10.08.2008 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 32/08

"Krisen vorhersagen zu wollen, ist verrückt"

Die altgedienten Wall-Street-Profis Chistopher und William Browne über die Finanzkrise, Investmentstrategien und aktuelle Aktienfavoriten.
Tim Schäfer, New York

Sie gehören zu den alten Hasen an der Wall Street - und das ist keineswegs despektierlich gemeint. Die Brüder Christopher und William Browne sind seit 1969 beziehungsweise 1978 im Führungsteam der altehrwürdigen Investmentgesellschaft Tweedy Browne. Von der noblen New Yorker Park Avenue aus verwaltet die Firma über zwölf Milliarden Dollar - 680 Millionen davon stammen übrigens aus dem Privatvermögen der Mitarbeiter. Für institutionelle und private Investoren sucht Tweedy Browne rund um den Globus nach unterbewerteten, kerngesunden Unternehmen. Die Gesellschaft verfolgt dabei streng die Strategie des Value Investing. Als Vater dieses Anlagestils gilt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Benjamin Graham, dessen Student Warren Buffett war. Er wurde so zum erfolgreichsten Investor aller Zeiten. Die Brownes über die Finanzkrise, ihre aktuellen Favoriten und über Warren Buffett.

Euro am Sonntag: Der Dow liegt deutlich unter seinem Höchststand. Wo sehen Sie ihn zum Jahresende?

Christopher Browne: Wir haben ein unprognostizierbares Chaos. An einem Tag korrigieren wir um 240 Punkte, am nächsten Tag steigt der Markt um 260 Zähler. Vergessen Sie Prognosen, das ist die reinste Zeitverschwendung.

Euro am Sonntag: Halten Sie die gegenwärtig kritische Situation für einen guten Zeitpunkt, um Aktien zu kaufen?

William Browne: Sie müssen als Anleger zunächst einen philosophischen oder intellektuellen Rahmen für Ihre Investitionen entwickeln. Dann sind Sie in der Lage, die hysterischen Aspekte im gegenwärtigen Umfeld auszuklammern. Was wir hier tun, ist eine Vollzeitbeschäftigung. Wenn Sie Rechtsbeistand brauchen, gehen Sie zum Anwalt. Wenn Sie krank sind, gehen Sie zum Arzt. Wenn Sie nur vereinzelt eine Aktie kaufen, weil Sie etwas aufgeschnappt haben, ist es besser, Ihr Geld jemandem anzuvertrauen, der sich täglich damit befasst.

Euro am Sonntag: Die Kurse der großen Wall-Street-Banken sind zum Teil um 80 Prozent eingebrochen. Stehen wir vor einer Wende?

William Browne: Wir versuchen, das zu wissen, was man wissen kann. Du entscheidest dich für das Investment, von dem du die meisten Fakten gesammelt hast. Diese Vorgehensweise erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass du richtig liegst. Der beste Weg ist, sich auf Firmen und deren Bewertung zu fokussieren. Krisen wird es immer geben. Der Versuch, sie richtig vorherzusagen, wann ich im Markt bin und wann nicht, ist eine verrückte Vorgehensweise.

Euro am Sonntag: Haben Sie eine Wall-Street-Bank im Portfolio?

William Browne: Nein. Wir sehen uns was an und prüfen, wo die Lage zu pessimistisch beurteilt wird. Dann ziehen wir unsere Schlüsse. Wir haben ein paar Firmen im Kopf. Wir wissen jedoch nicht, wann sich die Unterbewertung korrigiert. Wir sind grundsätzlich Optimisten und glauben nicht, dass die Welt untergeht. Aktien werden wieder zu normalen Bewertungen steigen. In der Zwischenzeit müssen Sie sicherstellen, in Geschäfte zu investieren, deren Kriterien Sie mögen, wo Sie Eigner sein wollen. Diese Firmen müssen die finanzielle Stärke haben, die Sie durch die schwierige Zeit bringt. In Europa haben wir zum Beispiel die Münchener Rück. Ich glaube, das ist eine sehr billige Aktie.

Euro am Sonntag: Die Aktie ist doch gerade eingebrochen?

William Browne: Ja, ein Teil des Aktienportfolios der Münchener Rück ist preislich korrigiert worden, weil die Märkte schwach waren. Das hat sich im Ergebnis niedergeschlagen. Schauen Sie sich die Zahlen an: Auf normalisierter Ergebnisbasis bewegt sich das Kurs/Gewinn-Verhältnis zwischen fünfeinhalb und sieben. Wenn Sie die Aktie kaufen, sprechen wir über eine Nachsteuerrendite von 16 Prozent. Das ist nicht schlecht. Sie zahlen eine Dividendenrendite von 5,5 Prozent.

Euro am Sonntag: Günstige Kurs/ Gewinn-Verhältnisse sind doch üblich im Finanzsektor?

William Browne: Nun, die Aktie wurde vor nicht allzu langer Zeit bei 150 Euro gehandelt. Wenn sie in naher Zukunft noch mal bei 150 Euro notiert, dann sind das 40 Prozent mehr im Kurs. In der Zwischenzeit zahlt mir die Gesellschaft 5,5 Prozent Rendite. Und dann wird die Aktie unter ihrem Nettovermögen gehandelt. Im Portfolio sind nicht viele schlechte Assets. Danach schaue ich zuerst. Das ist ein viel einfacherer Weg, Geld zu verdienen, anstatt herauszufinden, wann bei Merrill Lynch der Boden erreicht ist.

Christopher Browne: Wir konzentrieren uns auf die Frage: Was kann schiefgehen - anstatt zu fragen, was kann gut laufen. Das passiert von ganz allein. Wir müssen also das Risiko analysieren, wo mögliche Desaster lauern.

Euro am Sonntag: Welches sind denn Ihre derzeitigen Favoriten?

William Browne: Telecinco in Spanien, das ist die größte TV-Anstalt dort. Sie haben den größten Marktanteil und ein gutes Programm. Der Kurs ist stark eingebrochen, weil die Werbeausgaben zurückgehen. Fernsehen verfügt aber über die größte Zahl an Konsumenten, und die Leute wenden sich nicht vom Fernsehen ab. Das zweite Argument: Die Fragmentierung ist in Spanien, anders als etwa in den USA, kein großes Problem. Wir glauben, die Aktie notiert viel zu tief - selbst vor dem Hintergrund der derzeitigen Probleme.

Christopher Browne: Wenn Sie eine billige Finanzaktie suchen, dann KBC Groep: Es ist die größte Privatkundenbank in Belgien. Sie betreiben ein Franchisegeschäft in Osteuropa, das sie derzeit aufbauen. Dort sind die Banken noch nicht ausreichend vertreten. Sie haben eine sehr starke Privatkundenbasis, sind also sehr gut finanziert. Vom Subprime-Debakel sind sie nicht betroffen. Das KGV beträgt nur sechs, die Dividendenrendite 5,5 Prozent.

Euro am Sonntag: Wie finden Sie Ihre Aktienfavoriten? Besuchen Sie Analystenveranstaltungen oder sprechen Sie mit dem Management?

William Browne: 90 Prozent und mehr sortieren wir durch die Datenbank aus. Mit dem Rest beschäftigen wir uns dann, prüfen die Finanzberichte, sprechen mit Wettbewerbern und Firmenvertretern. Wir sprechen mit Analysten - nicht wegen ihrer Meinung, wir wollen nur sichergehen, dass wir alle Daten korrekt gesammelt haben. Wir reden dann intern sehr viel.

Christopher Browne: Es ist manchmal aufschlussreicher, mit den Konkurrenten zu sprechen anstatt direkt mit den Firmen.

Euro am Sonntag: Was haben Sie von Warren Buffett gelernt?

Christopher Browne: Wir haben eine lange Geschäftsbeziehung mit Warren Buffett. 1958 oder 1959 starteten wir die Kooperation. Mein Vater kaufte alle Berkshire-Hathaway-Aktien für Warren. Als Broker dürfen Sie selbst leider nicht die gleichen Aktien erwerben. Mein Vater kaufte also die Aktie für 15 Dollar das Stück. Jetzt kostete Berkshire Hathaway 120000 Dollar.

William Browne: Warren ist genial in der Aufteilung von Vermögen. Er lehrte uns etwas sehr Wichtiges: In den frühen 70er-Jahren fokussierten sich alle auf das Kurs/Buchwert-Verhältnis, niedrige Kurs/Gewinn-Verhältnisse, auf die Nettovermögenswerte etc. Warren begann dagegen, auf den ersten Blick substanzlose Geschäfte zu kaufen. Die Firmen wiesen durchaus ökonomische Kriterien auf wie den Preisgestaltungsspielraum. Das beste Beispiel ist die TV-Industrie. Sie haben im Grund genommen keinen Buchwert, sie besitzen lediglich eine Lizenz wie beispielsweise CBS News.

Euro am Sonntag: Wie lange wird die Rezession in den USA dauern?

Christopher Browne: Die Politiker versuchen, die Ökonomie schlechtzureden. Das müssen sie tun, um gewählt zu werden. Die Wirtschaft ist nicht allzu schlecht. Ja, wir sind in einer Rezession, auch wenn wir die zwei Quartale mit einer rückläufigen Produktivität nicht hatten.

William Browne: Die Arbeitslosenquote in den USA liegt bei 5,5 Prozent. Wenn Sie diese Rate in Deutschland hätten, würde die Kanzlerin vor lauter Ekstase in der Luft schweben. Keine Frage: Wir haben Schulden, die bereinigt werden müssen, und schlechte Hypotheken, die zu bereinigen sind. Die meisten Hypotheken und Häuser liegen aber immer noch über ihrem Einstandspreis. In den Medien ist es so: Flugzeuglandungen machen keine Nachrichten, Flugzeugabstürze dagegen schon.

Münchener Rück - Tief gestürzter Riese


Tweedy Browne verwaltet drei Fonds: Global Value, Value und den High Dividend Yield Value Fund. Mit einem Volumen von sechs Milliarden Dollar ist der Global Value Fund der größte. Zu den wichtigsten Positionen zählen Nestlé, der finnische Aufzug- und Rolltreppenhersteller Kone sowie die französische Assekuranz CNP. Seit Auflegung 1993 legte der Fonds im Schnitt um 11,04 Prozent pro Jahr vor Steuern zu. Die Browne-Brüder kaufen profitable Unternehmen, die im Kurs stark gefallen sind und eine niedrige Bewertung aufweisen. In Deutschland sind ihre Fonds für den Vertrieb nicht zugelassen.
Binnen Jahresfrist hat sich der Kurs des führenden spanischen Fernsehsenders mehr als halbiert. Telecinco muss der Konjunkturschwäche Tribut zollen. Zum Halbjahr schrumpften der Umsatz und Gewinn leicht. Die Spanier erreichen 36,9 Prozent der Zuschauer und haben damit gegenüber der Konkurrenz klar die Nase vorn. Mit 35,3 Prozent erwirtschaftet der Konzern eine knackige Nettoumsatzrendite. Nur wenige Firmen erreichen so hohe Margen. Günstig bewertet.
Tendenz: steigend
www.finanzen.net/go/A0B53D
Die belgische Bank expandiert massiv nach Mittel- und Osteuropa. Und das mit Erfolg. Dort baute der Konzern seit sechs Jahren den Gewinn um 32 Prozent jährlich aus. Bis 2010 soll allein Russland 100 Millionen Euro zum Ergebnis beisteuern. Mehr als 3,8 Millionen Kunden zählt KBC im Heimatmarkt, 8,2 Millionen im Ausland. Die Finanzkrise hat allerdings auch KBC erwischt. Im laufenden Jahr setzt sich der 2007 begonnene Abwärtstrend verstärkt fort. Anleger warten vorerst noch ab.
Tendenz: gleichbleibend
www.finanzen.net/go/854943
Aufgrund massiver Abschreibungen auf Aktienanlagen musste der Rückversicherer seine Prognose für das laufende Jahr auf "deutlich über zwei Milliarden Euro" senken. Die Gewinnwarnung "macht uns nicht nervös und sollte die Aktionäre auch nicht nervös machen", sagt Nikolaus von Bomhard. Sie sind es aber. So musste die Firma im ersten Halbjahr höhere Belastungen durch Großschäden verbuchen. Sie stiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 615 auf 777 Millionen Euro. Andererseits war die Schaden-Kosten-Quote in der Rückversicherung überraschend gut, und die Dividende soll auf Vorjahresniveau bleiben. Ebenfalls abwarten.
Tendenz: gleichbleibend
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Oskar

ETF-Sparplan

Oskar ist der einfache und intelligente ETF-Sparplan. Er übernimmt die ETF-Auswahl, ist steuersmart, transparent und kostengünstig.
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