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30.12.2007 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 52/07

Die windigen Basken

Der spanische Energieversorger Iberdrola und seine Tochter Iberdrola Renovables mischen bei erneuerbaren Energien ganz vorn mit. Das zahlt sich aus

von Oliver Ristau

Don Quijote hätte nichts zu lachen, angesichts der unzähligen Windmühlen, die sich heute in Spanien drehen. Damals, als der Schriftsteller Miguel Cervantes die mittelalterliche Romanfigur in der La Mancha gegen die Rotoren reiten ließ, gab es nur eine Handvoll davon. Doch Ende 2007 bewegen sich Zehntausende im ganzen Land, die mit ihrer Leistung von zusammen rund 13.000 Megawatt (MW) für fast zehn Prozent des spanischen Strombedarfs sorgen. Weltweit drehen sich nur in Deutschland noch mehr Strom liefernde Windräder.

Doch während hierzulande die eingesessenen Energieversorger wie E.on und RWE das Windgeschäft über Jahre ignorierten und vor allem Geschlossenen Fondsgesellschaften die Finanzierung der heimischen Windparks überließen, wehte in Spanien ein anderer Wind. Zwischen Pyrenäen, Atlantik- und Mittelmeerküste hat die heimische Strom- und Bauwirtschaft das Geschäft fest im Griff; allen voran die im baskischen Bilbao ansässige Iberdrola SA. Angefangen hat alles mit der Wasserkraft. Als Spanien Anfang des letzten Jahrhunderts landesweit die Flüsse aufstaute, um Strom für die beginnende Industrialisierung zu erzeugen, waren Iberdrolas historische Vorläufer Hidroeléctrica Española und Iberduero mit dabei. Noch heute leistet die Wasserkraft mit rund 17 Prozent einen wesentlichen Beitrag für Iberdrolas heimischen Strom-Mix. Kohle- und Ölkraftwerke machen weniger als zehn Prozent aus. Zentrales Standbein in der Strom­erzeugung ist die Kernenergie mit 37 Prozent vor effizienten Gaskraftwerken mit 21 Prozent. Doch eine Energiequelle genießt bei Iberdrola absolute Priorität: die Windenergie.

„Dank unseres frühzeitigen Einstiegs in diesen Markt sind wir heute der größte Windstromerzeuger der Welt“, erklärt Iberdrola-Vorstandschef Ignacio Galán stolz. Ende September 2007 betrug die installierte Leistung an Windparks 7000 MW – mehr als alle Windkraftanlagen Portugals, Frankreichs und Italiens zusammen. „Diese Führungsposition werden wir Dank unserer Präsenz in neun der zehn größten Windmärkte weiter stärken“, zeigt sich der Spanier überzeugt. „Dafür steht uns eine Projektpipeline von weltweit 41.000 MW zur Verfügung.“

Der Erfolg Iberdrolas im Regenerativgeschäft ist eng mit dem 57-jährigen Ingenieur aus Salamanca verbunden, der seit 2001 die Geschicke des zweitgrößten spanischen Stromerzeugers lenkt. Er sorgte dafür, dass Iberdrola auf dem Heimatmarkt und im Ausland Windpark nach Windpark realisierte. Auch die jüngsten Übernahmen von Großbritanniens fünftgrößtem Stromerzeuger Scottish Power und der US-Energieholding East Energy dienten diesem Ziel. Beide Firmen verfügen über eine Reihe von Windparks. Nicht zuletzt der erfolgreichen Ökostromstory wegen ist der Lenker des Euro-Stoxx-50-Werts 2006 vom Branchendienst Platts zum weltweiten Energiemanager des Jahres erkoren worden.

Auch mit seinem jüngsten Coup hat Galán, so scheint es, alles richtig gemacht. „Der Zeitpunkt für den Börsengang von Iberdrola Renovables war genau richtig“, urteilt Peter Wirtz, Analyst der Düsseldorfer WestLB. „Investoren sind derzeit bereit, eine Prämie zu bezahlen.“ Am 13. Dezember kam die Regenerativ-Tochter Iberdrolas an die Börse und erzielte in den ersten Handelstagen leichte Gewinne. Es war die mit 4,5 Milliarden Euro zudem größte Neuemission 2007 im Euroraum.

„Für Investoren gibt es jetzt die Möglichkeit, ihr regeneratives Portfolio zu diversifizieren.“ Iberdrola Renovables stelle eine Alternative zur Solarbranche dar. Das Business jedenfalls, versichert Iberdrola-Chef Galán, lohnt sich. Obwohl der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen des Börsenkandidaten zum 30. September gegenüber Vorjahr um zwölf Prozent auf 359,4 Millionen Euro gefallen war, erwirtschaftete das Windgeschäft immer noch knapp zehn Prozent des operativen Konzerngewinns der Mutter und 18 Prozent des Ertrags aus deren heimischem Energiegeschäft – angesichts eines Anteils von elf Prozent am Strom-Mix ein stattlicher Beitrag. „Iberdrola Renovables“, versichert Galán, „kann sich der vollen Unterstützung der Mutter sicher sein.“ Auch nach dem Börsengang bleibt Iberdrola mit 80 Prozent uneingeschränkter Herr im Haus und profitiert damit auch zukünftig von dem ertragsstarken Geschäft: 20 bis 25 Prozent des Nettogewinns sollen ab 2008 als Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet werden. Mit dem Emissionserlös will Iber­drola vor allem die Schulden der Tochter begleichen, die vor dem Börsengang mit netto 3,8 Milliarden Euro 72 Prozent der Bilanzsumme ausmachten. Die teuren Übernahmen von Scottish Power und East Energy haben rund 20 Milliarden Euro gekostet. Mit dem Schuldenabbau soll die Kreditwürdigkeit wieder verbessert werden, um künftige Finanzierungskosten zu senken. Denn der Börseneuling will Jahr für Jahr 2000 MW neue Windparks errichten oder erwerben. Das entspricht einer Investition von zwei Milliarden Euro pro Jahr. Mittelfristig will Iberdrola zudem in neue regenerative Bereiche wie solarthermische Kraftwerke, Biomasse und Wellenkraftwerke einsteigen.

Nach Ansicht von Alberto Gandolfi von UBS dürfte der erfolgreiche Börsengang Iberdrolas Nachahmer finden: „Wir erwarten weitere Spin-offs.“. Er nennt den spanischen Baukonzern Acciona und den portugiesischen Energieerzeuger EDP, die zu den größten Windparkbetreibern Europas zählen. Die Essener RWE hat ebenfalls eine „grüne“ Tochter gegründet und will bis 2020 den Anteil des Ökostroms an der Gesamterzeugung auf 20 Prozent vervierfachen. Für Anleger bleibt aber vor allem Iberdrola inte­ressant. „Jeder Euro Kursgewinn für Iberdrola Renovables steigert den Wert der Mutter um 0,20 Euro.“ Weiteres Plus: Im Vergleich zu den Wettbewerbern in Spanien etwa ist Iberdrolas Stromerzeugung weit weniger CO2-intensiv - ein großer Vorteil hinsichtlich des Emissionshandels.

Dazu kommen lukrative Beteiligungen in Lateinamerika, wo die Basken seit Mitte der 90er rund elf Milliarden Euro im Energiegeschäft investiert haben. In Mexiko ist Iberdrola landesweit der größte Stromerzeuger, in Brasilien das Unternehmen mit dem bedeutendsten Leitungsnetz. Früher defizitär, hat sich Lateinamerika-Geschäft mittlerweile zu einer wichtigen Umsatz- und Ertragssäule des Konzerns entwickelt. 2006 sorgte es für ein Fünftel des Konzerngewinns. Weitere Akquisitionen sind nicht vom Tisch. „Vor dem Hintergrund hoher Liquidität in der Branche erwarten wir, dass die Übernahmeaktivitäten in Europas Energiesektor in der zweiten Hälfte 2008 zunehmen werden“, sagt UBS-Experte Gandolfi. „Iberdrola könnte da wieder ein Thema werden.“

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