18.07.2009 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 29/09

"Grausamkeiten nach der Wahl"

Volkswirte rechnen mit Steuererhöhungen. Keine Kreditklemme. Ökonomen-Barometer stabilisiert
Wolfgang Ehrensberger

Dem drastischen Anstieg der Neuverschuldung des Bundes in den kommenden Jahren mit weniger Staatsausgaben zu begegnen wäre eigentlich der Königsweg. Doch genau das trauen die führenden deutschen Ökonomen der politischen Zunft dieses Landes am allerwenigsten zu.

"Der Mut wird fehlen", sagt Alfred Boss vom IFW Kiel und spricht damit stellvertretend für die meisten der im Ökonomen-Barometer für Juli befragten Volkswirte. "Einschnitte auf der Ausgabenseite, die die Defizite substanziell verhindern könnten, sind politisch kaum vorstellbar", erläutert Friedrich Heinemann vom ZEW Mannheim. So rechnen neun von zehn Experten damit, dass es nach den Bundestagswahlen Steuererhöhungen geben wird. "Nach den Wahlen kommt die Zeit der Grausamkeiten", prophezeit Wolfgang Pflüger von der Berenberg Bank.

Wenn schon Steuererhöhungen, dann empfehlen zwei Drittel der Ökonomen eine Anhebung der Mehrwertsteuer. Dies könne über eine Abschaffung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes geschehen, sagen Rolf Peffekoven von der Uni Mainz, aber auch Lothar Heßler von HSBC Trinkaus. "Die Mehrwertsteuer trifft alle Bürger und macht ihnen klar, dass Staatsausgaben nicht umsonst zu haben sind", erläutert Ulrich van Suntum von der Uni Münster.

Trotz zahlreicher Klagen über eine mangelhafte Kreditversorgung der Unternehmen in Deutschland sehen die meisten Ökonomen (61 Prozent) noch keine flächendeckende Kreditklemme in Deutschland. "Es deutet sich aber an, dass die Kreditvergabe in den kommenden Monaten noch erheblich restriktiver werden könnte", so Kai Carstensen vom Ifo-Institut. Ob die reduzierte Kreditvergabe eher durch restriktivere Banken oder durch geringere Nachfrage der Kreditnehmer hervorgerufen wird, an dieser Frage scheiden sich die Geister. "Die deutschen Firmen können sich gut selbst finanzieren und haben solide Bilanzen. Deshalb bleibt die Kreditnachfrage vergleichsweise niedrig", so Catherine Stephan von BNP Paribas. Boris Augurzky vom RWI beleuchtet das Problem von der Angebotsseite: "Banken reduzieren die Kreditvergabe, um ihre Kernkapitalquote zu stabilisieren. Ein Euro weniger Kernkapital bedeutet im Schnitt 25 Euro weniger Kredite. Das ist ein enormer Hebel." Einig sind sich die meisten Ökonomen darin, dass die Banken nicht über Sanktionen zu einer Ausweitung der Kreditvergabe gezwungen werden sollten. "Das wäre ein schwerwiegender Schritt in Richtung Sozialismus", warnt Jürgen von Hagen von der Uni Bonn. "Dann können wir gleich die Banken verstaatlichen", ergänzt Klaus Conrad von der Uni Mannheim.

Eine Verschmelzung der Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin und der Bundesbank befürwortet rund die Hälfte der befragten Experten. Hauptargumente dafür sind Bündelung von Kompetenz und Verantwortung. So sehen es Stephan Klasen von der Uni Göttingen, Walter Krämer von der Uni Dortmund und Ernst Eberlein von der Uni Freiburg. Gegner warnen vor Zielkonflikten. "Die Bundesbank hat das geldpolitische Ziel der Geldwertstabilität. Sie sollte nicht zusätzlich das der Finanzmarktstabilität anstreben", warnt Wolf Schmidt von der Bundeswehr-Uni Hamburg.

Das Ökonomen-Barometer von Euro am Sonntag und n-tv steigt bei der Einschätzung der aktuellen Lage nach zwei Minusrunden im Mai und Juni in diesem Monat auf einen Indexstand von 19,77 (Vormonat: 15,90) Punkten. Auch die Prognose für die kommenden zwölf Monate hat sich kräftig erhöht: von 14,80 auf 18,22. Diese Ausschläge sind bei dem insgesamt noch niedrigen Indexstand nicht ungewöhnlich, aber noch wenig aussagekräftig. Dass es kaum noch Nennungen für eine sehr schlechte Einschätzung gibt, könnte aber eine Konsolidierung anzeigen.

Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 8. bis zum 15. Juli über 300 Volkswirte in Banken, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsverbänden befragt.

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Oskar

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