08.07.2007 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 27/07

Rockefellers Billionen-Erbe

Der Ölgigant Exxon Mobil ist das größte und wertvollste Unternehmen der Welt. Unbeirrt steuert der Tanker auf einen sagenhaften Börsenwert von 500 Milliarden Dollar zu
von Günter Heismann

Rex Tillerson kann den viel zitierten Champagner kaltstellen. Geht es mit den Kursen weiter munter aufwärts, darf er schon bald einen historischen Rekord feiern: Sein Unternehmen, der Ölgigant Exxon Mobil, könnte als erster Konzern der Welt an der Börse mehr als eine halbe Billion Dollar wert sein. Bereits Anfang Juli betrug die Marktkapitalisierung 464 Milliarden. Eine halbe Billion – für die gigantische Summe wäre nahezu der halbe DAX zu haben. Amerikas größter Konzern kostet schon heute so viel wie Allianz, Daimler, E.on, Siemens und Telekom – die fünf wertvollsten deutschen Börsengesellschaften – zusammen.

Es ist nicht der einzige Rekord, auf den Tillerson anstoßen darf. Exxon erzielte 2006 einen Umsatz von 371 Milliarden Dollar, so viel wie kein anderes Indust­rieunternehmen der Welt und mehr als das Sozialprodukt von Österreich. Vor allem aber streicht Exxon die weltweit höchsten Profite ein. Im vergangenen Jahr konnte der Ölmulti den Gewinn nach Steuern um neun Prozent auf 39,5 Milliarden Dollar hieven. Auf der Weltrangliste folgen ebenfalls zwei Ölkonzerne – Shell mit 26,3 Milliarden und BP mit 22,3 Milliarden Dollar Reingewinn.

Den Spitzenrang hat Exxon nicht allein dank eines guten Managements, einer hohen Innovationskraft und eines raffinierten Marketings errungen. Mindestens ebenso wichtig waren günstige Startvoraussetzungen auf dem Heimatmarkt und die immensen Markteintrittsschwellen, die neue Wettbewerber in der sehr kapitalintensiven Ölindustrie überwinden müssen. Dank der ungeminderten Abhängigkeit der Industrieländer vom Öl können Exxon und Co ihre monopolartige Stellung wohl noch jahrzehntelang behaupten.

Am Anfang stand John D. Rockefeller, Inbegriff der ebenso tatkräftigen wie skrupellosen Kapitalisten, die die USA zur führenden Industrienation machten. Ende des 19. Jahrhunderts schuf er die legendäre Standard Oil Company, die rasch zur alles beherrschenden Macht in der US-Ölindustrie wurde. Aufgrund öffentlicher Proteste entschied der Obers­-te Gerichtshof 1911, den Konzern in 34 Gesellschaften aufzuspalten. Zu den wichtigsten Nachfolgefirmen gehörten die Standard Oil Company of New Jersey (später Exxon) und die Standard Oil Company of New York (Mobil). 1998 vereinigten sich beide zu Exxon Mobil.

Zwei Faktoren begünstigten den Aufstieg der Ölmultis. Zum einen konnten sie im eigenen Land auf sprudelnde Ölquellen zugreifen. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren die USA eines der größten Förderländer der Welt. Zudem bildete Nordamerika damals den wichtigsten Verbrauchermarkt. Einige Jahrzehnte früher als in Europa setzte dort die Massenmotorisierung ein.

Um angesichts der wachsenden Schar von Autofahrern das Produktprofil zu schärfen, ließ Mobiloil bereits 1920 den Firmennamen als Marke eintragen – damals für ein Rohstoffunternehmen ein höchst ungewöhnlicher Schritt. Heute sind die Marken Esso, Exxon und Mobil, unter denen der Konzern in rund 100 Ländern Benzin, Diesel und Motoröl verkauft, Dutzende von Milliarden Euro wert. Die hohen Investitionen, die für den Aufbau neuer Kraftstoff- Marken erforderlich wären, bieten im Wettbewerb einen wirksamen Schutz vor Newcomern. Ganz ähnlich können nur wenige Konzerne die gigantischen Summen aufbringen, die für die Exploration und Erschließung neuer Ölquellen nötig sind. Ein Ölfeld, das tief unter dem Meeresboden und Hunderte von Meilen vor der Küste liegt, verschlingt schon mal Investitionen von 20 Milliarden Euro. Über die erforderliche Finanzkraft verfügen neben den westlichen Multis nur einige staatliche Ölgesellschaften aus den Förderländern.

Doch Staatskonzerne wie Lukoil oder Petrobras sind überwiegend in der Förderung aktiv und haben weder international bekannte Marken noch dicht geknüpfte Tankstellennetze. Anders als im Upstream-Geschäft (Exploration und Förderung) bleiben Exxon und Co im Downstream-Markt (Raffinerie und Vertrieb) auch künftig unter sich. Die westlichen Ölmultis kontrollieren alle Stufen der Wertschöpfung. So können sie ein Minus in dem einen Geschäft leicht mit einem Plus in einer anderen Sparte ausgleichen. Den Rückgang der Ölpreise im ersten Quartal 2007 machte Exxon im Raffineriegeschäft mehr als wett. Der Gewinn wuchs um knapp eine Milliarde auf 9,3 Milliarden Dollar.

Mit großem Optimismus blickt der Branchenprimus in die Zukunft; Öl ist gefragter denn je. Laut der Internationalen Energie-Agentur wird die Förderung von derzeit 80 Millionen Barrel pro Tag bis zum Jahr 2030 auf über 110 Millionen Barrel steigen. Es sei „unrealistisch“, sich aus der Abhängigkeit von Öl zu befreien, schrieb Exxon-Chef Tillerson jüngst an George W. Bush. Er fühlt sich auf die kommende Öl-Bonanza bestens vorbereitet. „Wir haben im vergangenen Jahr die Investitionen um zwölf Prozent auf 19,9 Milliarden Dollar erhöht“, so Tillerson. Mit seinem Expansionskurs setzt sich Exxon von den wichtigsten Konkurrenten in Europa ab. Mit 22 Milliarden Barrel verfügt der Konzern über die weltweit größten sicher nachgewiesenen Öl- und Gasreserven. Dazu kommen weitere 50 Milliarden Barrel vermutete Vorkommen. BP meldet hingegen lediglich 15,5 Milliarden gesicherte Reserven, Shell 13 Milliarden Barrel. Der Abstand könnte noch wachsen: Exxon hat in jüngster Zeit meist mehr neue Lagerstätten erschlossen als bereits bekannte Vorkommen ausgebeutet. Bei BP und Shell ist es umgekehrt: Sie werden, wie Experten vermuten, schon bald „Peak Oil“ erreichen – den historischen Höhepunkt der Förderung. Daher setzen beide auf erneuerbare Energien wie Biomasse, Sonne, Wind und Wasserkraft.

Exxon hingegen will von grünen Alternativen zum Öl (noch) nicht viel wissen. Künftig will man massiv in die Förderung von Erdgas und dessen Umwandlung in Flüssiggas (LNG) investieren. Bis 2015 soll der Absatz von 30 Millionen auf 80 Millionen Tonnen steigen. Das Management scheint zu kalkulieren: Öl und Gas tragen derzeit höhere Gewinne ein als Energie aus Sonne oder Wind. Im vorigen Jahr konnte Exxon eine Eigenkapitalrendite von 17,6 Prozent erwirtschaften, deutlich mehr als BP und Shell. Die Strategie von Exxon mag nicht sonderlich gut fürs Klima sein. Den Aktionären bringt sie hingegen schöne Dividenden – und vielleicht bald schon einen Börsenwert von 500 Milliarden Dollar.

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Oskar

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