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08.04.2001 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 14/01

So legen nur Narren an

"Bilden, amüsieren und bereichern - so das Motto der US-Website Motley Fool. Der Absturz der Börsen lässt die Narren kalt. Hat Ihnen Ihr Anlageberater schon mal empfohlen, Ihren Kopf rhythmisch und mit Wucht an die Wand zu schlagen? Oder hat er Ihnen jemals geraten in Tränen auszubrechen, wenn Ihr Broker anruft? Tritt er mit einer Narrenkappe im Fernsehen auf und verteilt Aktientipps? Die Leute von Motley Fool (zu Deutsch: scheckiger Narr) aus Alexandria im US-Bundesstaat Virginia machen das. Und die Amerikaner lieben sie dafür. Der Internet-Auftritt fool.com gilt als eine der erfolgreichsten Finanzseiten im Web und hat zwei Millionen registrierte Nutzer. Die Kolumnen der Fool-Gründer David und Tom Gardner erscheinen in 150 Zeitungen, 120 US-Radiosender strahlen ihre Show aus. Sie treten im Fernsehen und auf Anlegermessen auf. Und sie haben vier Bücher zum Thema Geldanlage geschrieben, die alle auf der Bestsellerliste landeten. Woher kommt dieser Erfolg? ""Es begann alles mit Schokoladenpudding"", antworten die Gebrüder Gardner auf diese Frage. Denn der Vater der beiden pflegte im Supermarkt zu sagen: ""Seht ihr diesen Pudding? Uns gehört ein Stückchen von der Firma, die diesen Pudding herstellt! Jedes Mal, wenn jemand diesen Pudding kauft, ist das gut für unsere Firma. Also los, holt noch welchen!"" Fakten, Frohsinn und Finanzen - diese Kombination ließ die Brüder nicht mehr los. 1993 riefen die beiden gemeinsam mit einem Freund einen 16-seitigen Börsen-Newsletter ins Leben. Der war jedoch nicht besonders erfolgreich. 1994 entdeckte Tom Gardner das Internet. Mit einem Diskussionsforum bei AOL begann der Aufstieg von Motley Fool. Das Geheimnis ihres Erfolges steckt eigentlich schon im Namen: Die Figur des Motley Fool stammt aus den Dramen von Shakespeare. In seinen Theaterstücken, wie auch in vielen Märchen, ist der Hofnarr der Einzige, der dem König unverblümt die Wahrheit sagen kann, ohne dafür geköpft zu werden. Und das schafft er, indem er die Wahrheit in lustige, leicht verständliche Geschichten verpackt. Genauso möchten die Gardner-Brüder, die Hofnarren, dem ""König"" Kleinanleger ihre Wahrheit über Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften präsentieren. Sie verzichten auf komplizierte Fremdwörter und erklären die Welt der Börse in verständlicher Sprache. Sie sind unabhängig und verlieren nie ihren Humor. Und: Die Infos sind kostenlos. Die Botschaft, die dahinter steckt, lässt sich wohl am besten mit dem Satz: ""Du kannst mehr, als Du denkst"" zusammenfassen. Anleger könnten ihr Geld viel besser selbst anlegen, als diese Aufgabe jemand anderem zu überlassen. Das dauere nur wenige Stunden im Monat, man müsse kein großer Mathematiker sein und könne sogar Spaß dabei haben. Und: Der Besitz von besonderem Finanz-Fachwissen ""könne von Nachteil sein"", behaupten David und Tom Gardner. Die Fools halten es lieber mit einfachen Fakten. Der Aktienmarkt hat zum Beispiel in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten im Durchschnitt eine jährliche Rendite von 14 Prozent erzielt und damit das Sparbuch oder festverzinsliche Anlagen deutlich geschlagen. Also investieren die ""Narren"" an der Börse. Viele Fonds schneiden über zehn Jahre betrachtet wesentlich schlechter ab als die Aktienindizes, insbesondere, wenn man die Gebühren berücksichtigt. Also investieren die Narren vorzugsweise nicht in Fonds, höchstens in Indexfonds. Und ihre Aktien halten sie lange, mindestens fünf Jahre, besser zehn Jahre und länger. Warum? Zwei, drei Jahre Bärenmarkt kamen in der Geschichte immer wieder vor. Doch langfristig ist die Aufwärtstendenz der Aktienmärkte ungebrochen. Zweiter Vorteil des langen Atems: Der Anleger spart. Gebühren und Steuern. Denn am häufigen Kaufen und Verkaufen von Aktien verdient meistens nur einer: die Bank. Außerdem glauben die Narren, dass das viel propagierte ""einsteigen, wenn die Kurse unten sind, aussteigen, wenn sie ganz oben sind"", nie richtig funktioniert. Weil niemand genau weiß, wann die Aktienkurse oben und wann sie unten sind. Wer sich jetzt angesprochen fühlt und eines der Bestseller-Bücher der Gardners ersteht, wird überrascht sein. Denn er hält mitnichten 300 eng mit Aktientipps bedruckte Seiten in den Händen. Die Narren finden, dass es erst mal eine ganze Reihe von einfachen Wahrheiten zu bedenken gibt, bevor man sich an die Börse wagt. Getreu dem Motto ""bilden, amüsieren, bereichern"" steht das Lernen an erster Stelle. Das kann bei Motley Fool erstaunlich kurzweilig sein (siehe Zitate oben). Die Gardner-Brüder rechnen zum Beispiel vor, warum sie es für unklug halten, Geld ins Spielcasino oder in die Lottoannahmestelle zu tragen. Sie mahnen, auf keinen Fall Geld anzulegen, bevor man nicht alle Schulden losgeworden ist - weil Kreditzinsen jeden Börsenerfolg auffressen. Sie beschreiben sogar minutiös, wie man sich beim Auto- und Hauskauf nicht über den Tisch ziehen lässt. Und sie erklären das ""Wunder des Zinseszinses"". Und spätestens angesichts dieser Zahlen dürfte jedem klar sein, dass das langfristige Investieren durchaus einen gewissen Charme hat. Das Beispiel der Fools: Frau X entschließt sich mit 20 Jahren, jeden Monat 100 Mark in Aktien anzulegen. Mit 30 Jahren gibt Frau X den Sparplan auf und lässt die bisher erworbenen Aktien einfach liegen. Weiterhin angenommen, die durchschnittliche Rendite beträgt 14 Prozent. Wenn Frau X 40 ist, ist das Depot 91400 Mark wert. Und mit 60 hat sie dann 1,26 Millionen. Herr Y fängt erst mit 30 Jahren an 100 Mark pro Monat zu denselben Bedingungen anzulegen, hält dafür aber durch bis er 60 ist. Y hat am Ende nur 460000 Mark. Dank des Zinseszinseffektes besitzt Frau X also mit 60 Jahren mehr als doppelt so viel Geld wie Herr Y, obwohl sie nur 10 Jahre früher mit dem Sparen angefangen hat. Daher lohnt es sich aus Sicht der Motley-Fool-Leute, beim Anlegen einen langen Atem zu haben. Wie finden die Narren die richtigen Aktien? Um dieses Thema kreist der Großteil der Artikel auf der Webseite. Täglich kommen so viele Informationen dazu wie in ein mittleres Taschenbuch passen. Motley Fool führt mehrere Musterdepots mit echtem Geld. ""Deswegen fallen uns Entscheidungen auch nicht leicht"", sagen die Gardners. ""Denn das ist unser Geld, nicht Eures."" Die Depots haben ganz verschiedene Ansätze und Risikoabstufungen (siehe Kästen). Zur Zeit ist das Rule-Breaker-Portfolio weit im Plus, während das technologielastige Rule-Maker-Depot im vergangenen Jahr ins Minus rutschte. Beide vereint das Ziel, auf lange Sicht die Indizes zu schlagen. Und ""lange"", das heißt bei Motley Fool nun mal fünf, zehn Jahre oder länger. Daher wundert es auch nicht, dass die derzeitige Lage an den Aktienmärkten die Narren völlig kalt lässt. Denn sie beabsichtigen überhaupt nicht, in der nächsten Zeit zu verkaufen. Und in fünf, zehn oder 30 Jahren kräht kein Hahn mehr nach der Börsenhysterie von 2001. Bis dahin machen es sich die närrischen Anleger gemütlich und schonen ihre Nerven. Ganz schön verrückt, oder? STRATEGIE NR. 1: Rule Maker - die Regelmacher Das Rule-Maker-Depot startete im Februar 98. Im Moment verzeichnet es einen Verlust von rund 33 Prozent. Das Depot ist zunächst auf zehn Jahre angelegt. Als Rule Maker gelten Unternehmen, die sehr bekannt sind, einen Markennamen haben, Dinge verkaufen, die jeder braucht, und zwar am besten in regelmäßigen Abständen. Und das sollte auch in Zukunft so bleiben. Harte Fakten: ein Umsatzwachstum von zehn Prozent, Bruttomargen von mindestens 50 Prozent, mindestens eineinhalbmal so viel Bargeld wie Schulden. Der Umsatz sollte über einer Milliarde Dollar liegen, der Börsenwert über fünf Milliarden Dollar. Das Depot: American Express, Cisco, Intel, JDS Uniphase, Johnson & Johnson, Coca-Cola, Microsoft, Nokia, Pfizer, Schering-Plough, T. Rowe Price Group, Yahoo. STRATEGIE NR. 2: Rule Breaker - die Regelbrecher Das wesentlich riskantere Rule-Breaker-Depot wurde im August 94 ins Leben gerufen. Das Startkapital betrug 50000 Dollar, heute ist es 323000 Dollar wert. Das entspricht einem Gewinn von 546 Prozent, die jährliche Rendite betrug rund 32 Prozent. Verkauft wurden bislang nur Teile - um neue Investitionen zu ermöglichen. Für das Rule-Breaker-Depot sucht Motley Fool Unternehmen wichtiger Wachstumsbranchen aus. Innerhalb dieser ""Branchen von morgen"" sollten die Rule Breaker Marktführer sein, einen dauerhaften Vorsprung gegenüber der Konkurrenz und ein exzellentes Management haben. Auch eine bekannte Marke wird gern gesehen. In der Vergangenheit sollte die Aktie schon eine große Wertsteigerung durchgemacht haben, die meisten Rule Breaker wurden schon als überbewertet bezeichnet. Das Depot: Amgen, Amazon, AOL, Celera Genomics, Ebay, Human Genome Sciences, Starbucks. Motley-Fool-Websites: www.fool.com, www.fool.co.uk, www.fool.de. Die deutsche Seite wird nicht mehr aktualisiert. Bücher: Das Investment-Dschungelbuch, W. Rauter, Motley Fool You have more than you think (engl.), D. u. T. Gardner, Simon & Schuster Investment Guide (engl.), D. u. T. Gardner, Simon & Schuster Rule Breakers, Rule Makers (engl.), D. u. T. Gardner, Simon & Schuster"

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