05.11.2006 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 45/06

Dicke Kinder, fette Chancen

In den Schwellenländern sind westliche Wohlstandskrankheiten wie Diabetes und Herzinfarkt auf dem Vormarsch. Vor allem für indische Pharmafirmen eröffnen sich dadurch neue Gewinnmöglichkeiten.
Jörg Billina

Xiao Pangzi" sagen Chinas Eltern gern zu ihrem Nachwuchs. Übersetzt heißt das kleines Dickerchen und ist keineswegs böse gemeint. Doch immer mehr Kinder, vor allem wenn sie der Schicht der Besserverdienenden angehören, entsprechen dem Kosenamen auch figürlich. Denn seit der Modernisierungsoffensive Pekings und der damit verbundenen Orientierung an westliche Gewohnheiten gibt es Dinge zu essen, die vor 20 Jahren in China kaum jemand kannte: Eiscreme, Chips, Pizza und Hamburger. Davon dürfen sich die lieben Kleinen oft so viel nehmen, wie ihr Herz begehrt.

Das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Die Zahl der übergewichtigen Kinder steigt in Peking, Shenzen und Shanghai stark an. Verantwortlich dafür ist die von der chinesischen Regierung propagierte Ein-Kind-Ehe. Viele Eltern neigen dazu, ihren einzigen Sprößling übermäßig zu verwöhnen, egal ob es gesund ist oder nicht.

Ein Ende von Doppelkinn und Spitzbauch ist so schnell nicht in Sicht. Denn das rasante Wirtschaftswachstum und die fortschreitende Industrialisierung haben im Reich der Mitte einen radikalen Wandel der Lebens-, Arbeits- und Essgewohnheiten bewirkt. Während die Chinesen früher vor allem Nudeln, Reis und Gemüse zu sich nahmen, steht heute Fast Food hoch im Kurs. Der wachsende Wohlstand sorgt auch für abnehmende Bewegung. Vorbei auch die Zeiten, zu denen sich viele Menschen frühmorgens im Park versammelten und Tai Chi übten. "Wer es sich leisten kann, der steigt vom Fahrrad auf ein Moped oder gar auf ein Auto um", sagt Cyrill Zimmermann, Fondsberater des Lacuna Asia Pacific Health. Zudem wechseln immer mehr von einer körperlich anstrengenden Arbeit in einen nur wenig kalorienverbrauchenden Bürojob.

Der Boom, der in den vergangenen Jahren regelmäßig für Wachstumsraten zwischen acht und zehn Prozent sorgte, hat daher auch eine Kehrseite: 200 Millionen der 1,3 Milliarden Chinesen gelten als zu dick, 90 Millionen werden als krankhaft fettleibig eingestuft. Wie bedrohlich die Entwicklung ist, zeigen die Zahlen der Weltgesundheitsbehörde WHO. Ihren Angaben zufolge sind bereits sechs von zehn Todesfällen in China auf durch Übergewicht verursachte Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Bluthochdruck zurückzuführen. Sie fordern damit mehr Menschenleben als Malaria, Tuberkulose oder Mangelernährung.

Auch in Indien ist die Wohlstandskrankheit Fettleibigkeit mit ihren Folgeerscheinungen auf dem Vormarsch. Die WHO schätzt, dass schon im Jahr 2010 über 60 Prozent der weltweit an Herzerkrankungen leidenden Patienten Inder sein werden. Bis 2030 werden zudem fast 80 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt sein. Im Jahr 2000 waren es lediglich 31 Millionen. Nicht wenige der Diabetes-Patienten sind gut bezahlte Software-Programmierer aus Madras oder Bangalore. Sie arbeiten regelmäßig zwölf Stunden am Tag und das sechsmal in der Woche. Für Ausgleichssport und vernünftige Ernährung bleibt da kaum noch Zeit.

So alarmierend die Entwicklung auch ist: Für die Pharma- und Biotech-Unternehmen in den Emerging Markets ergeben sich durch den Einzug westlicher Krankheiten neue Chancen. "Die Gesundheitsmärkte in Asien werden in den nächsten Jahren mit rund zehn bis 15 Prozent pro Jahr wachsen", prognostiziert Experte Zimmermann.

China dürfte bis zum Jahr 2050 zum weltgrößten Absatzmarkt aufsteigen. Bislang gibt es aber kaum chinesische Unternehmen, die auch aus der Perspektive eines Investors interessant wären. Doch angesichts des stattfindenden Konsolidierungsprozesses dürfte es nicht mehr lange dauern, bis sich starke nationale Champions herausgebildet haben.

Als deutlich aussichtsreicher gelten aktuell dagegen indische Pharmaunternehmen wie etwa Ranbaxy, Dr. Reddy's oder Wockhardt. Sie sind auf die Herstellung von Generika, den wirkstoffgleichen Kopien bereits existierender Medikamente, spezialisiert. Dank des Trends in den westlichen Staaten, die Gesundheitskosten zu senken, gewinnen die billiger anbietenden Generikahersteller in den Industriestaaten deutlich Marktanteile. Aufgrund der neuen Krankheiten in ihren Ländern können sie die Nachahmerprodukte nun vermehrt auch zu Hause und in anderen Ländern Asiens absetzen. Was die Titel auf lange Sicht zusätzlich interessant macht: Ranbaxy und Dr. Reddy's beginnen selbst, innovative Produkte zu entwickeln.

Neben dem Bedarf wachsen auch die finanziellen Möglichkeiten der indischen Bevölkerung, sich die Medikamente zu kaufen. "Die Mittelschicht wird zahlenmäßig stärker und sie ist im Krankheitsfall gern bereit, mehr Geld für wirksame Therapien auszugeben", sagt Experte Zimmermann.

Zusätzliche Fantasie für indische Gesundheitswerte speist sich aus dem anziehenden Medizintourismus. Unternehmen wie Apollo Hospital oder Wockhardt Hospital bieten Operationen im Vergleich zu westlichen Krankenhäusern zu deutlich günstigeren Konditionen an. So kostet eine Herz-Bypass-Operation in den USA rund 80000 Dollar. In Indien zahlt der Patient dagegen nur 7550 Dollar. Auch wer sich ein künstliches Hüftgelenk einsetzen will, reist besser nach Indien. "Statt der in Großbritannien oder den USA anfallenden 15000 bis 30000 Dollar, muss er in Indien nur 5500 Dollar aufbringen", sagt Zimmermann.

Ein Teil der westlichen Patienten wird sich künftig wohl in Neu Delhi behandeln lassen. Dort entsteht derzeit nach dem Vorbild des John Hopkins Hospitals in den USA die größte Klinik Asiens. In einer ersten Phase soll das Medicity genannte Krankenhaus über 1200 Betten, 44 Operationssäle und zehn Herzlabors verfügen. Zur Klinik gehört auch ein Fünf-Sterne-Hotel, in dem sich die frisch Operierten luxuriös erholen können. Sicher werden die Betreiber darauf achten, dass die Ernährung ausgewogen und nicht zu fett ist. Schließlich wollen die Patienten gesund und nicht als "kleines Dickerchen" nach Hause fahren.

Aktie: Dr. Reddy's Laboratories - Nicht mehr nur Generika


Immer mehr Menschen in Asien leiden an Krebs-, Herz- und Atemwegserkrankungen. Als besonders gefährlich gilt Diabetes. Experten schätzen, dass die Zahl der an Zucker Erkrankten in den vergangenen 20 Jahren von 30 auf 230 Millionen gestiegen ist - sieben der zehn Staaten mit den meisten Diabetes-Fällen sind Entwicklungsländer. Wegen der oft noch mangelhaften Gesundheitsvorsorge und Medizintechnik liegt die Sterblichkeitsrate weit über der westlicher Industriestaaten.
Der im April 2006 aufgelegte Lacuna Asia Pacific Health wird von der Schweizer Anlagegesellschaft Adamant verwaltet. Als Fondsmanager fungiert Cyrill Zimmermann. Der Wirtschaftswissenschaftler lobt vor allem die hohe Forschungs- und Managementkompetenz indischer Unternehmen. In Unternehmen wie Ranbaxy, Lupin, Wockhardt oder Apollo Hospital hat er fast 17 Prozent des sich auf rund 16 Millionen Euro belaufenden Anlagevolumens in Indien investiert. Dazu mischt er Aktien aus Japan, Südkorea, Thailand und Australien. Der China-Anteil im Portfolio ist noch gering. Seit Auflegung befindet sich der Fonds minimal im Minus.
ISIN: LU0247050130
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Gebühr p. a.: 1,75 %
Servicetelefon: 09 11/992 08 80
Tendenz: steigend
Ungewöhnliche Transparenz: Unter www.sparinvest.de veröffentlicht Manager Hans Leitner die komplette Wertpapieraufstellung seines weltweit anlegenden Biotech-Fonds. Den US-Wert Amgen hat er hoch gewichtet. Aber auch der Asien-Anteil im Portfolio wächst. Daewon Pharmaceuticals und Medipost notieren an der Börse in Seoul, Mayne Pharma ist in Sydney gelistet. In den vergangenen zwölf Monaten bringt es der Fonds auf ein Minus von drei Prozent. Nun hofft Leitner, dass die Chancen sich auch in Kursgewinnen widerspiegeln.
Mit einem Plus von über 54 Prozent seit Jahresanfang zählt das indische Pharmaunternehmen Dr. Reddy's (ISIN: US2561352038) zu den stärksten Titeln im indischen Leitindex Sensex. In Deutschland wurde Indiens zweitgrößtes Pharmaunternehmen durch die 480 Millionen Euro schwere Übernahme des Augsburger Generikaanbieters Betapharm bekannt. Neben dem Generikageschäft entwickelt Dr. Reddy's auch innovative Wirkstoffe.
ISIN: AT0000746755
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