16.05.2009 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 20/09

Der amerikanische Patient

Die US-Regierung plant eine riesige Reform des Gesundheitswesens - und den gläsernen Patienten. An der Börse wird bereits auf die Gewinner spekuliert.
Tim Schäfer, New York

Was in Deutschland kaum für Schlagzeilen sorgt, ist in den USA ein Riesenthema: der Umbau des amerikanischen Gesundheitssystems. Denn ein beträchtlicher Teil des Konjunkturprogramms der US-Regierung soll in den Gesundheitssektor fließen. Allein für eine sogenannte elektronische Patientenakte billigte der Kongress Ausgaben von über 20 Milliarden Dollar. Insgesamt sollen in den kommenden Jahren 787 Milliarden Dollar (!) ausgegeben werden, um das marode Gesundheitswesen fit zu machen.

Aufseiten der Ärzte kommt das Vorhaben der Regierung gut an. Speziell die elektronische Patientenakte, die aus jedem Bürger einen digitalen Patienten machen soll, hat es den Medizinern angetan.

So lobt beispielsweise der New Yorker Psychiater Paul O'Keefe, Abteilungsleiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie im katholischen Saint-Vincent-Krankenhaus in Greenwich Village, die geplante Einführung der zentralen Datenbank. "Ich würde es sehr schätzen, wenn ich die gesamte medizinische Entwicklung eines Patienten vor mir haben würde. Das hilft erheblich", so O'Keefe gegenüber Euro am Sonntag.

Die Regierung plant, bis zum Jahr 2014 für jeden Amerikaner eine Akte online anzulegen. Alle Informationen sollen in einer Art medizinischem Internet, dem National Health Information Network, gespeichert werden. Die Regierung baut dieses Netz auf. Ärzte und Krankenhäuser müssen jedoch ihre eigene IT-Infrastruktur schaffen, um interne Abläufe auf die Datenbank abzustimmen.

Im Kern geht es darum, ein effizientes Gesundheitswesen zu schaffen. Da Test- und Untersuchungsergebnisse dann jederzeit abrufbar sind, erhofft man sich, Doppelbehandlungen zu vermeiden. Außerdem sollen gefährliche Wechselwirkungen von Medikamenten vermieden werden. Die staatliche Krankenversicherung will sich darüber hinaus einen Überblick über Krankheiten der Bürger und den Behandlungserfolg verschaffen.

Weniger als 20 Prozent der amerikanischen Ärzte nutzen bislang die Datenverarbeitung, gut 80 Prozent nehmen noch Papier zur Hand. Praxen, die sich an das vom Staat initiierte System anbinden lassen, sollen 44000 Dollar Zuschuss je Arzt erhalten. Dieser soll in Teilbeträgen zwischen den Jahren 2011 und 2014 fließen. Krankenhäuser können sogar mit millionenschweren Zuschüssen rechnen. Wer sich allerdings nicht bis zum Jahr 2015 von den Papierstapeln verabschiedet, muss sich auf finanzielle Nachteile der staatlichen Krankenversicherung Medicare einstellen.

Die Datenbank soll aber noch mehr leisten: Wenn sich beispielsweise ein Patient im Rettungswagen auf dem Weg ins Krankenhaus befindet, sollen die Notärzte die Daten an die Ambulanz transferieren. Ein Rezept soll nicht mehr in Papierform überreicht werden, sondern für die Apotheke online abrufbar sein.

Das Thema ist längst auch Gesprächsstoff an der Börse. In einer umfangreichen Studie hat sich der Aktienanalyst Mariano Viola mit der Reform beschäftigt. Der Experte glaubt, dass sich fünf bis zehn Prozent der Ablaufkosten einsparen lassen. Der Markt umfasse 800000 Arztpraxen, 300000 alternative Mediziner, 20000 Apotheken und 5000 Kliniken.

Viola räumt dem amerikanischen Softwareanbieter Cerner die besten Aussichten ein, von den Milliardeninvestitionen am stärksten profitieren zu können. "In England hat Cerner die Führungsrolle übernommen. Der dortige Marktanteil verschafft Cerner Vorteile auf dem US-Markt", resümiert der New Yorker Branchenspezialist.

Die Börse hat bereits reagiert: Die Aktie von Cerner ist seit Anfang März um 60 Prozent gestiegen. Auch die Titel ähnlicher, auf den Gesundheitsmarkt fokussierter Softwarefirmen wie Quality Systems oder Allscripts-Misys Healthcare Solutions zogen in den vergangenen Wochen deutlich an.

Sogar Wal-Mart will bei dem Megageschäft mitmischen: Sam's Club, die Tochter des Einzelhandelsriesen, vermarktet ein Softwarepaket der Firma eClinicalWorks. Kooperationspartner ist die Computerfirma Dell. Auch SAP hat den Braten gerochen und eine spezielle Abteilung in den USA gegründet.

Aber es bleiben auch Bedenken. So warnt nicht nur Psychiater Paul O'Keefe vor Datenmissbrauch: "Wenn der Datenschutz verletzt wird, weiß ich nicht, ob sich die ganze Maßnahme noch rechtfertigen lässt. Wer lässt dann noch einen Aidstest machen?"

Quality Systems - Hohes Wachstum


Seit Jahren baut das Softwarehaus Umsatz und Gewinn kontinuierlich aus. 2008 gingen 1,67 Milliarden Dollar durch die Bücher. Unterm Strich blieben 188 Millionen Dollar hängen. Der in Kansas City ansässige Healthcarespezialist hat sich seine Sporen bei der Entwicklung des nationalen Gesundheitssystems in Großbritannien verdient. Brot-und-Butter-Geschäft sind komplexe IT-Lösungen für Krankenhäuser. Anwendungen für Arztpraxen sind lediglich ein Nebengeschäft. Die Bilanz ist praktisch frei von Schulden. Zwar ist der Börsenwert mit 3,4 Milliarden Dollar nicht von Pappe. Doch das Investitionsprogramm der US-Regierung könnte eine Nachfrageexplosion auslösen. Eine aktuelle Studie sieht 40 Prozent Kurspotenzial. Auch charttechnisch top. Gut als Depotbeimischung.
Tendenz: steigend
@ www.finanzen.net/go/892807
Die Aktie des Softwarespezialisten für Arztpraxen ist eine Kursrakete. Seit Anfang 1999 stieg der Nasdaq-Titel von 1,09 auf über 40 Dollar. Mit 21 Prozent sind die Nettomargen exzellent. Für das Geschäftsjahr 2007/08 (endete im März) rechnen Analysten im Schnitt mit 247 Millionen Dollar Umsatz und knapp 50 Millionen Gewinn. Im Börsenwert von 1,25 Milliarden stecken freilich schon Vorschusslorbeeren. Dennoch sind dank Obamas Geldspritze keine negativen Nachrichten abzusehen. Schätzungen rechnen für das laufende Geschäftsjahr mit einem Gewinnwachstum von 20 Prozent. Wenig Handel!
Tendenz: steigend
@ www.finanzen.net/go/867700
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Oskar

ETF-Sparplan

Oskar ist der einfache und intelligente ETF-Sparplan. Er übernimmt die ETF-Auswahl, ist steuersmart, transparent und kostengünstig.
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