20.07.2008 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 29/08

Länger am Netz

Volkswirte plädieren angesichts hoher Energiepreise für ein Laufzeitverlängerung von Atommeilern.
Thomas Schmidtutz

Die Stimmung unter Deutschlands führenden Ökonomen ist im Juli abgestürzt. Das geht aus dem Ökonomen-Barometer von Euro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv hervor. Danach ist die Erwartung für die wirtschaftliche Entwicklung auf Sicht von zwölf Monaten um sieben Punkte oder rund 20 Prozent auf den neuen Tiefstand von 39 Punkten eingebrochen. Das ist der stärkste Rückgang der Erwartungskomponente seit Start des Ökonomen-Barometers im Dezember 2006. Auch die Einschätzung der aktuellen Lage ist im Juli weggesackt. Mit einem Rückgang um sechs Punkte auf 50,5 Punkte notiert der Wert ebenfalls auf einem neuen Tief. Damit setzt der Index seine Talfahrt nach einer vorübergehenden Seitwärtsbewegung fort. Seit dem Hoch im Juni 2007 hat sich der Erwartungswert nahezu halbiert.

Die Hauptgründe für den steigenden Pessimismus dürften der anhaltend hohe Ölpreis sowie der starke Euro sein. Dazu trübt sich das wirtschaftliche Umfeld auch in der Eurozone ein. So ist die Industrieproduktion in Frankreich und Deutschland im Mai um 2,4 Prozent gesunken. Gleichzeitig lag die Teuerung in Euroland mit zuletzt vier Prozent auf dem höchsten Niveau seit dem Start der Währungsunion 1999.

Angesichts hoher Energiepreise findet die Atomenergie in der Bevölkerung jüngsten Umfragen zufolge wieder mehr Zustimmung. Auch innerhalb der Regierungskoalition wächst die Zahl der Befürworter einer längeren Nutzung der Atomenergie. Die rot-grüne Bundesregierung hatte sich 2002 auf einen schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2022 geeinigt.

Unter Deutschlands Volkswirten stößt der geplante Ausstieg ohnehin auf weitgehende Ablehnung. So halten ihn 70 Prozent grundsätzlich für falsch, nur 17 Prozent dagegen für richtig. Noch deutlicher fällt das Votum bei der Frage nach einer möglichen Verlängerung der Restlaufzeiten aus. Danach sind 80 Prozent der Ökonomen für eine Nutzung bestehender Kernkraftwerke über 2022 hinaus, neun Prozent sind dagegen. Zur Begründung verweisen zahlreiche Experten auf den Klimaschutz: "Wir brauchen die AKWs, um unsere Klimaschutzziele zu erreichen", sagt etwa Wolfgang Pflüger, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

Zudem sei ein Ausstieg ökonomisch nicht nachvollziehbar. "Auf absehbare Zeit sind erneuerbare Energiequellen wie Windkraft oder Solarenergie noch zu teuer", schreibt Professor Johann Eekhoff von der Uni Köln. Ein weiterer Anstieg der Strompreise könne "nur durch Laufzeitverlängerungen in Grenzen gehalten werden". Durch das frühzeitige Abschalten werde leichtfertig Vermögen vernichtet, meint etwa Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Allerdings weisen mehrere Experten wie etwa Klaus Schruefer, Leiter der Investmentstrategie bei SEB, darauf hin, dass die Frage der Endlagerung radioaktiver Abfälle weiter ungeklärt sei.

Unterdessen wächst auch unter Deutschlands Ökonomen die Furcht vor einer Stagflation in der Eurozone. 50 Prozent der Volkswirte sehen eine solche Gefahr für Europa, 44 teilen diese Sorge nicht. Unter dem Begriff Stagflation verstehen Volkswirte eine wirtschaftliche Stagnation, gepaart mit einer hohen Inflation. Man müsse aufgrund der gestiegenen Energienachfrage vor allem aus Indien und China von einem "dauerhaften Energiepreisanstieg ausgehen", so Professor Ansgar Belke von der Uni Duisburg-Essen. Dies könne sich über Kanäle wie Flugreisen oder Urlaub fortpflanzen und "über Zweit- und Drittrundeneffekte" auch energieferne Bereiche erreichen.

Ein Eingreifen der EZB hält die Mehrheit jedoch derzeit für nicht angezeigt. So meinen 70 Prozent der Volkswirte, die EZB solle die Zinsen zunächst stabil halten. Der Ölschock belaste die Wirtschaft so sehr, dass der Inflationsdruck über die steigende Arbeitslosigkeit gedämpft werde, erwartet Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Bank of America.

Für das Ökonomen-Barometer wurden zwischen dem 9. und 17. Juni über 300 Volkswirte befragt.

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Oskar

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