01.07.2007 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 26/07

Deutschland brummt

Das Ökonomen-Barometer steigt auf den bisher höchsten Stand. Wegen des Booms müsse der Arbeitsmarkt nun für Ausländer geöffnet werden, fordern Volkswirte.
Jan W. Schäfer

Die deutsche Konjunktur hat offenbar weiter an Fahrt gewonnen. Für den laufenden Monat schätzen die Volkswirte die aktuelle wirtschaftliche Lage noch ein bisschen besser ein als vor vier Wochen. Das geht aus dem Ökonomen-Barometer Juli von Euro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv hervor, das mit 75,25 Punkten den höchsten Stand seit Beginn im Dezember 2006 erreicht hat (siehe Grafik links). Im Juni hatte der Wert bei 75,08 Punkten gelegen.

Auf Jahressicht hingegen hat der Optimismus der Wirtschaftsexperten leicht abgenommen: Der Wert für die erwartete Entwicklung der deutschen Wirtschaft in den nächsten zwölf Monaten lag mit 73,59 Punkten etwas niedriger als im Vormonat (75,50 Punkte). Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 21. Juni bis 28. Juni über 300 Volkswirte in Banken, Forschungsinstituten, Universitäten und Wirtschaftsverbänden befragt. Es ist damit der größte Stimmungsindikator der Branche.

Ein Grund für den leichten Rückgang des Erwartungswerts könnte der wachsende Mangel an Arbeitskräften sein. Nach neuesten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sind in deutschen Firmen derzeit knapp eine Million Stellen nicht besetzt. Die inoffizielle Zahl dürfte gut doppelt so hoch liegen.

Ein Großteil der Ökonomen fordert deshalb, den deutschen Arbeitsmarkt stärker für ausländische Arbeitnehmer zu öffnen. 34,8 Prozent der Befragten sprachen sich in diesem Zusammenhang für eine gezielte Zuwanderungspolitik, beispielsweise durch die Einführung einer flächendeckenden Greencard nach US-Vorbild, aus (siehe Grafik rechts). RWI-Präsident Christoph Schmidt regte ein Punktesystem an, "das verschiedene Charakteristika der Immigranten bewertet. Auf diese Weise könnte der Zuwanderungsstrom aktiv nach ökonomischen Kriterien gesteuert werden."

27,5 Prozent der Befragten sprachen sich sogar dafür aus, den deutschen Arbeitsmarkt komplett für Ausländer zu öffnen. "Eine völlige Liberalisierung wäre der beste Weg, der der deutschen Wirtschaft auf dem Arbeitsmarkt zugutekäme", sagte der Wissenschaftler Ulrich van Suntum (Uni Münster). "Alles andere ist Gemurkse", fügte sein Kölner Kollege Juergen Donges hinzu. Der Dortmunder Ökonom Jürgen Heinrich erklärte, sinnvoll sei die "generelle Freizügigkeit nach dem Muster der EU". Sie gilt derzeit nicht für Arbeitnehmer aus vielen osteuropäischen EU-Staaten.

Zahlreiche Ökonomen verlangten zudem, die teilweise hohen Mindestverdienstgrenzen für ausländische Spezialisten zu senken. Diese Grenzen seien "ein unnötiges Einstellungshemmnis", so der Konstanzer Forscher Wolf-Heimo Grieben. Allianz-Chefökonom Michael Heise regte an, "darüber nachzudenken, für solche ausländischen Fachkräfte in den ersten zwei Jahren die Beiträge zur Sozialversicherung zu erlassen, sofern sie einen anderen Krankenversicherungsschutz nachweisen können". Norbert Braems, Chefvolkswirt beim Bankhaus Sal. Oppenheim, verlangte zudem eine "noch stärkere Öffnung der Hochschulen für ausländische Studenten", die nach dem Studium in Deutschland bleiben. Dagegen erklärte der Chef des Instituts IMK, Gustav Horn, er halte die Klagen der Unternehmen "für weit überzogen".

Als kontraproduktiv bezeichneten in diesem Zusammenhang viele Ökonomen den jüngsten Beschluss der Bundesregierung, das Entsendegesetz neben der Bauwirtschaft auf weitere Branchen ausweiten zu können. 72,7 Prozent der Befragten wiesen die Entscheidung des Kabinetts aus ökonomischen Gründen zurück. Haupttenor: Dadurch könnten Mindestlöhne nach und nach in immer mehr Branchen eingeführt werden, was die Kosten der Unternehmen je Beschäftigtem weiter erhöhe. Befürchtete Folge: massiver Arbeitsplatzabbau. Knapp ein Fünftel der Volkswirte erklärte dagegen, der Beschluss zum Entsendegesetz sei ökonomisch sinnvoll.

Deutlich umstrittener unter Deutschlands Ökonomen ist die geplante Einführung der Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge (ab 2008). 31,3 Prozent halten die Steuer in Höhe von 25 Prozent für generell sinnvoll, fast ebenso viele lehnen sie komplett ab.

Das nächste Ökonomen-Barometer erscheint am 5. August 2007.

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Oskar

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