04.02.2007 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 05/07

Dämpfer in der Euphorie

Die Konjunktur in Deutschland verliert etwas an Schwung: Das Ökonomen-Barometer fällt im Februar um fünf Punkte. Auch für die kommenden zwölf Monate werden die Volkswirte skeptischer.
Jan W. Schäfer

Deutlich skeptischer als noch zu Jahresbeginn beurteilen Volkswirte die konjunkturelle Lage in Deutschland. Das Ökonomen-Barometer von Euro am Sonntag und dem Fernsehsender n-tv fiel im Februar auf 67,60 Punkte (auf einer Skala zwischen null und 100). Damit schätzen die Experten die aktuelle Wirtschaftssituation zwar immer noch als relativ gut ein, aber um einiges schlechter als im Januar: Vor vier Wochen hatte das Barometer noch bei 72,64 Punkten gelegen.

Das Ergebnis deckt sich mit den jüngsten Entwicklungen anderer Indikatoren. Sowohl der Geschäftsklima-Index des Ifo-Instituts, als auch der Konsumklima-Index der Gesellschaft für Konsumforschung waren Ende Januar gefallen. Ein Grund: die Mehrwertsteuererhöhung.

Auch für die kommenden zwölf Monate sind die Volkswirte pessimistischer als noch zu Jahresbeginn. Der Wert für die erwartete Konjunkturentwicklung sank von 70,33 Punkten im Januar auf 66,05 Punkte. Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 23. Januar bis 31. Januar 2007 über 300 Volkswirte in Banken, Forschungsinstituten, Universitäten und Wirtschaftsverbänden befragt. Es ist damit der bundesweit größte Stimmungsindikator der Branche.

Mit Blick auf die anstehende Tarifrunde in der Metallindustrie mahnt ein Großteil der Wirtschaftsexperten Zurückhaltung bei den Gewerkschaften an. Insgesamt 68,3 Prozent der Befragten sprachen sich für Lohnerhöhungen von maximal drei Prozent aus, wobei 4,9 Prozent ein Lohnplus zwischen null und einem Prozent für richtig halten, 19,5 Prozent ein Plus zwischen einem und zwei Prozent und 43,9 Prozent ein Plus zwischen zwei und drei Prozent. Immerhin 25,6 Prozent der Befragten halten angesichts des starken Branchenwachstums eine Lohnsteigerung von drei bis vier Prozent für angemessen, 2,4 Prozent sogar ein Plus zwischen vier und fünf Prozent. Ein Drittel der Volkswirte sprach sich zudem für Einmalzahlungen abseits der prozentualen Lohnsteigerung aus.

Die Tarifkommission der IG Metall will am Dienstag eine Empfehlung abgeben. Die Forderungen in den Bezirken liegen zwischen sechs und zehn Prozent (siehe Seite 3).

Die vom Sachverständigenrat ins Gespräch gebrachte Einführung einer "goldenen Regel" zur Senkung der Neuverschuldung stößt bei den deutschen Volkswirten mehrheitlich auf Ablehnung. Lediglich 26,5 Prozent bezeichneten den Vorschlag der Fünf Weisen als "sinnvoll", um die Defizite in den Griff zu bekommen. Ein Großteil ist dagegen.

Die "goldene Regel" erlaubt dem Staat eine moderate Neuverschuldung: In dem Umfang, in dem er sein Vermögen mehrt, soll auch die Aufnahme neuer Kredite erlaubt sein. Nach Schätzungen könnte diese Maßgabe Bund und Ländern erlauben, weiterhin jährlich bis zu zehn Milliarden Euro an Krediten aufzunehmen, weil durch Investitionen das Staatsvermögen erhöht werde.

Auf breite Ablehung stoßen zudem die jüngsten Planungen von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, den Steuerzuschuss für das Gesundheitssystem ab 2010 anzuheben. Insgesamt 56,6 Prozent der Befragten sprachen sich gegen höhere Steuern oder die Einführung einer sogenannten Gesundheitssteuer aus. "Genauso gut könnte der Staat den Vermietern einen Steuerzuschuss zahlen, damit diese die Mieten senken", warnte der Kölner Wissenschaftler Johann Eekhoff. Der Freiburger Gesundheitsökonom Bernd Raffelhüschen nannte die Überlegungen "schlicht Unfug". Weitere Steuern würden den Effizienzdruck senken, sagte Friedrich Heinemann vom Mannheimer Institut ZEW.

Der Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI), Thomas Straubhaar, forderte von der Bundesregierung im Gegenzug mehr Sparwillen: "Eine wirkliche Therapie muss bei den Gesundheitsausgaben ansetzen und dort über mehr Wettbewerb für mehr Effizienz und damit weniger Kosten sorgen." BDI-Chefvolkswirt Hans-Joachim Haß sprach sich ebenfalls für mehr Wettbewerb und eine Abkoppelung der Gesundheitskosten vom Faktor Arbeit aus. Das geschehe "am besten durch eine Kopfpauschale".

Dagegen begrüßte der Bonner Nobelpreisträger Reinhard Selten die Planungen einer stärkerer Steuerfinanzierung. "Der Vorschlag ist im Prinzip vernünftig. Es kommt aber auf die Einzelheiten an", sagte Selten. Boris Augurzky vom Essener Institut RWI erklärte, bei stärkerer Steuerfinanzierung müssten auch alle Steuerzahler profitieren. Das könne beispielsweise durch die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern geschehen.

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Oskar

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