09.11.2008 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 45/08

Krise am Köcheln

Schwache Nachfrage, sinkende Preise: Die deutsche Stahlindustrie bekommt die Krise extrem zu spüren. Warum ThyssenKrupp und Co dennoch investieren – und für Anleger interessant sind.
von Günter Heismann

Wohl selten haben Experten ihre Prognosen so rasch und so heftig korrigiert wie jetzt die Stahlanalysten von Goldman Sachs. Noch Ende September zeichnete die US-Bank ein recht freundliches Bild der europäischen Stahlindustrie. Gut vier Wochen ­später sagt sie nun drastisch sinkende Gewinne voraus: ThyssenKrupp werde im nächsten Geschäftsjahr nur 600 Millionen Euro nach Steuern verdienen – bisher war Goldman Sachs von 1,9 Milliarden ausgegangen. Bei Salzgitter senkten sie die Gewinnprognose für 2009 sogar von 940 auf 193 Millionen Euro. Ähnlich rigoros senkte auch die Citi­group ihre Prognosen.

Ausgelöst hat den Sinneswandel der jähe Sturzflug der Stahlpreise. Fünf Jahre lang herrschte in der Branche Hochkonjunktur, die Hersteller konnten fast nach Belieben die Preise heraufsetzen. Damit ist es jetzt vorbei: Ende September kostete Warmbandstahl in Deutschland nur noch 680 Euro pro Tonne – 13 Prozent weniger als nur vier Wochen zuvor. „Das ist der stärkste Rückgang in einem Monat seit 1985“, sagt Goldman-Experte Peter Mallin-Jones.

Der Preisrutsch dürfte anhalten. Nächstes Jahr werde eine Tonne Warmbandstahl im Schnitt nur mehr 550 Dollar (rund 425 Euro) kosten, prophezeit die Citigroup. 2010 könnte der Preis sogar auf 400 Dollar fallen. Mit einem Kraftakt will Weltmarktführer ArcelorMittal den Preisver-fall bremsen. Der Konzern, der in Deutschland zweitgrößter Stahlhersteller nach ThyssenKrupp ist, plant, die Produktion von Flachstahl um bis zu 30 Prozent in Europa und bis zu 35 Prozent in den USA zu kürzen. Andere machen es ähnlich.

So kündigte am Donnerstag die Salzgitter AG an, die Produktion in zwei Marktsegmenten um 30 Prozent zu kürzen. Grund seien Auftragsrückgänge, so ein Sprecher. Die Prognose für das Gesamtjahr will der MDAX-Konzern aber nicht zurücknehmen. „Der Ausblick ist stabil“, heißt es. ThyssenKrupp will die Zukäufe von Brammen (Rohmaterialform) am freien Markt wegen sinkender Nachfrage nach Flachprodukten aus Qualitätsstahl komplett zurück fahren. In den nachgeschalteten Verarbeitungslinien für Warmband und kaltgewalzte sowie beschichtete Flachprodukte werden zudem die Anzahl der Schichten gekürzt. Die Stillstände sollen für notwendige Reparatur- und Umbaumaßnahmen genutzt werden.

Die globale Wirtschaftskrise trifft die Branche mit doppelter Wucht. Zum einen drehen die Banken den Geldhahn zu. Darunter leiden Stahlhändler wie Klöckner & Co. Viele von ihnen müssen ihre Lagerbestände abbauen, um fällige Kredite zurückzahlen zu können. „Panikartige Lagerverkäufe“ hat Citigroup-Analyst Johan Rode beobachtet. Das schickt die Preise auf Talfahrt.

Obendrein zwingt die Finanzkrise zu einer Änderung der Strategie. Ursprünglich wollte Europas größter unabhängiger Stahlhändler Klöckner auch künftig wie in den Jahren zuvor eine Reihe kleinerer Konkurrenten aufkaufen. Doch die Banken wollen die geplanten Übernahmen jetzt nicht mehr zu den alten günstigen Konditionen finanzieren. „Deshalb haben wir unsere Akquisitionsstrategie vorübergehend ausgesetzt“, so Klöckner-Finanzchef Gisbert Rühl gegenüber €uro am Sonntag. „Priorität hat zunächst die Entschuldung.“

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Oskar

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