16.06.2010 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 24/10

Down Under ganz oben

Kein anderes Industrieland profitiert stärker vom Wirtschaftsboom in Asien als Australien. Die üppigen Rohstoffreserven werden Anleger auch weiter erfreuen. Serie 3 - Die letzten Paradiese
Oliver Ristau

Wenn es bei der Weltmeisterschaft in Südafrika am Sonntag gegen das deutsche Team geht, sind die "Socceroos" nur Außenseiter. Das stört sie nicht, zumal es in der Welt der Wirtschaft ganz anders aussieht. Bei Wachstum und öffentlichen Finanzen hat Down Under Deutschland den Rang eines Spitzenteams längst abgejagt. Während der Internationale Währungsfonds (IWF) 2009 für Deutschland einen starken Rückgang des Bruttoinlandsprodukts konstatierte und für 2010 mit einem mageren Wachstum rechnet, haben die "Aussies" selbst im Krisenjahr 2009 noch einen Zuwachs von 1,3 Prozent erzielt. Dieses Jahr sollen es drei Prozent werden.

Der australische Dynamo wird vor allem von der Nachfrage aus Asien angetrieben. "China ist der Schlüsselmarkt für die australischen Rohstoffe", sagt Stuart James, Fondsmanager bei der Investmentgesellschaft Aberdeen aus Sydney. Denn Australien besitzt im Überfluss, was die boomende asiatische Volkswirtschaft so dringend braucht. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Steinkohle, die Nummer 3 bei Eisenerz sowie Uran und zählt auch bei anderen Rohstoffen wie Gold und Diamanten zu den Topfördernationen. Bei den Reserven ist das Riesenland teils noch besser aufgestellt - etwa mit einer Spitzenposition bei Uran und Nickel.

Die Exporte nach China haben sich laut IWF in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht und machten 2009 mehr als 21 Prozent der Gesamtausfuhren aus. 2015 könnten es bereits 33 Prozent sein. Auch die Nachfrage aus Indien wächst kontinuierlich. In fünf Jahren wird der Subkontinent mit rund elf Prozent der australischen Exporte dieselbe Bedeutung für den Außenhandel haben wie in etwa die USA heute. Deren Anteil sieht der IWF dagegen bis 2015 bei nur noch vier Prozent.

Die Unabhängigkeit vom Euro und Europa macht Australien interessant für Investoren, die den Euro-raum meiden wollen und zugleich nach langfristiger Rendite suchen. "Australien kombiniert die Reife eines Industrielands mit den Chancen eines Emerging-Market-Investments", sagt Wilhelm Schröder, Berater des Australien-Fonds der Münchner Nestor. Dass diese Abhängigkeit auch eine Gefahr birgt, beschreibt er so: "Wenn China Husten hat, bekommt Australien die Grippe."

Doch das Land besteht nicht nur aus Bodenschätzen. "Der Rohstoffsektor macht am Standardbörsenindex ASX 200 rund 30 Prozent aus - und damit genauso viel wie die Finanztitel." Ohnehin steht die heimische Finanzbranche im internationalen Vergleich exzellent da. "Keine australische Großbank ist wegen der Finanzkrise in die roten Zahlen gerutscht." Die Institute sind vor allem binnenorientiert, ihre Bilanzen deshalb frei von toxischen Papieren. Auch der private Konsum ist laut der Industrieländerorganisation OECD mit mehr als 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts eine zentrale Stütze der australischen Wirtschaft. Im Boomjahr 2007 wuchsen die Verbraucherausgaben um fast fünf Prozent und selbst 2009 noch um 2,2 Prozent. Zum Vergleich: Für Deutschland rechnet die OECD trotz Wirtschaftswachstums mit einem Rückgang der privaten Konsumnachfrage um 1,4 Prozent.

Die gute Laune der australischen Verbraucher hat auch damit zu tun, dass Australien - vor der EU und den USA - eines der ersten Länder war, das zur Bekämpfung der globalen Finanzkrise mit einem massiven Konjunkturpaket konterte. 19 Milliarden Australische Dollar (rund 13 Milliarden Euro) wurden vor allem an einkommensschwache Haushalte verteilt, die diese dann zurück in den Wirtschaftskreislauf pumpten. Außerdem gab es Hilfen für den Wohnungsbau und grüne Energien. Die Regierung um Kevin Rudd und Umweltminister Peter Garrett - früher Sänger der Rockband Midnight Oil - hat damit nach einhelliger Meinung von Analysten das Abrutschen in eine Rezession verhindert. "Manche nennen Australien das Land des Glücks. Das war nie zutreffender als während der globalen Finanzkrise. Die während des Rohstoffbooms aufgebauten Überschüsse haben die Wirtschaft vor dem Schlimmsten bewahrt", lobt Fondsexperte James.

Die expansive Ausgabenpolitik hat ihren Preis. Nach neun fetten Jahren, in denen der Staat Gewinne erzielen konnte, ist das Land seit 2008 wieder in die Miesen gerutscht. 2010 rechnet die Regierung mit einem Budgetdefizit von rund drei Prozent. Allerdings kann sich Finanzminister Lindsay Tanner zu Recht über einen im weltweiten Vergleich "extrem niedrigen Verschuldungsgrad" freuen, der im laufenden Jahr sechs Prozent des BIP erreichen und bis 2013 auf maximal zehn Prozent anwachsen werde. Danach plant die Regierung wieder eine Rückkehr zur Überschusspolitik. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Schuldenstand derzeit bei fast 80 Prozent des BIP.

Die solide Finanzierung ist auch die Basis für die Stärke der einheimischen Währung. Die Zinsen liegen derzeit bei 4,25 Prozent. Mittelfristig könnte die Australische Zentralbank den Leitzins auf fünf Prozent anheben. Die Zinspolitik hat zusammen mit der robusten Wirtschaft dazu geführt, dass der Australische Dollar in den letzten anderthalb Jahren kräftig aufgewertet hat. Gegenüber dem Euro gewann er rund 30 Prozent. Spekulativ sei dieser Zuwachs nicht, meint Devisenspezialist Cyrus de la Rubia von der HSH Nordbank. "Die Aufwertung ist gerechtfertigt, weil die Wirtschaft direkt vom Rohstoffgeschäft mit China und Indien profitiert." Zum US-Dollar hat die Währung der Australier in den letzten Wochen wieder nachgegeben. "Gegenüber der US-Währung dürfte das Aufwertungspotenzial mittlerweile begrenzt sein", prognostiziert de la Rubia. Die Entwicklung des Wechselkurses zum Euro hänge entscheidend vom Euro selbst ab.

Zuletzt hatte nicht nur die Währung, sondern auch der Aktienmarkt Rückschläge erlitten. Der ASX 200 sackte von Mitte April bis Anfang Juni von 5000 auf 4400 Punkte ab. Die Regierungspläne zur Einführung einer Sondersteuer auf die Gewinne der Rohstoffriesen drücken seit Wochen auf die Kurse. Großkonzerne wie die australische BHP Billiton, Rio Tinto oder die Schweizer Xstrata haben mit der Aussetzung neuer Minenprojekte gedroht, sollte das Vorhaben Gesetz werden. Es sieht eine 40-prozentige Sondersteuer vor auf den Bruttogewinn nach Abzug einer Marge in Höhe der Rendite für zehnjährige Staatspapiere (rund sechs Prozent). Trotz der massiven Unternehmensschelte erwartet Australien-Profi Schröder keinen Rückzieher der Labour-Regierung. Allerdings dürfte den Unternehmen eine höhere Rendite von elf bis zwölf Prozent zugebilligt werden, bevor die Steuer greife. "Diese Form der Besteuerung existiert bereits für die Ölindustrie des Landes."

Dass der Aktienmarkt in Australien trotz solcher Widrigkeiten für Investoren immer noch attraktiv ist, zeigt der geplante Börsengang der Bilfinger-Tochter Valemus, der dem Unternehmen Anfang Juli rund 800 Millionen Australische Dollar in die Kassen spülen soll. Aberdeen-Fondsmanager James rät Investoren aus Übersee derzeit allerdings eher zu Bonds. Australische Staatsanleihen und Bonds der Provinzen bieten bei gleichem Rating zwei bis drei Prozent mehr Rendite als etwa Bundesanleihen.

Doch Australien hat nach Meinung von James nicht nur Investoren einiges zu bieten. "Australien ist ein erstklassiges Ziel für Touristen." Auch wenn das Spiel gegen Deutschland bei der WM verloren gehe, so verspricht er, werde es in dem gastfreundlichen Land "immer ein kühles Bier und einen warmen Willkommensgruß für unsere deutschen Fußballfreunde geben".

Emittent | ISIN | Laufzeit | Rendite

Staatssanleihen

Australien | AU0000XCLWH5 | 05/2013 | 4,65 %

Australien | AU0000XCLWI3 | 04/2015 | 4,96 %

Australien | AU3TB0000036 | 04/2020 | 5,42 %

New South Wales | XS0175307122 | 08/2014 | 5,28 %

Queensland | US748305BG31 | 09/2017 | 5,69 %

Unternehmensanleihen

ANZ Bank | XS0482454716 | 02/2013 | 5,53 %

Com.wealth Bank | XS0409356903 | 01/2012 | 4,60 %

Telstra | XS0482454716 | 04/2015 | 6,69 %

1) alphabetisch sortiert | Quelle: Bloomberg

Aberdeen Australasian Equity A2 - Minen und Mäuse


Die australische Wirtschaft expandiert trotz der globalen Finanz- und Schuldenkrise. Auch in Zukunft soll Australien dank des hohen Rohstoffbedarfs Asiens positive Wachstumszahlen aufweisen können.
Australische Staatsanleihen und Anleihen der australischen Bundesstaaten mit einem Aaa-Rating bieten in der Regel bessere Renditen als deutsche Staatsanleihen. Unter australischen Unternehmensanleihen bieten insbesondere Banken mit einem guten Rating (Commonwealthbank: Aaa; Australien and New Zealand Bank: Aa1) solide Renditen. Auch die Anleihe des Lebensmittelkonzerns Telstra mit einem Rating von A2 ist interessant. Achtung: Angesichts des geringen Handelsvolumens der australischen Bonds in Deutschland sind die Anleihen vor allem für Buy-and-Hold-Anleger empfehlenswert.
Der von Sydney aus gemanagte Australien-Fonds der britischen Aberdeen hat seinen Investoren seit Januar 2009 einen satten Gewinn von 71 Prozent beschert. Gut für Anleger, die neben den Rohstoffen auch von der australischen Binnenkonjunktur profitieren wollen. Dafür sorgt die mit 35 Prozent überproportionale Gewichtung der Finanztitel. Die weltweit führende Bergbaubranche ist durch die Rohstoffriesen BHP Billiton und Rio Tinto mit zwei Schwergewichten stark vertreten. Der in Australischen Dollar investierte Fonds schützt Anleger außerdem vor Negativentwicklungen des Euro. Er ist derzeit ausschließlich in Australien investiert, kann aber auch Chancen in neuseeländischen Aktien nutzen. Als Alternative zum Aberdeen-Fonds gibt es den Nestor-Australien-Fonds (ISIN: LU0147784119), der volatiler als das Aberdeen-Portfolio ist. Der Fonds ist stärker auf die Roh- und Grundstoffbranche ausgerichtet und investiert auch in kleinere Werte. Derzeit favorisiert das Management unter anderem den Goldförderer Catalpa Resources.
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Oskar

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