07.10.2007 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 40/07

Abgebremst

Experten bewerten wirtschaftliche Situation in Deutschand vorsichtig: Das Ökonomen-Barometer sinkt für Oktober erstmals unter 60 Punkte. Die Ökonomen bestärken die EZB, die Leitzinsen nicht zu verändern.
Wolfgang Ehrensberger

Die wirtschaftliche Lage hat sich im Herbst nach Einschätzung führender Ökonomen weiter abgekühlt. Sie zeigt sich aber noch in robuster Verfassung. Der Blick auf die kommenden zwölf Monate fällt skeptischer aus als noch im Vormonat. Das geht aus dem neuen Ökonomen-Barometer von Euro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv für den Monat Oktober hervor.

Demnach fällt der Index für die Erwartungen in den kommenden zwölf Monaten auf 59,38 (Vormonat: 65,81) Punkte und unterschreitet damit erstmals seit Bestehen des Barometers die 60-Punkte-Marke. Bei der Einschätzung der aktuellen Lage reduzierte sich der Zählerstand von 71,19 im September auf nunmehr 66,27 Punkte. Das ist mittlerweile der dritte Rückgang in Folge, ausgehend allerdings von einem sehr hohen Niveau. Noch im Juli hatte das Barometer mit 75,25 Punkten seinen bisherigen Höchststand erreicht. Negativ wirken sich neben dem starken Euro vor allem die Turbulenzen auf den Finanzmärkten aus. Die Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft bleiben unklar.

Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 26. September bis zum 4. Oktober rund 320 Volkswirte in Banken, Forschungsinstituten, Universitäten und Wirtschaftsverbänden befragt. Es ist damit der größte Stimmungsindikator der Branche.

Auf ihrer jüngsten Sitzung am Donnerstag hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins unverändert gelassen und ist somit jetzt von der Zinsanhebungsstrategie der vergangenen Monate abgerückt. Drei Viertel der im Barometer befragten Ökonomen unterstützen diesen Kurs der EZB. 14 Prozent wünschen sich höhere, zehn Prozent dagegen niedrigere Zinsen. Für konstante Leitzinsen in Europa spricht nach Meinung der meisten Volkswirte eine ganze Menge. "Der steigende Euro-Kurs und die Verspannungen am Geldmarkt haben ohnehin bereits zu einem restriktiven geldpolitischen Umfeld geführt - auch ohne Leitzinserhöhung", lautet ein Hauptargument. Und außerdem könne es nicht Aufgabe der Notenbank sein, Fehleinschätzungen und allzu risikoreiches Verhalten von Marktteilnehmern auszugleichen.

Insgesamt habe die Konjunktur zwar ihren Höhepunkt überschritten, sei aber dennoch relativ robust, heißt es. Die Auswirkungen der US-Immo-Krise und der Finanzmarktturbulenzen dürften auf die Realwirtschaft in Europa begrenzt sein, sodass 2008 für Europa ein Wachstum von bis zu zwei Prozent realistisch erscheine. Auch dies spreche gegen vorschnelle Zinssenkungen.

Ein differenzierteres Bild ergibt die Ökonomen-Befragung beim Blick auf den niedrigen Wechselkurs des Dollar. Zwei Drittel sind der Ansicht, dass sich die Schwäche der Leitwährung zunächst fortsetzen wird. "Die US-Hypothekenkrise ist nicht kurzfristig zu überwinden, die US-Konjunktur lahmt, Leistungsbilanzdefizit und US-Verschuldung stärken den Dollar nicht", sagt etwa Wolf Schäfer von der Universität der Bundeswehr in Hamburg. "Doch langfristig erscheinen die USA als eines der attraktivsten Innovationszentren der Welt, was den Dollar eher stärkt als schwächt." Ulrich van Suntum von der Universität Münster verweist darauf, dass der Dollar im Gegensatz zum Euro eine "politische" Währung sei. Bei schwieriger globaler Lage könnte sich deshalb der Wind schnell drehen.

Michael Heise (Chefvolkswirt der Allianz) und Hans Jäckel (Chefvolkswirt der DZ Bank) halten eine vorübergehende Euro-Aufwertung noch für möglich. "Kurzfristig könnten wir Kurse von 1,43 sehen", glaubt Jäckel. "Auf längere Sicht", ergänzt Heise, "sollten dem Euro aber keine Flügel mehr wachsen." Diese Einschätzung teilt Norbert Braems, Chefvolkswirt bei Sal. Oppenheim. "Das Ausmaß der Euro-Aufwertung ist ja schon konjunkturschädlich", sagt Braems. Weitere EZB-Zinserhöhungen seien spätestens mit derZinsentscheidung von Donnerstag unwahrscheinlicher geworden. "Das wird den Aufwertungsdruck limitieren."

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Oskar

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