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27.07.2008 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 30/08

Chronik einer Schlammschlacht

Der bizarre Streit zwischen der SdK und Wirecard zeigt vor allem eines: Wie Funktionäre der Anlegerschützer über Jahre kräftig in die eigene Tasche gewirtschaftet haben.
Joachim Spiering

Es sind die berühmten letzten Worte, mit denen man im Gedächtnis bleiben möchte. "Statt (...) den ganzen Januar im Büro zu sitzen, um das Schwarzbuch Börse zu schreiben, werde ich im nächsten Jahr Ski fahren gehen, auf einer Hütte ein paar Bier trinken und dann wahrscheinlich irgendwo in den Schnee pissen."

So endet die Rücktrittserklärung des bisherigen Vizevorsitzenden der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) Markus Straub, die er am Mittwoch abgab. Ein durchaus passender (vorläufiger) Höhepunkt in einem Börsenkrimi, der sich vor allem durch Stillosigkeit auszeichnet. Es geht um Erpressungsversuche, scheinbare Morddrohungen, die Veröffentlichung geheimer Bankdaten und den Verdacht einer konzertierten Aktion von Shortsellern aus dem Kreis der vermeintlichen Anlegerschützer. Es geht um Eitelkeiten, Macht und Größenwahn. Vor allem aber geht es um sehr viel Geld.

Was ist passiert? Wie berichtet hatte SdK-Vorstand Klaus Schneider auf der Hauptversammlung (HV) der Wirecard AG am 24. Juni kritische Fragen zur Bilanz des Abwicklers von Zahlungsverkehr im Internet gestellt. Zwei Tage danach brach der Aktienkurs um über 20 Prozent ein, später lag er in der Spitze um 40 Prozent im Minus. Im Zuge der dramatischen Kursverluste - vom Allzeithoch im Mai sank der Wirecard-Börsenwert zwischenzeitlich um 700 Millionen Euro - verschärfte sich der Streit zwischen den beiden Parteien. Während die SdK ihre Vorwürfe konkretisierte und am 18. Juli juristische Schritte gegen Beschlüsse der Hauptversammlung einlegte, schoss Wirecard noch am selben Tag zurück. Die Firma warf SdK-Verantwortlichen Insiderhandel und Kursmanipulation vor und erstattete ihrerseits Anzeige.

Das Pikante daran: Tatsächlich war Straub short in der Aktie - was er offen bekennt und nicht mal für verwerflich hält. Der SdK-Vize verdiente also an dem Kursrutsch von Wirecard, den die SdK-Beschuldigungen auslösten. Und das nicht zu knapp. Das Magazin "Focus" berichtet, dass aus einer der Finanzaufsicht BaFin vorliegenden Anzeige hervorginge, dass der 39-jährige Volkswirt insgesamt 914368,88 Euro Gewinn gemacht haben soll.

Doch das ist offenbar nicht alles. Laut Wirecard haben Straub und der frühere SdK-Sprecher und Straub-Kumpel Tobias Bosler über hochspekulative Derivate gemeinsam auf einen Kursverfall bei Wirecard gesetzt - und sollen damit laut Wirecard "einen Gewinn in Höhe von circa 3,3 Millionen Euro erwirtschaftet" haben. Woher die Firma diese an sich geheimen Informationen hat, interessiert inzwischen auch die BaFin. "Die Informationen wurden unserem Anwalt zugespielt", sagt Wirecard-Chef Markus Braun.

Straub selbst gibt zu, ab 14. Mai Shortpositionen aufgebaut zu haben. Auffallend dabei: Spekulationen um mögliche Unklarheiten in der Wirecard-Bilanz gibt es nicht erst seit der Hauptversammlung Mitte Juni. Schon im Mai tauchten Gerüchte auf. Euro am Sonntag warnte Ende Mai, dass Shortseller die Aktie auf zehn Euro drücken wollen. So soll ein größerer Long/Short-Fonds aus Zürich Stimmung gegen die Aktie gemacht haben. "Wir haben etliche E-Mails, die das beweisen", sagt Wirecard-Anwalt Jens Röhrborn. Die Unterlagen seien sowohl der BaFin als auch der Staatsanwaltschaft zugegangen. Die Finanzaufsicht hat bereits erklärt, in alle Richtungen zu ermitteln.

Sollte sich bestätigen, dass durch eine konzertierte Aktion Marktmanipulation betrieben wurde, könnte dies für die Beteiligten teuer werden. Zum einen sind Marktmanipulation und Insiderhandel strafbar. Zum anderen würde es mögliche Schadenersatzansprüche von Aktionären erleichtern - und die könnten laut Röhrborn Millionenforderungen "im dreistelligen Bereich" ausmachen.

Für den Aktienrechtler Wolfgang Gerke ist es völlig unzweifelhaft, dass SdK-Mann Straub - und womöglich auch andere Shortseller - zumindest als Insider gehandelt haben. "Straub ist durch die Aktion der SdK begünstigt worden und hätte seine Position vorher schließen müssen."

Das Irre daran: Straub selbst hat keinerlei Unrechtsbewusstsein. "Ich habe gar nicht gewusst, dass jemand von der SdK zur Wirecard-HV geht", verteidigt er sich. Im Übrigen, so ließ er mitteilen, könne er "nicht immer trennen" zwischen dem "Shortseller-Straub und dem Sdk-Straub".

Straub, Bosler und Co gehören zu einer Münchner Investmentclique, die schon mehrfach per Shortselling gutes Geld gemacht hat. Oft mit medialer Unterstützung durch die SdK. So hat Bosler, Chefredakteur der Anlegerpostille "Der Börsendienst" und Leiter seiner eigenen Vermögensverwaltung TFB Capital, nach Informationen dieser Zeitung zuletzt bei Conergy, Balda und Thielert kräftig auf fallende Kurse gesetzt

Das "Handelsblatt" berichtet zudem von gemeinsamen Geschäften bei Petrohunter Energy, einer Ölfirma aus Nordamerika ohne nennenswerte Umsätze. Auch hier sollen Straub und Bosler investiert haben, ebenso die Beteiligungsgesellschaft Max 8. Diese wiederum ging aus einer Gesellschaft des heutigen SdK-Chefs Klaus Schneider hervor, Vorstand ist laut "Handelsblatt" SdK-Sprecher Christoph Öfele. Ähnliche Konstellationen gab es auch bei der deutschen Firma Nascacell, die 2006 an die Börse gebracht wurde.

Beide Werte wurden durch euphorische Artikel in verschiedenen Börsenbriefen und Magazinen kräftig gepusht. Dabei geht es jedoch weniger darum, den Kurs nach oben zu treiben. Wichtiger ist es, genügend Handelsumsatz zu schaffen. So können Anteilseigner, die vor dem Börsengang durch Kapitalerhöhungen sehr billig eingestiegen sind, ihre Aktien über die Börse versilbern. Die Dummen sind die Privatanleger. Beide Aktien, Petrohunter und Nascacell, notieren inzwischen als Pennystocks. Straub behauptet, mit beiden Investments viel Geld verloren zu haben.

Der Streit zwischen der SdK und Wirecard hat aber noch weitere bizarre Aspekte. So soll Wirecard-Anwalt Röhrborn am 10. Juli zusammen mit zwei Herren bei Bosler aufgetaucht sein - und ihn kräftig unter Druck gesetzt habe. Von "Morddrohungen" ist sogar die Rede. So soll der Satz gefallen sein: "In der Türkei sterben Leute wegen 1000 Euro, Mann. Verstehst du?".

"Ich habe mich total bedroht gefühlt und schließlich die Polizei gerufen", sagt Bosler, der die beiden Begleiter Röhrborns als Boxer identifitiert haben will. Der Anwalt bestreitet das vehement. "Wir haben uns vor der Tür von Herrn Bosler darüber unterhalten, wie der Kursverfall zu erklären sei", so der Leiter des Münchner Büros der internationalen Anwaltskanzlei Holme, Roberts & Owen. Und die beiden Begleiter seien keine Boxer gewesen, sondern Aktionäre.

Dubios ist auch, was es mit einer dreiseitigen schriftlichen Vereinbarung auf sich hat, die eine Art Burgfrieden herstellen sollte. Demnach sollte sich die SdK in dem Geheimabkommen verpflichten, sich nicht mehr kritisch über die Firma aus Grasbrunn bei München zu äußern. Im Gegenzug würde Wirecard davon absehen, "die SdK mit den Börsengeschäften von Herrn Straub in Verbindung zu bringen" und die Fragen der SdK zur Bilanz beantworten. Straub behauptet, von Röhrborn am Telefon massiv unter Druck gesetzt worden zu sein, das Dokument zu unterschreiben. Röhrborn bestreitet dies "aufs Schärfste".

Seiner Darstellung nach hätten zunächst Bosler und dann auch Straub eine solche Vereinbarung zur "Deeskalation" vorgeschlagen. "Damit wollten sie offenbar verhindern, dass ihre Shortselling-Geschäfte publik werden." Dass das Papier letzlich nicht von beiden Seiten unterschrieben wurde, habe an SdK-Chef Schneider gelegen. Röhrborn: "Schneider lehnte das ab, er wollte gegen Wirecard unbedingt Klage erheben." Was dann ja auch geschah.

Dennoch ist es merkwürdig, dass sich Wirecard überhaupt auf den Deal einlassen wollte. Schließlich hat die Firma eigenen Aussagen zufolge nichts zu verbergen. "Wir wollten dadurch einen Gerichtsprozess verhindern", sagt Firmenchef Braun.

Es bleibt also die Frage, ob an den Bilanzvorwürfen gegenüber Wirecard etwas dran ist. Braun wiederspricht allen Anschuldigungen der SdK. "Wir sind Cashflow-positiv, haben frei verfügbare liquide Mittel von 48,9 Millonen Euro und keinerlei Geldproblem." Auch den Vorwurf, ein Großteil von Umsatz und Gewinn käme aus verbotenen Glücksspielgeschäften, lässt Braun nicht gelten. "Wir machen ausschließlich Geschäfte mit rechtskonform agierenden Firmen." Der Umsatzanteil läge bei 20 bis 25 Prozent, die Margen seien ähnlich wie in anderen Bereichen.

Allerdings räumt Braun ein, dass nicht alle Passagen in Geschäftsbericht die Geschäftsstruktur transparent widerspiegeln. "Wir werden bei der Vorlage der Halbjahreszahlen auf die konstruktiven Vorschläge der SdK eingehen und einige Dinge etwas klarer darstellen." Und um alle Zweifel zu beseitigen, soll eine große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ein unabhängiges Gutachten erstellen.

Auch bei der SdK hat man aus den Vorfällen gelernt. Den Verdacht, man würde sich von Shortsellern instrumentalisieren lassen oder sei hinter den Kulissen selbst eine Zockerbude, will der Verband künftg jedenfalls verhindern. "Wir werden unsere Compliance-Regeln überarbeiten", sagt Schneider. Anwälte seien bereits beauftragt, ein entprechendes Regelwerk zu erarbeiten. Das kommt wohl etwas zu spät.

Investor-Info - Wirecard - Mehr Transparenz


Die Bilanzvorwürfe der SdK sind, zumindest was die Transparenz betrifft, nicht unbegründet. Neben dem eigentlichen Geschäft, dem Abwickeln von Zahlungsverkehr im Internet, gehört zu Wirecard auch noch eine Bank. Um das voneinander zu trennen, ist die Konzernbilanz sehr kompliziert. Wirecard will das schon bei der Präsentation der Halbjahreszahlen am 20. August übersichtlicher gestalten. Vorwürfe aus dem Kreis der Shortseller, wonach die Firma womöglich Liquiditätsprobleme habe, widerspricht Wirecard-Chef Braun vehement. Ende März seien 48,9 Millionen Euro in der Kasse gewesen - und zwar frei von Rechten Dritter und damit frei verfügbar. Braun hält auch an den Jahresprognosen fest. Die Firma aus Grasbrunn bei München will dieses Jahr den Bruttogewinn (Ebit) um 45 Prozent auf 48 Millionen Euro steigern und sieht bislang keine Beeinträchtigung des operativen Geschäfts. Zuletzt zog die Aktie wieder an. Sollten sich die Vorwürfe als haltlos erweisen, wird das den Kurs weiter treiben. Die Unsicherheit dürfte aber noch über Wochen dominieren. Deshalb nur für spekulative Anleger.
Tendenz: gleichbleibend
www.finanzen.net/go/747206

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