategie 2006 bei 1,9 Milliarden Euro Umsatz einen Jahresüberschuss von 108,7 Millionen Euro. Zusätzliches Wachstumspotenzial für die im MDAX notierte Firma dürfte die angespannte finanzielle Lage vieler öffentlicher Kliniken bieten. In den nächsten Jahren erwarten Experten den Verkauf mehrerer Dutzend Häuser an private Betreiber. Rhön hat für Zukäufe laut Firmenchef Pföhler weit mehr als 200 Millionen Euro zur Verfügung.
Trotz möglicher kurzfristiger negativer Auswirkungen durch die Gesundheitsreform geht es seit Sommer deutlich nach oben für die Rhön-Aktie. Das Papier hat seit August über 50 Prozent an Wert gewonnen, befindet sich charttechnisch in einem stabilen Aufwärtstrend. Zum Wochenausklang stieg der Kurs auf ein neues Allzeithoch von über 45 Euro in der Spitze. Offenbar deckt sich ein Großinvestor gezielt ein. Die Aktie ist ein konjunkturresistentes und sicheres Langfristinvestment.
ISIN: DE0007042301
Akt. Kurs: 44,83
KGV 08: 20,0
Stopp: 37,00
Ziel: 50,00
Tendenz: steigend
Fresenius lässt sich von der Gesundheitsreform nicht schrecken: Bis zum Jahr 2010 soll der Umsatz von zuletzt knapp elf Milliarden auf 15 Milliarden Euro steigen. Neben der Dialyse-Tochter FMC setzt das MDAX-Unternehmen auf die Kliniksparte ProServe und die auf Krankenernährung spezialisierte Sparte Kabi. 300 Millionen Euro hat Vorstandschef Ulf Schneider für Übernahmen beiseite- gelegt. Ende Februar schluckte die Klinik-Tochter Helios das Krankenhaus Überlingen. Die Fresenius-Aktie ist ein solides Investment, aber nicht mehr billig.
ISIN: DE0005785638
Akt. Kurs: 58,56
KGV 08: 21,0
Stopp: 49,00
Ziel: 68,00
Tendenz: steigend
Maternus, ein Betreiber von Pflege- und Seniorenheimen mit rund 3800 Betten, befreit sich vom insolventen Großaktionär WCM. Neuer Haupteigner soll mit 71,5 Prozent die Berliner Cura Kurkliniken werden. Ein Vorvertrag ist unterzeichnet. Die Aktie reagierte positiv: Offenbar spekulieren Anleger auf eine denkbare Komplettübernahme. Die Geschäftszahlen sind aber wenig überzeugend. Erst 2008 dürfte Maternus Gewinne erwirtschaften. Anleger sollten die Erholung lieber zum Ausstieg nutzen.
ISIN: DE0006044001
Akt. Kurs: 1,80
KGV 08: -
Stopp: -
Ziel: -
Tendenz: fallend
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